Montag startet die Verhandlung: Alles zum Prozess um erstochenen Daniel H.

Chemnitz/Dresden - Am 26. August 2018 kam der Deutsch-Kubaner Daniel H. (†35) nach einer tödlichen Attacke in Chemnitz ums Leben. Das Delikt war Auslöser für wochenlange Demonstrationen rechter Gruppierungen, wobei sich die Bewegung "Pro Chemnitz" an die Spitze setzte.

Nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. (†35) werden am Tatort in der Chemnitzer City Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.
Nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. (†35) werden am Tatort in der Chemnitzer City Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.  © dpa/Jan Woitas

Am Montag beginnt in Dresden der Prozess gegen einen angeklagten Syrer. Ein mutmaßlicher Mittäter ist weiter auf der Flucht. Wir erklären, was sich ab Montag in dem speziellen Gerichtssaal in Dresden abspielen wird und rufen die Ereignisse nach der Tat noch einmal chronologisch in Erinnerung.

26. August 2018, 7.54 Uhr: TAG24 vermeldet zuerst ein Tötungsdelikt beim Chemnitzer Stadtfest: Männer wollten einer Frau helfen, die zuvor belästigt worden war. Die Meldung wird massenhaft in sozialen Medien geteilt. Die AfD Sachsen ruft via Facebook zu einer Demo "gegen Gewalt" um 15 Uhr auf.

27. August: Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft beantragt Haftbefehle gegen zwei Tatverdächtige - den Syrer Alaa S. (23) und den Iraker Jussif A. (22), die tags zuvor vorläufig festgenommen worden waren.

28. August: Der sächsische Polizeipräsident Jürgen Georgie stellt klar, dass es sich bei der Tat um eine Auseinandersetzung zweier Männergruppen und nicht um Notwehr gehandelt hat. Außerdem veröffentlicht ein Dresdner Justizbeamter den Haftbefehl gegen den Hauptverdächtigen im Internet, der unter anderem von Pegida-Gründer Lutz Bachmann (46) geteilt wird.

Mit einem Meer von Blumen, Kerzen und Fotos bekunden Chemnitzer und Gäste am Tatort an der Brückenstraße ihre Trauer um den getöteten Deutsch-Kubaner.
Mit einem Meer von Blumen, Kerzen und Fotos bekunden Chemnitzer und Gäste am Tatort an der Brückenstraße ihre Trauer um den getöteten Deutsch-Kubaner.  © Uwe Meinhold

1. September: Rund 11.000 Menschen demonstrieren in Chemnitz - 8 000 besuchten die Kundgebung von "Pro Chemnitz", AfD und Pegida. 3.000 waren bei der Demonstration "Herz statt Hetze", zu der ein breites Bündnis eingeladen hatte.

2. September: Auch am Sonntag gab es weitere Kundgebungen in der Stadt. Rund 1.000 Menschen waren dem Aufruf der Evangelisch-Lutherische Kirche Sachsen gefolgt.

3. September: 65.000 Besucher kommen zum Gratiskonzert #wirsindmehr gegen Rechts mit sechs Bands - darunter "Kraftklub" aus Chemnitz, "Die Toten Hosen" und "Feine Sahne Fischfilet". Letztere sorgt aufgrund einer Erwähnung in einem Verfassungsschutzbericht für Kontroversen.

4. September: Mit einer Öffentlichkeitsfahndung sucht die Chemnitzer Staatsanwaltschaft nach einem dritten Tatverdächtigen: Farhad A. (22), Asylbewerber aus dem Irak. Er ist bis heute flüchtig.

7. September: Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen (56) bezeichnet die "Hetzjagd" in einem Handyvideo als "gezielte Falschinformation, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken". Grüne und Linke verlangen Maaßens Rücktritt. Der soll stattdessen Staatssekretär werden.

8. September: Es wird bekannt, dass am Rande des 27. August ein Dutzend schwarz gekleideter Männer das jüdische Restaurant "Shalom" in Chemnitz angegriffen haben. Innenminister Roland Wöller (48) trifft sich am Abend mit dem Gastwirt.

18. September: Jussif A. wird nach drei Wochen in U-Haft freigelassen. Es gab keine belastenden Zeugenaussagen oder Beweise.

Polizisten laufen nach dem Abbruch des Chemnitzer Stadtfestes durch die City. Am 26. August 2018 hatten sich rund 800 Menschen zu einer spontanen Demo "gegen Gewalt" versammelt.
Polizisten laufen nach dem Abbruch des Chemnitzer Stadtfestes durch die City. Am 26. August 2018 hatten sich rund 800 Menschen zu einer spontanen Demo "gegen Gewalt" versammelt.  © dpa/Andreas Seidel

1. Oktober: Festnahme von sieben mutmaßlichen Mitgliedern der rechtsterroristischen Vereinigung "Revolution Chemnitz", die Angriffe auf Ausländer und politisch Andersdenkende geplant haben sollen.

4. November: Kehrtwende im Fall Maaßen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (69) schickt ihn wegen "inakzeptabler Äußerungen" in den einstweiligen Ruhestand.

16. November: Bundeskanzlerin Angela Merkel (64) kommt zu einer Podiumsdiskussion nach Chemnitz, um sich die "Unzufriedenheit" der Menschen vor Ort anzuhören.

