Streit ums Impfen eskaliert immer mehr, mit tödlichen Folgen

Dresden - Die Impf-Debatte ist längst eskaliert. Manche Eltern haben inzwischen mehr Angst vor den Nebenwirkungen der Spritzen als vor den Schrecken der Kinderkrankheiten selbst. Nie tobte der Glaubenskrieg zwischen Impfbefürwortern und -gegnern unbarmherziger als derzeit. Mit teils tödlichen Folgen. Damit Infektionskrankheiten nicht plötzlich wieder als unbeherrschbare Epidemien auftauchen, wird jetzt sogar wieder eine Impfpflicht wie zu DDR-Zeiten gefordert.

Slogan der Impfgegner: „Hört auf die Eltern, nicht die Kinderärzte.“
Slogan der Impfgegner: „Hört auf die Eltern, nicht die Kinderärzte.“  © 123RF

Warum kocht der Kampf zwischen Für und Wider gerade jetzt so hoch? Auch, weil in Internetforen jeder Propaganda gegen das Impfen machen kann - mit oft kruden Argumenten. Mit ihren "Aufklärungsvideos" konnten Impfgegner auf Youtube bislang sogar Geld durch automatische Werbeeinblendungen verdienen. Damit ist seit 22. Februar Schluss. Youtube hat diese Möglichkeit deaktiviert.

Kinderärzte laufen gegen die Impfmüdigkeit Sturm, fordern sogar eine Impfpflicht wie in der DDR. Um z.B. Masern zu eliminieren, ist eine Impfquote von 95 Prozent nötig. In der Ukraine ist sie laut Deutschem Ärzteblatt inzwischen auf besorgniserregende 31 Prozent zusammengeschmolzen. Weltweit könnten 1,5 Millionen Todesfälle durch rechtzeitige Impfungen verhindert werden, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Um andere Kinder zu schützen, nimmt eine Essener Kita seit Februar nur noch geimpfte Kinder auf. Und bei Hausarzt Dr. Christoph Seeber in Leer (Ostfriesland) haben nicht gegen Masern Geimpfte sogar Praxisverbot, werden nur in Notfällen behandelt: "Masern sind ansteckender als Ebola!"

Ärzte appellieren an Vernunft und Gemeinsinn

Laut Kinderarzt Dr. Reinhard Berner (55) trainieren Impfungen das Immunsystem.
Laut Kinderarzt Dr. Reinhard Berner (55) trainieren Impfungen das Immunsystem.  © dpa/TH. Albrecht/Uniklinik Dresden

Prof. Dr. Reinhard Berner (55) ist Kinderarzt und Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Dresden. Für ihn steht fest: "Impfungen verhindern lebensbedrohliche oder zumindest sehr schwere Krankheiten." Sollten sich immer mehr Eltern gegen die Impfung ihrer Kinder entscheiden, habe das fatale Folgen:

"Dann werden bestimmte Krankheiten, die heute selten geworden sind, wieder häufig werden." Auch Medizinerin Petra Albrecht (62), Vorstandsmitglied der Sächsischen Landesärztekammer und Leiterin des Gesundheitsamts Meißen erklärt:

"Mit einer Impfung schützt man auch andere Personen, die sich noch nicht oder gar nicht impfen lassen können, wie Babys oder immungeschwächte Menschen."

Die Pocken konnten durch flächendeckenden Gemeinschaftsschutz ausgerottet werden, das sei auch bei anderen Krankheiten möglich. "Einer für alle – alle für einen."

Für Medizinerin Petra Albrecht (62) sind sogenannte „Masernpartys“ Kindeswohlgefährdung, bei der wissentlich der Tod in Kauf genommen wird
Für Medizinerin Petra Albrecht (62) sind sogenannte „Masernpartys“ Kindeswohlgefährdung, bei der wissentlich der Tod in Kauf genommen wird  © PR

Vom Argument der Kritiker, Impfungen lösten Krankheiten wie Autismus aus, halten die Mediziner nicht viel: "Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege, noch nicht einmal ernst zu nehmende Hinweise", sagt Berner. Auch Albrecht erläutert: "Die Studie, die das Gerücht mit dem Autismus 1998 in Umlauf gebracht hat, wurde längst und mehrfach widerlegt."

Chemische Zusatzstoffe, vor denen Impfgegner warnen, seien in den letzten Jahren immer weiter reduziert worden. "Die Mengen, die heute noch enthalten sind, spielen keine Rolle", versichert Berner.

