Unbefriedigend! Miese Noten für Sachsens Flüsse

Auch wenn in der Elbe hier bei Dommitzsch - wieder Leben zu finden ist, ihr Zustand ist unbefriedigend.
Auch wenn in der Elbe hier bei Dommitzsch - wieder Leben zu finden ist, ihr Zustand ist unbefriedigend.

Dresden - Die Pleiße stinkt nicht mehr nach Chemie, in der Elbe tummeln sich wieder die Lachse, und auf der Mulde treiben keine Schaumflocken mehr. Seit der Wende hat sich der Zustand der sächsischen Flüsse erheblich verbessert - scheint es zumindest. Denn Lebensadern, die sie ja sein sollten, sind sie damit noch lange nicht:

64 Prozent der Fließgewässer erhalten beim chemischen oder ökologischen Zustand die untersten Noten Vier und Fünf - unbefriedigend und schlecht.

Gerade einmal drei Prozent werden mit einer Zwei (gut) bewertet.

Die Probleme sind vielfältig.

Eine fast heile Welt gibt es im Kirnitzschtal.
Eine fast heile Welt gibt es im Kirnitzschtal.

EU schiebt ehrgeizige Ziele auf die lange Bank

Im Jahr 2000 beschloss das EU-Parlament die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Ein ursprüngliches Ziel lautete, dass 2015 alle Flüsse und Bäche Europas in gutem oder sehr gutem Zustand sind. Das Ziel wurde knallhart verfehlt und auf 2021 und zum Teil 2027 verlängert.

Die Kriterien sind zugegeben äußerst ehrgeizig und schwer erfüllbar. "Sehr gut" ist der Fluss dann, wenn man den Einfluss des Menschen kaum noch bemerkt. Geprüft werden sowohl der chemische Zustand der Fließgewässer als auch die biologische Vielfalt und die ökologische Qualität.

Besonders knifflig ist die Endbenotung des Gewässers in Schulnoten:

Der Fluss darf insgesamt nicht besser bewertet werden als die Note in seiner schlechtesten Kategorie. Somit könnte auch in einem miserabel bewerteten Bach noch das pralle Leben existieren...

Nach der europäischen Qualitätsnorm verdient kein einziger sächsischer Fluss das Prädikat sehr gut. Während der Süden mit Altlasten aus dem Bergbau zu kämpfen hat, sind im flachen Norden die Einträge aus der Landwirtschaft zu hoch.
Nach der europäischen Qualitätsnorm verdient kein einziger sächsischer Fluss das Prädikat sehr gut. Während der Süden mit Altlasten aus dem Bergbau zu kämpfen hat, sind im flachen Norden die Einträge aus der Landwirtschaft zu hoch.

Die Lachse waren die ersten, die angesiedelt werden konnten. Jetzt freuen sich die Angler, dass in der Elbe auch Barben und ein Süßwasserfisch namens Nase schwimmen - und zwar immer reichlicher.

Das alles sind Fischarten, die höhere Ansprüche an ihre Umgebung haben und nur in sauberem Wasser zu finden sind.

Und weil Fische im Fluss am Ende der Nahrungskette stehen, könnte dies ein Zeichen sein, dass in Sachsens Fließgewässer tatsächlich wieder ein gesunder Lebensmix einzieht. Denn auch von anderen Flüssen melden Angler Neuentdeckungen.

Dass sich die Wasserqualität seit der Wende erheblich gebessert hat, bestätigt die Statistik des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG).

Das liegt nicht nur daran, dass Industrieeinleitungen der Vergangenheit angehören. Auch die Arbeit der Abwasserverbände und viele modernisierte Kläranlagen leisten ihren Beitrag.

Wenn sich die Bachforelle angesiedelt hat, ist der Fluss zumindest auf einem guten Weg.
Wenn sich die Bachforelle angesiedelt hat, ist der Fluss zumindest auf einem guten Weg.

Nur: Von völlig heilen Flusslandschaften ist Sachsen noch weit entfernt. Im Freistaat gibt es nicht ein einziges Fließgewässer, das dem entsprechenden Leitbild eines völlig gesunden Flusses seiner Art entspricht. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Für die Europäische Wasserrichtlinie (WRRL) hat das LfULG Sachsens Flüsse und Bäche in 616 Wasserkörper eingeteilt. Von denen erreichen gerade einmal drei Prozent die Note Zwei. Knapp zwei Drittel (64%) unserer Flüsse werden mit Vier oder Fünf benotet - unbefriedigend und schlecht.

Jeder Wasserkörper wird mindestens aller drei Jahre auf seine chemische und biologische Qualität untersucht. Auch 162 biorelevante Schadstoffe werden gemessen. Die Gesamtnote kann nie besser als die schlechteste Einzelnote sein. Ursache für den mangelnden Tier-Lebensraum sind oft Querbauwerke wie Wehre - im Abbau ist Sachsen noch nicht weit gekommen.

Hauptproblem ist aber in vielen Gewässern die überhöhte Nährstoffkonzentration - Phosphor und Nitrat. Hinzu kommen Belastungen mit Cadmium, Arsen, Kupfer und Zink, aber auch Pflanzenschutzmittel. Im Bundesvergleich liegt Sachsen bei den Flüssen im hinteren Drittel.

Und so wissen auch die Angler, dass die Elbe bei bestimmten Qualitätsstandards nicht mithalten kann und die Fische mit Quecksilber- und Chlorverbindungen belastet sind. Mehr als zwei Kilo Elbfisch sollte man nicht im Monat verzehren.

Unter dem Mikroskop erkennt man, warum die Blaualge so heißt - sie wurde der Elbe entnommen.
Unter dem Mikroskop erkennt man, warum die Blaualge so heißt - sie wurde der Elbe entnommen.  © BfUL

Diese Arten fühlen sich hier (wieder) wohl

Regelmäßig besuchen Biologen die sächsischen Flüsse, um für die Bewertung des ökologischen Zustandes nach Wasserlebewesen zu suchen. Alles wird dokumentiert, einiges fotografiert.

Auch wenn das Landesamt 97 Prozent der Fließgewässer keinen guten Zustand zuschreibt, gibt es dennoch eine Menge Leben im Fluss.

Ein Fisch namens Nase schwimmt inzwischen in Schwärmen durch die Elbe
Ein Fisch namens Nase schwimmt inzwischen in Schwärmen durch die Elbe
In der Kirnitzsch gedeiht der Wasserstern - er kommt recht häufig in Sachsens Flüssen vor.
In der Kirnitzsch gedeiht der Wasserstern - er kommt recht häufig in Sachsens Flüssen vor.  © BfUL
Die geänderte Prachtlibelle - hier die Larve lässt sich an langsam fließenden Bächen und krautreichen Kanälen nieder.
Die geänderte Prachtlibelle - hier die Larve lässt sich an langsam fließenden Bächen und krautreichen Kanälen nieder.  © BfUL
Die geblich-hellbraunen Larven der Großen Eintagsfliege findet man meist im Mai an Bächen.
Die geblich-hellbraunen Larven der Großen Eintagsfliege findet man meist im Mai an Bächen.  © BfUL
Der Bachflohkrebs gehört zu den häufigsten Bewohnern der kleineren Flüsse in Deutschland.
Der Bachflohkrebs gehört zu den häufigsten Bewohnern der kleineren Flüsse in Deutschland.  © BfUL

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