Ernteschlacht! Sachsens Getreidebauern machen gerade Überstunden

Dresden - Auch wenn die meisten Städter es nicht mitbekommen: In Sachsen tobt die Ernteschlacht! Abertausende Tonnen Getreide werden in diesen Tagen auf den Feldern gedroschen; Qualität und Menge sind wegen der zweiten trockenen Saison in Folge eher unterdurchschnittlich.

Andreas Jahnel ist beim Landesbauernverband Experte für Ackerbau.
Andreas Jahnel ist beim Landesbauernverband Experte für Ackerbau.  © Amac Garbe

Die gute Nachricht: Auf das maschinelle - und damit teure - Trocknen des geernteten Korns können Sachsens Ackerbauern in diesem Jahr getrost verzichten. Das dürfte wohl der einzige Lichtblick bleiben. Denn es verdichten sich die Anzeichen, dass die diesjährige Getreideernte eher mager ausfällt.

Andreas Jahnel, Referatsleiter Acker- und Pflanzenbau im Landesbauernverband: "Etwa ein Drittel der sächsischen Getreideernte dürfte jetzt durch sein. In Nordsachsen sind schon alle Getreidekulturen geerntet."

Gemeint sind vor allem Wintergerste, Roggen und Winterweizen (andere Sorten wie Hafer oder Hartweizen fallen hierzulande kaum ins Gewicht).

Im Erzgebirge dagegen hat die Ernte gerade erst begonnen - wegen der höheren Lagen ist das Getreide dort erst etwas später reif. Jahnel: "Bei der Wintergerste ist die Qualität leicht unterdurchschnittlich. Bei den anderen Kulturen muss man noch abwarten, doch die ersten Ergebnisse verheißen nichts Gutes."

Einbußen von bis zu 30 Prozent - wie im Vorjahr - seien zu befürchten.

Trockenheit und steigende Kosten

Gerhard Förster (64), Chef einer Agrargenossenschaft im Landkreis Meißen, begutachtet den diesjährigen Weizen. Die Ernte fällt wohl recht bescheiden aus.
Gerhard Förster (64), Chef einer Agrargenossenschaft im Landkreis Meißen, begutachtet den diesjährigen Weizen. Die Ernte fällt wohl recht bescheiden aus.  © Steffen Füssel

Ein anderer, der das harte Geschäft des Ackerbaus seit Jahren kennt, ist Gerhard Förster (64). Der Diplom-Agraringenieur ist Geschäftsführer der "Agrargenossenschaft Unteres Sächsisches Elbtal Kreinitz". Die zirka 2000 Hektar Land des 16-Mann-Betriebs reichen bis nach Riesa.

Förster: "Leider ist dies wohl wieder ein Dürrejahr. Die Böden sind bis zu zwei Meter tief ausgetrocknet." Zur Jammerei neigt der einst jüngste LPG-Vorsitzende im Bezirk Dresden ("Wir hatten auch gute Jahre") nicht. Andererseits redet er auch nicht um den heißen Brei herum.

Förster weiß: "Es wird immer schwieriger, Erträge zu erwirtschaften." Neben der Trockenheit liege das auch an steigenden Personal-, Energie- und sonstigen Betriebskosten. Ein Mähdrescher beispielsweise koste neu etwa 400.000 Euro.

"Damit der sich rentiert, muss er zehn Jahre halten, jedes Jahr 700 Hektar abernten." Größere Reparaturen sind da nicht eingerechnet.

Der Verkaufspreis wird am Weltmarkt bestimmt

Eric Breiting (23) im Mähdrescher: ein moderner "Ernte-Kapitän".
Eric Breiting (23) im Mähdrescher: ein moderner "Ernte-Kapitän".  © Steffen Füssel

Dafür können die modernen Hi-Tech-Fahrzeuge aber auch allerhand. In der klimatisierten Kabine berechnet ein Bordcomputer im Voraus, wie sich das Feld am effizientesten (ohne Umwege) mähen lässt. Die vom neun Meter breiten Schneidwerk gekappten Getreidehalme werden drinnen gedroschen, also in Stroh, Spreu und Korn geteilt.

Der Ertrag wird ebenfalls am Computer angezeigt, genau wie der Spritverbrauch - rund 18 Liter Diesel pro Hektar (manchmal 600 Liter/Tag). Die Zeiten, als Mähdrescherfahrer - zu DDR-Zeiten noch ehrfürchtig "Erntekapitäne" genannt - Hitze und Staub ausgesetzt waren, sind jedenfalls vorbei. Immerhin.

Auf den Verkaufspreis des geernteten Getreides haben Sachsens Landwirte so gut wie gar keinen Einfluss. "Der wird am Weltmarkt bestimmt", erklärt Gerhard Förster. Vor allem an den Warenterminbörsen in Chicago und Paris.

Momentan bekäme der Erzeuger für das Kilogramm Weizen etwa 14 Cent. "Dabei konkurrieren wir mit Erzeugerländern wie Argentinien, wo die Sozial- und Umweltstandards ganz andere sind", sagt Förster. Landarbeiter aus Bolivien und Paraguay würden dort schon für 200 Dollar im Monat arbeiten.

Seit die EU ein Freihandelsabkommen mit Südamerika vereinbart hat (ganz frisch!), sehen die Aussichten nicht rosiger aus. Dabei, sagt Förster, würde kein Verbraucher es wirklich spüren, wenn die Getreidepreise steigen. "Am Preis für Brot oder Bier macht der Getreideanteil nämlich gerade mal zwei Prozent aus."

Und dafür ist die Ernteschlacht dann doch ganz schön viel Plackerei...

Zahlen & Fakten zum Thema

Was hier geerntet wird, landet zu einem Gutteil als Brot auf unseren Tischen.
Was hier geerntet wird, landet zu einem Gutteil als Brot auf unseren Tischen.  © Marijan Murat/dpa

• 900 000 Hektar werden in Sachsen landwirtschaftlich genutzt - ziemlich genau die Hälfte der Gesamtfläche.

• Davon sind 704 500 Hektar Ackerfläche, von der wiederum gut die Hälfte - 378 900 Hektar - dem Getreideanbau dient.

• Die wichtigsten Getreidearten in Sachsen sind der Winterweizen (50,2 Prozent nach Anbaufläche) vor der Wintergerste (23,7 %), Roggen und Wintermenggetreide (7,3 %), Sommergerste (6,6 %) und Hafer (2,7 %). Im Vergleich zu Weizen, der recht gute Böden braucht, ist der Roggen anspruchsloser.

• Aus einem Kilogramm Getreidekörner werden etwa 700 Gramm Mehl gewonnen. Der Rest sind Schalen.

• Ein Hektar landwirtschaftliche Fläche in Sachsen kostet im Schnitt gerade 14 100 Euro.

• Sauber und trocken kann das Korn im Edelstahlsilo über Monate nahezu ohne Qualitätsverlust lagern. Vorteil: Der Landwirt hat etwas Spielraum und kann auf ein Steigen der Weltmarktpreise hoffen, ehe er seine Ernte verkauft.

Je breiter das Schneidwerk, desto schneller ist die Arbeit erledigt. Auf die Straße passt man so aber nicht mehr.
Je breiter das Schneidwerk, desto schneller ist die Arbeit erledigt. Auf die Straße passt man so aber nicht mehr.  © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Titelfoto: Amac Garbe, Steffen Füssel, Marijan Murat/dpa, Pat

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