Roland Kaiser exklusiv: "Vor jedem Auftritt freue ich mich wie ein Kind"

"Warum hast Du nicht Nein gesagt": Kaiser mit Maite Kelly bei der Kaisermania 2016.
"Warum hast Du nicht Nein gesagt": Kaiser mit Maite Kelly bei der Kaisermania 2016.  © Jens Kalaene/dpa

Dresden - Die Kaisermania ist das große Konzerthighlight in der Stadt in den Sommermonaten. Gut 40.000 Fans sind es auch diesmal wieder zu den vier Terminen am 4., 5., 11. und 12. August. Der Sänger freut sich wie sie auf die Konzerte.

Im TAG24-Interview spricht Roland Kaiser (65) über die Beliebtheit von Livemusik in Zeiten der Digitalisierung, alte und neue Zeit, seine gute Gesundheit und was neu wird bei der Kaisermania dieses Jahr.

TAG24: Herr Kaiser, Ihr Duett mit Maite Kelly "Warum hast Du nicht Nein gesagt" nähert sich auf YouTube der 50-Millionen-Klick-Marke und kommt damit auf mehr als das Doppelte von Helene Fischers "Atemlos"-Filmchen. Wie konnte das passieren?

Roland Kaiser: Wenn ich das wüsste! Es gefällt den Leuten wohl, das ist die einzige Antwort, die ich anbieten kann. Warum es ihnen gefällt? Für Maite und mich war dieses Video ein großer Spaß. Ich weiß noch, wie sie, die damals hochschwanger war, mich anrief und zu mir sagte: „Ich bin schwanger, Du bist ein alter Mann, wie sollen wir das machen?“ Wir sind dann auf die Idee mit diesem jungen, schönen Paar gekommen, das unser Lied sozusagen spielt. Maite und ich kommen nur brustaufwärts ins Bild. Der Song ist gut, das Video hat Witz - möglicherweise kommt es deswegen bei den Leuten gut an.

Es geht auch auf einem Bein: Kaiser vor einem Meer aus Fans.
Es geht auch auf einem Bein: Kaiser vor einem Meer aus Fans.

TAG24: An Albumverkaufszahlen lässt sich Publikumserfolg heute kaum noch ablesen. Klickraten im Internet sagen mehr darüber aus, nicht wahr?

Kaiser: Im Großen und Ganzen stimmt das wohl. Trotzdem ist es immer noch wichtig, dass sich ein Album gut verkauft. Weil ein gutes Album dazu beiträgt, dass das Publikum auch in die Konzerte strömt. Das ist übrigens ein schöner Gegeneffekt zur Digitalisierung: Die Leute gehen wieder mehr zu Livekonzerten. Sie wissen, dass sie sich zwar die Musik, nicht aber den Künstler aus dem Netz herunterladen können. Sie wollen das unmittelbare Musikerlebnis.

TAG24: Bis ins vergangene Jahr fiel aus dem Internet für Musikmultis und Künstler wenig ab. Bis im November GEMA und YouTube einen Nutzungsvertrag schlossen. Sprudeln seither bei Ihnen die Einnahmen?

Kaiser: Das ist nicht so. Die großen Musikfirmen haben einen großen Sammeltopf, aus dem gleichmäßig an die Exklusivkünstler verteilt wird.

TAG24: Fast 50 Millionen Aufrufe für "Warum hast Du nicht Nein gesagt" - da muss doch was hängen bleiben bei Ihnen!

Kaiser: In geringem Maße. Man erwirbt auf diese Weise wirklich keine Reichtümer. Schon zumal der Erfolg mit diesem Lied eine absolute Ausnahme ist. Normal sind ja höchstens zwei bis drei Millionen Klicks für einen Titel.

TAG24: Kann man sagen, dass Sie heute, als väterlicher Mittsechziger, erfolgreicher und beliebter sind denn als Testosteron versprühender Jüngling in den 70er- und 80er-Jahren?

