In Sachsen heimisch geworden: Schriftsteller Ralf Günther

Dresden - Ist man sich in Ost und West wirklich so fern, wie es allenthalben behauptet wird? Oder ist längst mehr Nähe und Übereinstimmung da, als man geneigt ist, zuzugeben? Die Lebensgeschichte des Schriftstellers Ralf Günther (50), Autor des Bestsellers "Der Leibarzt", wäre, wenn man sie als Beispiel begreifen möchte, ein Beleg für letzteres.

Ralf Günther schuf den Roman "Der Leibarzt".
Ralf Günther schuf den Roman "Der Leibarzt".  © Thomas Türpe

Dresden statt Köln, Bad Gottleuba statt Hamburg, so lässt es sich in starker Verdichtung sagen. In Köln wuchs Günther auf, studierte er Theater-, Film-, Fernsehwissenschaft und Medienpädagogik, arbeitete er als Gagschreiber für Harald-Schmidt- und Dirk-Bach-Show, bevor er Anfang der 90er seiner damaligen Ehefrau nach Dresden folgte.

Zu einer Zeit war das, als das Umziehen in den jeweils anderen Teil Deutschlands ein Abenteuer war. Drei Kinder kamen, eine Familie entstand.

Günther erschloss sich die neue Heimat literarisch, indem er aus der Landesgeschichte schöpfte und sich Mythen und Motive zu eigen machte. So entstand Anfang der 2000er-Jahre der historische Roman "Der Leibarzt" über Carl Gustav Carus (1789-1869), Mediziner, Maler, Philosoph und eben das, was der Buchtitel sagt: Leibarzt des sächsischen Königs Anton (1755-1836).

Ein historischer Roman, der es in die Bestsellerlisten schaffte. Bis heute zählt die Auflage mehr als 140.000 verkaufter Exemplare.

Dresden fehlte Günther, als er in Hamburg lebte

Ralf Günther zwischen den Regalen der Hauptbibliothek im Kulturpalast, wo er sich gerne aufhält.
Ralf Günther zwischen den Regalen der Hauptbibliothek im Kulturpalast, wo er sich gerne aufhält.  © Thomas Türpe

Doch ist der Erfolg nicht allein einer guter Verkaufszahlen. Er habe sich schnell als einen Dresdner Autor begriffen, sagt Günther. Das Lesepublikum machte es ihm leicht, denn es akzeptierte ihn, den Zugewanderten.

Umso stärker zog es ihn nach Sachsen zurück, nachdem er 2015 mit seiner Familie vorübergehend nach Hamburg umgesiedelt war. "Ich habe dort festgestellt, dass Dresden mir fehlt", sagt er.

Erfolgreicher Schriftsteller sein, das klingt nach Traumberuf, gerade für junge Autoren, die hineinwachsen ins künstlerische Leben. Ralf Günther kennt auch die andere Seite, das Albtraumhafte des Berufs, das verbunden ist mit Begriffen wie Einfallslosigkeit, wenn manchmal tagelang die richtige Idee fehlt, und Einsamkeit, die gleichermaßen gesucht wie erlitten wird, weil der Rückzug aus dem Alltag für den Schaffensprozess so notwendig ist wie er für die Lebenslust belastend sein kann.

Konzentration, das ist der positive Begriff für diesen Zustand, der negative ließe sich als eine Art von Autismus beschreiben. So wie ein Autist habe er sich zeitweilig gefühlt, sagt Günther: "Ich war mit dem Schreiben nicht mehr glücklich."

Selbstzweifel plagten Günther

Dieses Buch von Günther trägt Dresden bereits im Titel.
Dieses Buch von Günther trägt Dresden bereits im Titel.  © Thomas Türpe

Er durchlebte eine Zeit des Selbstzweifels und eine des Neuaufbruchs. Dem Ersten fiel die Liebe zu seiner Frau zum Opfer, dem Zweiten verdankt er berufliche Horizonte. In der Hamburger Zeit war es, dass er begann, mit Geflüchteten zu arbeiten. Dafür absolvierte er ein pädagogisches Zusatzstudium.

Zurück in Sachsen, übt Günther beide Berufe aus, den des Schriftstellers und den des Sonderpädagogen - in Bad Gottleuba betreut er psychisch belastete Jugendliche. Zwei extreme Tätigkeiten, die sich gegenseitig ausbalancieren und eine Schieflage der Seele nachhaltig richten können.

Nicht Dresden, Bad Gottleuba ist jetzt Günthers Lebensmittelpunkt. Auch eine neue Liebe hat er dort gefunden. Literarisch bleiben die Residenzstadt und ihre Umgebung sein Dreh- und Angelpunkt.

Zwei Bücher hat er zuletzt in kurzer Folge hervorgebracht: "Die Badende von Moritzburg", eine Sommernovelle über eine junge Frau, die für "einen unvergesslichen Sommertag" ins Gravitationszentrum des "Brücke"-Malers Ernst Ludwig Kirchner rückt, und die Erzählung "Als Bach nach Dresden kam" über einen historisch verbürgten Orgel-Wettkampf am königlichen Hof im Jahr 1717, der um ein Haar wirklich stattgefunden hätte.

Aus Ralf Günther, dem Gagschreiber aus Köln, ist ein sächsischer Heimatdichter geworden. Ein Sachse nicht von Geburt, sondern aus Bekenntnis. Dessen Bücher man überall in Deutschland mit Vergnügen liest.

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