St. Georgs Orden für umstrittenen Präsidenten: Verneigung vor dem Machthaber

Dresden/Kairo - Allen kritischen Stimmen (s.u.) zum Trotz: Seit Sonntag gehört auch Ägyptens Präsident Abdel Fatah El-Sisi (65) zu den Trägern des St. Georgs Ordens.

Verbeugung vor dem Despoten: Ball-Impresario Hans-Joachim Frey (54) überreichte am Sonntag in Kairo persönlich den St.-Georgs-Orden an Machthaber El-Sisi (65).
Verbeugung vor dem Despoten: Ball-Impresario Hans-Joachim Frey (54) überreichte am Sonntag in Kairo persönlich den St.-Georgs-Orden an Machthaber El-Sisi (65).  © SemperOpernball e.V.

Der mit harter Hand regierende Machthaber dürfte nicht nur der wohl umstrittenste Preisträger in der Geschichte des Balls sein. Er ist auch der Erste, dem der Orden nicht auf dem Ball, sondern in seiner Heimat verliehen wurde. Exklusiv begleitete TAG24 Ball-Chef Hans-Joachim Frey (54) zur Ordensvergabe nach Kairo.

Dresden - München - Kairo: Landung nach sieben Stunden bei frühlingshaften 18 Grad in der 10-Millionen-Metropole. Den rund 7000 Euro wertvollen Orden hat Frey im Handgepäck - in Folie eingewickelt in der Kosmetiktasche, um komplizierte Zollformalitäten zu umgehen. Zwei schwarze Mercedes fahren uns zum Kempinski "Nile Cairo"-Hotel (191 Zimmer) am östlichen Nil-Ufer im historischen Stadtteil Garden City.

Ganz in der Nähe: die Britische Botschaft, das Ägyptische Museum und die Kairoer Oper. Vorm Einchecken Sicherheitskontrollen mit Sprengstoffhund und Gepäckkontrolle wie am Flughafen.

Trotzdem: In Kairo fühlt man sich als Tourist sicher, abgesehen vom chaotischen Straßenverkehr.

Alle Handy werden im Palast eingezogen

Der Präsidentenpalast in Kairo: Hier fand die zeremonielle Ordensübergabe statt.
Der Präsidentenpalast in Kairo: Hier fand die zeremonielle Ordensübergabe statt.  © Katrin Koch

Am Tag der Ordensübergabe holen uns morgens 8.30 Uhr vier schwarze Regierungslimousinen ab. Chauffieren uns mit Polizeieskorte zur stark bewachten Residenz des Präsidenten, die sich nur etwa 500 Meter vom Tahrir-Platz entfernt befindet.

Die komplette Strecke (30 Min. Fahrt) ist wie bei einem Staatsbesuch gesperrt. Schlagbaum, Blockaden, schwer bewaffnete Militärs schützen das Ex-Hotel, in dem El-Sisi residiert. Passkontrolle, Taschen-Check, im Vorfeld muss ich mich mit einem Lebenslauf ausweisen.

Bevor wir ins Innere des Palastes dürfen, werden alle Handys eingezogen. Vom golden ausgestatteten Wartesalon geht es in die riesige, reichlich mit Marmor ausgestattete Audienzhalle, in der uns El-Sisi empfängt. Er sitzt im schwarzen Anzug auf einem goldenen Sessel vor einem riesigen Wandteppich und Ägyptens Fahne.

"Es ist eine große Ehre für mich, diese Auszeichnung zu erhalten", sagt er auf Englisch. Frey begründet die Auszeichnung u. a. mit El-Sisis Rolle als "Stabilitäts- und Friedensfaktor in der Region". Ein kurzes Blitzlichtgewitter, dann müssen die heimisch zugelassenen Medien den Saal verlassen.

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

In der Wüste: Hans-Joachim Frey fand in Kairo auch noch Zeit zum Kamelegucken.
In der Wüste: Hans-Joachim Frey fand in Kairo auch noch Zeit zum Kamelegucken.  © Katrin Koch

El-Sisi nimmt sich nun fast eine Stunde Zeit, um mit Frey über die Zukunftsvision seines Land zu plaudern - er spricht sehr leise und auf Arabisch. Betont immer wieder, dass er Ägyptens Zukunft im Ausbau von Wissenschaft und Kultur sieht. Das Grand Egyptian Museum, die Oper und ein neues Hauptstadtviertel sind im Bau bzw. vor der Eröffnung. Universitäten und Institute siedeln sich dank ausländischer Unterstützung u .a. von Japan und Deutschland an - nahezu unbeachtet in Europa.

