Angebliche Rentnerabzocke: Freispruch nach neuem Stimmgutachten

Dresden - Freispruch für einen angeblich falschen Kommissar, weil sich die echten Kollegen beim LKA Fehler erlaubten! Velit D. (28) soll laut Anklage Rentner abgezockt haben. Doch der Stimmgutachter konnte dem Stahlarbeiter keinen einzigen falschen Kommissar zuordnen.

Velit D. musste sich am Montag vor Gericht verantworten.
Velit D. musste sich am Montag vor Gericht verantworten.  © Peter Schulze

Aus Callcentern in der Türkei rufen Banden bei hiesigen Senioren an, geben sich als Polizisten aus. Sie erzählen den verunsicherten Rentnern, Kriminelle würden versuchen, deren Konten zu plündern.

"Zur Sicherheit" würde das Geld bei den geschockten Rentnern abgeholt. So erbeutete eine fiese Bande, zu der Velit D. gehören soll, über 970.000 Euro ein! Er bestritt. Und nun kam heraus: Das LKA Sachsen hat sich offenbar einen Verdächtigen "gebastelt"!

Beim LKA Kiel laufen derlei Fälle bundesweit zusammen, von dort werden die Kollegen im Bundesgebiet informiert. Doch das LKA Sachsen ignorierte diese Infos offenbar, gab keine Rückmeldungen, die hätten Fehler vermeiden können.

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So soll Velit D. als Polizist "Walter" agiert zu haben. Der zuständige Kommissar aus Kiel: "Herr D. wurde im Dezember 2018 verhaftet. Dieser Walter telefoniert weiter. Letztmalig vorerst im März 2019..."

Der 28-Jährige wurde freigesprochen.
Der 28-Jährige wurde freigesprochen.  © Peter Schulze

Außerdem jubelte das LKA Sachsen einem Gutachter eine falsche Stimmprobe des vermeintlichen Täters unter. Polizisten aus dem Raum Köln hatten einen Mitschnitt eines "Kommissar Königs" nach Sachsen gesandt.

Mit dem Vermerk, dass die Zuordnung schwierig ist. Doch das LKA gab die Probe zur Untersuchung weiter. Mit dem Vermerk, "Kommissar König" sei Velit D. Der Kieler Kommissar dazu: "Das war eine kriminalistische Fehleinschätzung."

Und im Prozess legte Verteidiger Hansjörg Elbs eine Stimmprobe des Bruders von Velit D. aus der Türkei vor. Die Kammer ließ diese "Referenz" erneut prüfen. Ergebnis: Velit jedenfalls kommt als Stimme bei den zahlreichen in der Anklage aufgelisteten Anrufe nicht infrage...

Nach alldem forderte sogar die Staatsanwältin sofort Freispruch. So urteilte auch die Kammer. Sie hob den Haftbefehl gegen den Familienvater auf und sprach ihm Haftentschädigung für acht Monate unverschuldeter U-Haft zu.

Titelfoto: Peter Schulze

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