Kaiser: Da ist wirklich was dran, speziell was den Livebereich betrifft. Da war ich noch nie so präsent wie jetzt. Ich merke selbst, dass es mir leichter fällt als früher. Wir, die Band und ich, sind souveräner auf der Bühne, arbeiten mit mehr Leichtigkeit, auch mit mehr Professionalität. Ganz wichtig: Die Musik klingt zeitgemäß.

TAG24: Sie bekommen sicherlich haufenweise Fanpost. Wie bewältigen Sie das?

Kaiser: Es ist gar nicht so viel. Früher war es mehr. Viele Fans haben ihren Bedarf nach Autogrammen über die Jahre gedeckt, die brauchen dann nicht noch die x-te Unterschrift. Ich bekomme immer noch ordentlich Post, das schon, doch lässt sich das gut bewältigen.

Anzug, Mikro, Knopf im Ohr: Roland Kaiser bei der Kaisermania 2015.
Anzug, Mikro, Knopf im Ohr: Roland Kaiser bei der Kaisermania 2015.

TAG24: Was schreiben Ihnen die Leute?

Kaiser: Meistens sind es Autogrammwünsche.

TAG24: Früher haben sich Frauen Ihnen offenherzig angeboten. Passiert so was heute noch?

Kaiser: Nein. Es stimmt, dass die Frauen mich nicht ganz und gar furchtbar gefunden haben, aber die Situation heute ist eine ganz andere. Ich bin glücklich verheiratet, habe Familie. Die Fans respektieren das, was ich sehr schön finde.

TAG24: Die Zeiten, in denen Ihnen weibliche Fans im Hotel auflauerten, sind endgültig vorbei?

Kaiser: Das ist vorbei, ja. Es war auch nie so extrem, wie berichtet wurde.

TAG24: Wenn die Zeiten des Schlüpferstürmers Roland Kaiser Geschichte sind, wenn Sex keine Motivation mehr ist für Fans - was, glauben Sie, sieht (das weibliche) Publikum heute in Ihnen?

Kaiser: Viele von meinen Fans habe ich mit meinen Liedern durchs Leben begleitet, da hat man ja fast so etwas wie eine gemeinsame Geschichte. In den Liedern die Sprache des Publikums treffen ist wichtig. Beides schafft eine Verbindung. Hinzu kommen andere Dinge, wie mein soziales und mein politisches Engagement. Alles zusammen formiert sich zu einem Gesamtbild, das den Leuten im besten Fall sympathisch ist.

TAG24: Die Dresdner Fans reagieren besonders euphorisch auf Sie, die „Kaisermania“ zeugt davon. Wie erleben Sie die Fans in anderen Städten?

Kaiser: Wenn ich gute Arbeit abliefere, ist die Publikumsreaktion überall gut. So ist es im Wortsinn: Ich muss gut agieren, damit die Fans gut reagieren. Die Kaisermania, an der Elbe, vor der Dresdner Altstadt-Skyline, ist ein Spezialfall aus Künstler und Kulisse.

TAG24: Gibt es in der Liebe der Fans zu Roland Kaiser einen Unterschied in Ost und West?

Kaiser: Keinen signifikanten. Nur sind die Leute an manchen Spielorten eben besonders euphorisch. Das ist in Dresden so und in Berlin, meiner Heimatstadt. Es ist, als wären die Fans auf unverabredete Weise verabredet. Da ist wortloses Einverständnis zwischen ihnen. Sie feiern den Tag, sie feiern sich selbst und lassen mich daran teilhaben. Da muss man zu Beginn eines Konzerts nicht erst miteinander warm werden. Das funktioniert sofort.

TAG24: Wenn wir richtig hingeschaut haben, sind Sie neben Howard Carpendale der Letzte aus der großen Zeit des Schlagers in den 70er-Jahren, der auch heute noch mit seiner Musik zu den Spitzenstars gehört. Versuchen Sie, sich dieses Phänomen zu erklären, oder sagen Sie sich: Bloß nicht drüber nachdenken, ich genieße, so lange es geht?