Und El-Sisi betont: "Ägypten ist die Heimat von fünf Millionen Flüchtlingen aus Libyen, Syrien, dem Irak und dem Sudan." Kein Einziger seit 2019 von Ägypten aus nach Europa gekommen. "Integration ist bei uns Alltag", sagt er und äußert am Ende der Audienz den Wunsch: "Nehmen Sie sich Zeit, um unser Land kennenzulernen."

Übrigens: In Freys Ballteam war ich sicherheitshalber offiziell als "Ball-Berater für Öffentlichkeitsarbeit" avisiert - nicht als Journalistin. Auch kein Team des ARD-Studios durfte vor Ort die Übergabe filmen.

Laut "Reporter ohne Grenzen" ist Ägypten unter El-Sisis Herrschaft eines der Länder mit den meisten inhaftierten Journalisten geworden. Im Ranking für Pressefreiheit nimmt das Land heute Platz 163 von 180 ein.

Ablehnung und Entsetzen über die Preisvergabe

"Beschämend!" Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (45, SPD) hält die Auszeichnung für El-Sisi für "unverantwortlich".
"Beschämend!" Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (45, SPD) hält die Auszeichnung für El-Sisi für "unverantwortlich".  © Sebastian Kahnert/ZB/dpa

Die Entscheidung des SemperOpernballs, dem ägyptischen Diktator El-Sisi einen St. Georgs Orden zu verleihen, sorgt quer durch fast alle politischen Parteien weiter für Entsetzen. Mittlerweile gibt es sogar eine Petition gegen die Ehrung im Netz.

Während sich Ministerpräsident Michael Kretschmer (44, CDU), der traditionell den Ball eröffnet, noch recht diplomatisch äußerte, wird sein Vize Martin Dulig (45, SPD) deutlicher: "Der SemperOpernball nimmt sich seine Würde. Wer aus PR-Gründen einen Autokraten und Unterdrücker wie El-Sisi auszeichnen will, handelt unverantwortlich. Es ist beschämend", twitterte der SPD-Chef.

Sachsens FDP-Chef Frank Müller-Rosentritt (37) nannte die Verleihung "extrem verstörend und naiv. Alle Werte, für die wir Sachsen, Deutsche und Europäer stehen, wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, sind derzeit in Ägypten gefährdet oder werden mit Füßen getreten." Hätte er Karten, würde er sie zurückgeben.

Der Dresdner FDP-Chef Holger Hase (43) forderte, die Entscheidung zu korrigieren. Sonst müsse über Konsequenzen nachgedacht werden: "Der Preis braucht die Semperoper und den Ball als Bühne mehr als der SemperOpernball einen politisch fragwürdigen Preis."

Weitere Stimmen zum St. Georgs Orden für Abdel Fatah El-Sisi

"Kompass verloren": Sachsens Linken-Chef Stefan Hartmann (51) wirft dem Opernball-Verein vor, sich zum "Büttel eines Gewaltherrschers" zu machen.
"Kompass verloren": Sachsens Linken-Chef Stefan Hartmann (51) wirft dem Opernball-Verein vor, sich zum "Büttel eines Gewaltherrschers" zu machen.  © Steffen Füssel

Linke-Chef Stefan Hartmann (51): "Wer diesem Mann als Hoffnungsträger und Friedensstifter bezeichnet, hat seinen demokratischen Kompass verloren und macht sich zum Büttel eines Gewaltherrschers." Der Dresdner Grünen-Abgeordnete Thomas Löser (47): "Die Ehrung eines autoritären Machthabers schadet dem Ruf des SemperOpernballs und der Stadt Dresden."

Dresdens Grüne fordern OB Dirk Hilbert auf, nicht in offizieller Funktion am Semperopernball teilzunehmen und keine Personen auf Kosten der Stadtkasse dazu einzuladen. SPD-Fraktionschefin im Rathaus, Dana Frohwieser: "Wie kann man einen Menschen ehren wollen, der die Menschenrechte nicht ehrt und die Demokratie mit Füßen tritt?" Sie fordert den Semperopernball-Verein auf, Frey als Chef zu feuern.

Einzig die AfD spricht von einer "mutigen und richtigen Entscheidung". Sachsens AfD-Vize Maximilian Krah (42): "El-Sisi hat Ägypten befriedet und ist ein Stabilitätsanker im Nahen Osten! Dresden zeigt hier Klugheit."

Titelfoto: SemperOpernball e.V.

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