Nach Raub im Grünen Gewölbe: Wie sicher ist Sachsens Schatzkammer?

Dresden - War Sachsens Schatzkammer ausreichend gesichert? Ministerpräsident Michael Kretschmer (44, CDU) war bislang davon ausgegangen. "Wir sehen, dass das nicht der Fall ist. Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen." Wie sehen die Sicherheitsmaßnahmen aus?

Bittere Stunde: Generaldirektorin Marion Ackermann (2.v.r.) betonte bei der gestrigen Pressekonferenz den unschätzbaren Wert der gestohlenen Pretiosen.
Bittere Stunde: Generaldirektorin Marion Ackermann (2.v.r.) betonte bei der gestrigen Pressekonferenz den unschätzbaren Wert der gestohlenen Pretiosen.  © Steffen Füssel

Es gibt eine Sicherheitszentrale - in der Nacht war sie mit zwei Leuten besetzt, so Dirk Syndram (64), Direktor des Grünen Gewölbes.

Zudem gibt es Streifengänge.

Die betroffene Vitrine ist aus "dichtem, dickem Sicherheitsglas", gesichert gegen Berührung. Vorhanden sind auch Bewegungsmelder im Raum, so Marion Ackermann (54), Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen (SKD). Offenbar aber nicht am vergitterten Fenster, ebenfalls aus Sicherheitsglas.

Bewaffnet sei das Sicherheitspersonal nicht, so Ackermann. Ihr Vor-Vorgänger im Amt, Martin Roth (†62), hatte 2010 noch gesagt: "Wir haben bewaffnetes Sicherheitspersonal. Das sehen Sie nur nicht."

Und: "Wenn Sie bei uns ins Grüne Gewölbe gehen, scheint das nicht geschützt zu sein. Aber es ist gesichert wie Fort Knox."

Diese Vitrine wurde ausgeraubt

Diese Vitrine schlagen die Diebe in Dresden im Video ein. Viele Stück lassen sie aber zurück, denn sie sind mit dem Untergrund vernäht.
Diese Vitrine schlagen die Diebe in Dresden im Video ein. Viele Stück lassen sie aber zurück, denn sie sind mit dem Untergrund vernäht.

Unklar ist bislang, ob ein technischer Alarm ausgelöst hat, etwa an der Vitrine.

Ackermann: "Unsere Sicherheitszentrale hat sofort die Polizei informiert, nachdem sie es auf dem Video beobachtet hat. Es ist in allen Museen der Welt so: Menschenleben geht vor anderem. Und deshalb wird die Polizei gerufen, damit sie sofort kommt."

Das Sicherheitspersonal schaut also nicht selbst nach. Sie sei der Auffassung gewesen, es sei alles Menschen- und technisch Mögliche für die Sicherheit getan worden. "Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht."

Was am Montag geschah:

Das Überwachungsvideo zeigt die Täter

Diese Stücke sind verschwunden

© SKD

Es sind knapp 100 Stücke aus drei Juwelen-Garnituren aus dem 18. Jahrhundert, die in der ausgeraubten Vitrine lagen. Nicht alle gestohlen worden, denn viele konnten die Diebe nicht einmach herausnehmen, denn sie waren mit dem Untergrund vernäht.

Doch: Die Vollständigkeit der Staatsjuwelen-Ensembles ist einzigartig in Europa. Darin besteht ihr größter Wert.

Die Diamantrosengarnitur (37 Stücke) stammt aus den Schätzen Augusts des Starken.

Auch die Brillantgarnitur (37 Stücke) fand ihren Anfang bei August, unterlag aber Veränderungen, sodass die meisten Stücke heute aus der Zeit 1782-'89 stammen. Es sind Orden, Adelsschleifen, Knöpfe, Schnallen, Epauletten.

Diese Vitrine schlagen die Diebe in Dresden im Video ein. Viele Stück lassen sie aber zurück, denn sie sind mit dem Untergrund vernäht.
Diese Vitrine schlagen die Diebe in Dresden im Video ein. Viele Stück lassen sie aber zurück, denn sie sind mit dem Untergrund vernäht.

"Getragen hat sie Augusts Urenkel Friedrich August III., der spätere erste sächsische König", so Dirk Syndram (64), Direktor des Grünen Gewölbes.