Kaiser: Ich genieße, natürlich. Ganz auf den Grund wird man der Sache nicht kommen. Wenn ich trotzdem versuche, mir das plausibel zu machen, komme ich auf zwei Faktoren: Zum einen wollte ich musikalisch immer mit der Zeit gehen, so klingen, wie Popmusik zeitgemäß klingt. Zum anderen wollte ich nie irgendwelchen Trends hinterherlaufen, auch meiner Jugend nicht. Ich habe immer darauf geachtet, mich altersgemäß zu präsentieren, in Kleidung wie Sprache. Dass ich nicht in Jeans auftrete, sondern im dreiteiligen Anzug, ist manchem aufgefallen. Es ist einfach meine Art, mich zu kleiden. Ich spreche die Sprache meiner Generation, habe nie versucht, den Jugendjargon zu imitieren. Das wäre anbiedernd und peinlich. Vielleicht macht ja das alles mein Auftreten glaubwürdig und überzeugend.

TAG24: Ihre Kollegen von früher, so weit sie weiter im Geschäft sind, werden oft nur noch in Oldie-Shows oder andere Nostalgie-Programme eingeladen. Spüren Sie ob Ihres Erfolges Neid?

Kaiser: Ich habe in meiner Branche nur sehr wenige freundschaftliche Kontakte. Wenn ich auf Kollegen treffe, ist mir bisher noch kein Neid begegnet.

TAG24: Einer Ihrer ehemals großen Kollegen ist Jürgen Marcus. Zuletzt wurde bekannt, dass er - offenbar seit Jahren schon - an der Lungenkrankheit COPD leidet. Das ist jene Krankheit, an der Sie beinahe zugrunde gegangen wären, die Sie nur durch eine Lungentransplantation besiegen konnten. Er wird nie wieder auftreten, hat sein Management verlautbaren lassen. Wussten Sie davon?

Kaiser: Ich habe es aus der Zeitung erfahren.

TAG24: Stehen Sie in Kontakt mit Jürgen Marcus? Hat er Ihren Rat gesucht?

Kaiser: Nein. Wir haben keinen Kontakt. Aber natürlich wünsche ich ihm alles Gute und hoffe für ihn, dass ihm wie mir mit einer Transplantation geholfen werden kann.

TAG24: Ist Ihr eigenes Leben von allen Hemmnissen der Krankheit befreit oder haben Sie etwa mit Nebenwirkungen, zum Beispiel von Medikamenten, zu kämpfen?

Kaiser: Ja, es ist von allen Hemmnissen befreit! Es ist ein großes Glück, das mir manchmal selbst wie ein Wunder vorkommt. Ich bin gesund, ich mache Sport und fühle mich sogar besser als vor der Krankheit. Konditionell bin ich so gut drauf, wie ich es mit 40 zuletzt war. Vor jedem Auftritt freue ich mich wie ein Kind, da raus zu dürfen.

TAG24: Die Luft reicht für alle Töne? Wie hoch kommen Sie?

Kaiser: Ich bin Bariton. Mit zweieinhalb Oktaven lassen sich alle meine Lieder singen.

TAG24: Was wird neu sein an der diesjährigen Kaisermania?

Kaiser: Es wird spektakulär! Wir haben in Teilen eine ganz neue Bühnenshow entwickelt, viel aufwendiger, mit besonderen Lichteffekten. Auch an der Musik haben wir gefeilt, gerade an den bekannten Liedern. Neue Anfänge, veränderte Mittelteile, andere Schlüsse. Es wird ein bisschen so sein wie ein Vorgriff auf mein neues Album, das im Herbst erscheinen soll. Eine Neuinterpretation meiner Lieder im Sound von heute. Ich bin sehr gespannt darauf, ob es den Leuten gefallen wird.

TAG24: Mit welchem Song werden Sie die Kaisermania 2017 beginnen?

Kaiser: Mit "Auf den Kopf gestellt."


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