Dass Pharmafirmen wie andere Wirtschaftsunternehmen Geld verdienen wollen, sei klar. "Das gilt allerdings für Brauereien auch, trotzdem trinken die meisten von uns abends ganz gerne mal ein Bier." Berner appelliert:

"Impfen ist auch eine soziale Aufgabe und eine Frage der Solidarität. Es geht nicht nur um mich oder um mein Kind. Es geht auch um das Neugeborene der Schwester oder die dialysepflichtige Nachbarin, für die eine durch meine Impfung verhinderte Ansteckung ihr Leben retten kann."

Als Mutter ist man ganz verunsichert

Viele junge Mütter sind hin- und hergerissen: Auch Antje Ullrich war verunsichert.
Viele junge Mütter sind hin- und hergerissen: Auch Antje Ullrich war verunsichert.  © Holm Röhner

von Antje Ullrich

Impfen oder nicht? Das ist die Frage, die sich jede Mutter irgendwann stellt. Schließlich will man nur das Beste für sein Kind. Auch ich stand kürzlich vor dieser Entscheidung, war hin- und hergerissen. Also suchte ich Rat im World Wide Web.

Doch bald gelangte ich auf Seiten, die mir Angst machten: Von schweren Impfschäden war dort die Rede. Parolen wie "Körperverletzung am Kind" schlugen mir entgegen. Anstatt sachlich aufzuklären, wurde an den Mutterinstinkt appelliert, das Kind vorm bösen Impfen zu schützen. Am Ende blieb ich verunsichert zurück, war nicht schlauer als vorher. Impfen oder nicht?

Dann besann ich mich auf meine eigene Kindheit. Da war der kleine Piks ganz selbstverständlich. Mir hat es nicht geschadet. Eine schwere Krankheit habe ich nie bekommen.

Manchmal braucht es einfach ein Stück Urvertrauen - im Zweifel in die eigenen Eltern, die auch nur das Beste für ihr Kind wollten. Damit war meine Entscheidung gefallen.

Impfgegner pflegen eigene Theorien

Impfgegner Frank Reitemeyer (55) malt die Zukunft besonders düster: „Künftig werden Impfstoffe genetisch manipuliert, was die Menschheit verändert und uns zu Cyborgs macht.“
Impfgegner Frank Reitemeyer (55) malt die Zukunft besonders düster: „Künftig werden Impfstoffe genetisch manipuliert, was die Menschheit verändert und uns zu Cyborgs macht.“  © PR

Frank Reitemeyer (55) ist seit 30 Jahren engagierter Impfgegner, betreibt seit zwölf Jahren die Internetseite www.impfen-nein-danke.de (tgl. 2 000 Zugriffe). Darauf werden die gängigen Impfempfehlungen des Robert Koch Instituts (RKI) auf den Kopf gestellt und bereits die Existenz von Viren anzweifelt. "Zelltrümmer, die niemals die sogenannten Kinderkrankheiten auslösen können", nennt sie Reitemeyer, früher Verwaltungsangestellter beim Land Berlin.

Die Krankheiten entstünden stattdessen durch psychische Störungen. Wie bei Masern. "Sie sind Ausdruck eines Reinigungsprozesses nach seelischen Konflikten", sagt Reitemeyer. "Nachdem Kinder Masern überstanden haben, sind sie vielfach fitter und wacher, als hätten sie einen Reifeprozess vollzogen."

Man sollte Kinderkrankheiten durch Impfungen deshalb nicht unterdrücken. "Das wäre so, als würde man eine Warnlampe im Auto einfach überkleben und das Problem damit nur ausblenden." Auch Masern-Partys seien nur "eine Verschwörungstheorie der Impfbefürworter, um uns zu diskreditieren".

Impfgegner finden, dass Krankheiten wie Masern andere Ursachen haben.
Impfgegner finden, dass Krankheiten wie Masern andere Ursachen haben.  © Imago

Laut Reitemeyer seien Impfungen auch Ursache für Allergien und Hirntumore, könnten Autismus, ADHS und Multiple Sklerose auslösen. Die Impfgegner kämpfen gegen Erkenntnisse der Schulmedizin, die nur der Pharmaindustrie in die Hand spiele. "Kritische Impfstudien werden totgeschwiegen", so Reitemeyer.

Er bekomme täglich zehn Impfschäden gemeldet: "Allein acht Mal gab es in den letzten Monaten Todesfälle nach besonders umstrittenen 6-fach Impfungen." Unter den Ratsuchenden seien auch 40 Väter in U-Haft. Deren Säuglinge und Kleinkinder waren nach einem Schütteltrauma an Hirnblutungen verstorben.

"Dabei sind solche Hirnschäden und auch der plötzliche Kindstod in Wirklichkeit Folgen von Impfungen", ist sich Reitemeyer sicher.

Impfen führt immer häufiger zu Kontroversen.
Impfen führt immer häufiger zu Kontroversen.  © Imago

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