20. Dezember: Am Tatort wird eine Gedenkplatte eingelassen.

10. März 2019: Beim CFC wird dem an Krebs verstorbenen Thomas Haller gedacht, Mitbegründer der ehemaligen rechtsextremen Organisation "HooNaRa" (Hooligans, Nazis, Rassisten). CFC-Stürmer Daniel Frahn zeigt ein Neonazi T-Shirt. Plötzlich sind auch die Geschehnisse nach dem Stadtfest wieder in aller Munde.

Dutzende Zeugen sollen Licht ins Dunkel bringen

Gegen Alla S. (23) wird ab Montag verhandelt.
Gegen Alla S. (23) wird ab Montag verhandelt.  © privat

Die Anklage gegen Alaa S. (23) lautet auf gemeinschaftlichen Totschlag und versuchten gemeinschaftlichen Totschlag. Der Syrer soll die Taten gemeinsam mit dem noch flüchtigen Iraker Farhad A. (22) begangen haben.

Verhandelt wird neben der tödlichen Attacke auf Daniel H. (35) auch der Stich in den Rücken, durch den Dimitri M. schwer verletzt wurde. Er tritt im Prozess als Nebenkläger auf. Ebenso wie die Mutter und die Schwester des getöteten Tischlers Daniel H.

Die Kammer hat vorerst 56 Zeugen und zwei Mediziner als Sachverständige geladen, um den Fall aufzuklären und zu einem Urteil zu kommen. Fragen gibt es genügend zu klären:

So ist offenbar immer noch unklar, wie genau Daniel H. angegriffen wurde. Laut Anklage wurde "mit der gleichen Tatwaffe" agiert, allerdings von beiden Tätern gleichzeitig.

Nach Farhad Ramazan Ahmad (22) wird noch per internationalem Haftbefehl gesucht.
Nach Farhad Ramazan Ahmad (22) wird noch per internationalem Haftbefehl gesucht.  © Polizei

Gefunden wurde nur ein Messer. Das wiederum trug aber offenbar keinerlei Spuren von Alaa S. Zeugen vom Tatort erkannten den Angeklagten später auf Lichtbildern auch nicht wieder. Woran genau sich der tödliche Streit entzündete, ist ebenfalls trotz umfangreicher Vernehmung von über 100 Zeugen durch die Fahnder noch immer unklar.

Immerhin hat das Schwurgericht die Anklage trotzdem zugelassen. Nun muss der Prozess Klarheit bringen. Einer der Verteidiger von Alaa S. hatte sogar gefordert, außerhalb Sachsens zu verhandeln.

Der Bundesgerichtshof lehnte das Ansinnen ab. Demnach gebe es "nicht die geringsten Anhaltspunkte", dass die Richter "unter dem Druck der Straße" nicht unbeeindruckt und angstfrei urteilen würden.

Verhandelt wird im Saal der Superlative

Der Verhandlungssaal am Hammerweg. Eigentlich sollten in dem Gebäude mal Flüchtlinge untergebracht und der Raum als Kantine genutzt werden. Für 5,5 Millionen Euro wurde er zum Hochsicherheitssaal umgebaut.
Der Verhandlungssaal am Hammerweg. Eigentlich sollten in dem Gebäude mal Flüchtlinge untergebracht und der Raum als Kantine genutzt werden. Für 5,5 Millionen Euro wurde er zum Hochsicherheitssaal umgebaut.  © Peter Schulze

Verhandelt wird im Oberlandesgericht (OLG) am Hammerweg in Dresden. Das zuständige Schwurgericht aus Chemnitz verlegte den Prozess dorthin. Grund: "Das außerordentlich große Interesse der Öffentlichkeit stellt erhöhte Anforderungen an die Sicherheit", so das Gericht.

Am Hammerweg entstand 2017 ein Sicherheitssaal der Superlative für 5,5 Millionen Euro. Zuschauerraum (150 Plätze) und Verhandlungssaal sind durch eine Sicherheitsglaswand getrennt (25 Meter lang; 2,70 Meter hoch). Das Mobiliar stammt von den Werkstätten Hellerau.

Eine Kamera am Richtertisch filmt den Zeugen, acht 75-Zoll-Bildschirme projizieren die Aufnahmen in den Saal. Extra Zugänge zu Richterzimmern, Anwaltsräumen und Haftkeller sorgen für strikte Trennung. Einlasskontrollen sind strenger als auf Flughäfen.

Und weil derzeit weitere wichtige Prozesse laufen, hat die Chemnitzer Kammer sogar 24 Verhandlungstage bis Ende Oktober "gebucht". Sicherheitshalber. Denn Zeugen sind nur bis Ende Mai geladen.

Aber nichts wäre schlimmer, als dass das Verfahren platzt, weil der Spezial-Saal plötzlich für zusätzliche Termine nicht verfügbar wäre. Ob alle Prozesstage tatsächlich gebraucht werden, ist freilich ungewiss.

Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen (56).
Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen (56).  © dpa/Michael Kappeler
Jüngster Skandal um rechte Gesinnung: So gedachte der CFC dem Tod von Thomas Haller.
Jüngster Skandal um rechte Gesinnung: So gedachte der CFC dem Tod von Thomas Haller.  © Harry Härtel/Haertelpress
Beim Demonstrationszug lief auch AfD-Politiker Björn Höcke (46, r.) mit.
Beim Demonstrationszug lief auch AfD-Politiker Björn Höcke (46, r.) mit.  © dpa/Ralf Hirschberger
Das jüdisches Restaurant "Shalom".
Das jüdisches Restaurant "Shalom".  © Uwe Meinhold
#wirsindmehr-Konzert gegen Rechts.
#wirsindmehr-Konzert gegen Rechts.  © Klaus Jedlicka

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