Diese Frau kippt ständig um und das Sozialamt schaut weg

Seit Jahren kämpft die schwerkranke Frau um die Hochstufung ihres Schwerbehinderten-Grades. Das Dresdner Sozialamt verweigert ihr diese.
Seit Jahren kämpft die schwerkranke Frau um die Hochstufung ihres Schwerbehinderten-Grades. Das Dresdner Sozialamt verweigert ihr diese.  © Eric Münch

Dresden - Ihre heimtückische Krankheit schlägt ohne Vorwarnung zu: Sybille Viereck (59) aus Dresden fällt plötzlich in Ohnmacht. 

Die Dresdnerin kippt einfach um. Beim Einkaufen, im Wartezimmer und mitten auf der Straße.

Als die Fußgänger-Ampel an der Bautzner Landstraße auf Grün schaltete, ging Sybille Viereck los. Nur wenige Meter sind es bis rüber. Doch plötzlich wurde ihr schwindelig. "Ich dachte nur noch, ich muss es bis rüber schaffen", erinnert sie sich.

"Auf dem Boden kam ich zu mir, um mich herum lauter fremde Menschen." Seit 2012 verliert Sybille Viereck regelmäßig ihr Bewusstsein. Es kann Sekunden dauern oder auch Minuten. Mediziner sagen "Synkope" dazu. Zwei bis drei Mal pro Monat passiert ihr es. 

Etwa beim Einkaufen in der Centrum Galerie. Als sie wieder zu sich kam, war der Notarzt bei ihr. "Es war mir so unangenehm. Die Leute schauten mich so komisch an. Ich hätte mich am liebsten eingegraben."

Plötzlich ohnmächtig: So wie hier kippte Sybille Viereck (59) auch schon auf der viel befahrenen Bautzner Landstraße um.
Plötzlich ohnmächtig: So wie hier kippte Sybille Viereck (59) auch schon auf der viel befahrenen Bautzner Landstraße um.  © Eric Münch

Bislang hatte sie bei ihren Stürzen "Glück": Einmal habe ich mir den Schädel geprellt. Meist bleibt es bei Hämatomen.“

Ohne ihren Rollator verlässt sie nicht mehr ihr Zuhause. „Wenn es passiert, versuche ich auf meinem Rollator zusammenzusacken.“ Es gelingt ihr nicht immer. „Ich lebe in ständiger Angst vorm Umfallen“ sagt Frau Viereck. „Ich gehe auf Termine eher los, damit ich noch pünktlich bin, falls ich umkippe.“ 

Die Nachbarin hat ihren Wohnungsschlüssel: „Wenn es bei mir laut kracht, weiß sie, dass ich mal wieder umgefallen bin.“ Ohne Begleitung traute sie sich dieses Jahr nicht aufs Stadtfest. Zu groß die Scham, im Ernstfall alleine und hilflos zu sein. 

Aber verkriechen will sie sich nicht. Seit Jahren kämpft sie für die Anhebung ihre Schwerbehinderten-Grades von 70 auf 90 und Merkzeichen G. Es würde die EU-Rentnerin, die weitere körperliche und psychische Probleme hat, finanziell entlasten, bessere Betreuung ermöglichen.

Das Dresdner Sozialamt verweigert ihr das. Warum, wollte die Behörde mit Verweis auf ein laufendes Verfahren am Sozialgericht nicht beantworten. "Meine Krankheit macht mich ohnmächtig", sagt Sybille Viereck. "Die größte Ohnmacht aber empfinde ich gegenüber der Behörde."

Was ist Synkope?

Unter „Synkope“ versteht man einen plötzlich auftretenden Bewusstseinsverlust infolge einer Minderdurchblutung des Gehirns. Diese Ohnmacht ist meist kurz, kann aber auch wenige Minuten anhalten. Entscheidend für die Bedeutung ist der Auslöser: Es gibt die „Reflex-Synkope“, die infolge von Umgebungs-Reizen wie Aufregung oder Anstrengungen ausgelöst wird. So kippen regelmäßig kreischende Teenies auf Konzerten ihrer Stars um. Etwa jeder fünfte Jugendliche hat bereits eine Reflex-Synkope erlebt.

Rund ein Drittel aller Synkopen hat aber organische Ursachen wie Herzerkrankungen. Patienten haben eine geringere Lebenserwartung. Unter wiederholt auftretenden Synkopen (wie etwa bei Sybille Viereck) leidet etwa Einer unter 1000 Menschen.

Titelfoto: Eric Münch


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