Wie auch die Diamantrosengarnitur: 1718 hatte August der Starke das in Rosenschliff gehaltene Ensemble modernisieren lassen. Sie wurde wahrscheinlich von seinem Hofjuwelier Dinglinger geschaffen.

Das dritte Ensemble der Vitrine sind der Diamantenschmuck und die Perlen der Königinnen (20 Stücke). Das älteste Stück ist in dieser Sammlung wahrscheinlich eine Haarnadel mit einem Diamanten besetzt, die von Maria Josepha, der Ehefrau vom Sohn Augusts des Starken. Auch sie soll von Dinglinger stammen.

Übrigens: Die Juwelen sind nicht versichert, der Freistaat haftet.

Zusammenfassung: So lief der Raub im Grünen Gewölbe

Durch dieses Fenster brachen die Diebe ein.
Durch dieses Fenster brachen die Diebe ein.  © TAG24

Es ist der wohl größte Kunstraub der Nachkriegsgeschichte und ein besonders dreister dazu:

Am Montagmorgen wurde der Staatsschatz aus dem Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe (Residenzschloss) aus einer Vitrine gestohlen. Die Polizei verpasste die Einbrecher knapp. Der Verlust ist in Euro nicht zu beziffern.

Über ein Fenster im Erdgeschoss stiegen die Kunsträuber ein. Sie sägten Teile des Fenstergitter weg (warum hörte das keiner?), zerschlugen die Scheibe, stiegen ein, eilten ein paar Räume weiter ins Juwelenzimmer, zertrümmerten dort das Sicherheitsglas der Vitrine mit einer Axt (siehe Video oben) und flüchteten - drei Juwelengarnituren aus der Zeit Augusts des Starken (1670-1733) im Gepäck - offenbar über denselben Weg: aus dem Fenster.

Sie waren schnell, ihr Einbruch geplant.

Um 4.59 Uhr alarmierte der Sicherheitsdienst im Residenzschloss über den Notruf 110 die Polizei. Auf den Monitoren in der Sicherheitszentrale hatten die Wachleute die beiden Diebe gesehen – während der Tat. Um 5.04 waren die ersten Polizisten vor Ort. Da waren die Räuber bereits fort.

Hier sieht man, wo vier Streben des Gitters entfernt wurden.
Hier sieht man, wo vier Streben des Gitters entfernt wurden.

Nur eine Minute später gab es einen Hinweis auf ein Fluchtfahrzeug. Alle um diese Morgenstunde verfügbaren Funkstreifenwagen (16 insgesamt) wurden alarmiert.

Zur selben Zeit (5.09 Uhr) ging das Licht am Theaterplatz aus. Der Brand eines Elektroverteilers an der Hofkirche wurde erst 5.21 Uhr gemeldet. Vermutlich von den Tätern zur Ablenkung und um einen Stromausfall zu verursachen, gelegt

Um 5.14 Uhr brannte ein abgemeldeter Audi A6 in einer Tiefgarage an der Kötzschenbrodaer Straße (Pieschen) nahe der Autobahn.

"Es ist möglich, dass es das Fluchtauto ist", so Kripo-Chef Volker Lange. Inzwischen wurden auch die Bundespolizei sowie die Kollegen in Brandenburg, Polen und Tschechien um Unterstützung gebeten. Bislang verlief die Fahndung erfolglos.

Seit Montagfrüh 7 Uhr ermittelt die Soko "Epaulette" des LKA mit 20 Beamten.

Die Angst um die Juwelen, die weltbekannt sind und schon deshalb nicht als Ganzes verkauft werden könnten, steigt: "Der Wert ist unbezifferbar und liegt in der Vollständigkeit der Garnituren", so Marion Ackermann (54), Direktorin der SKD. Dirk Syndram (64), Direktor des Grünen Gewölbes, spricht von einem "Weltkulturerbe".

  • Fragen, warum dieser Schatz so einfach verschwinden konnte, bleiben offen.
  • Warum sah der Wachdienst nur Bilder der Ganoven und griffen nicht ein?
  • Warum machte offenbar kein Alarm am Fenstergitter oder spätestens beim Einsteigen der Juwelenräuber die zwei Wachleute viel eher aufmerksam auf die Kunsträuber?

Zur Einbruchszeit war die Stromversorgung - sollte der Ausfall überhaupt Einfluss auf das Schloss haben - noch intakt.

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