Klimawandel! Märchenschau muss aus Yenidze flüchten

Dresden - Weil es im Sommer immer öfter unerträglich heiß wird, es bei Regen hingegen reintropft, verlassen die Märchenerzähler die legendäre Kuppel der Yenidze. Die 1001 Märchen GmbH kämpft nun um einen Wechsel ins Bräustübel. Dort soll das "Märchenhaus am Körnerplatz" entstehen. Doch aus dem Rathaus gibt es Widerstand.

Die 1001 Märchen verlassen die Kuppel der Yenidze, das Restaurant darunter bleibt weiter geöffnet.
Die 1001 Märchen verlassen die Kuppel der Yenidze, das Restaurant darunter bleibt weiter geöffnet.  © xcitepress/ce

350.000 staunende Gäste besuchten seit 1997 das Erzähltheater unter der Yenidze-Kuppel. In all den Jahren gab es keine städtischen Subventionen. Doch die Hitzeperioden der letzten Jahre setzten dem kleinen Theater ordentlich zu.

Zwischen April und September stiegen die Temperaturen auf bis zu 45 Grad, jede zweite Vorstellung fiel aus. Schweren Herzens kündigten die Theater-Macher ihren Traum-Standort.

Neue Heimat soll das seit über zwei Jahren leer stehende Bräustübel am Körnerplatz werden. "Wir möchten sehr gern in dieses Haus, welches uns sehr entspricht. Das Bräustübel sieht auch von außen märchenhaft aus, die Räume passen. Darauf richte ich alle meine Kräfte", sagt Theaterchef Rainer Petrovsky (70).

Der Weg ist jedoch steinig. Einen Vorvertrag mit dem Ortsamt über drei Spieltage pro Monat kassierte das Dresdner Rathaus wieder ein.

"Für eine dauerhafte Nutzung mit größerem Publikumsverkehr muss das Bräustübel erst saniert werden. Dafür ermitteln wir die Kosten", so Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (43, Grüne). Zudem hätten sich insgesamt 26 Interessenten gemeldet. Die Stadt will das Objekt daher per Ausschreibung anbieten.

Stadträtin Kristin Sturm (34, SPD): "Wir brauchen diese Ausschreibung schnell - und eine Bürgerbeteiligung als Basis für unsere politische Entscheidung." Aus ihrer Sicht sei eine Mischnutzung, unter anderem mit der 1001 Märchen GmbH, denkbar.

Vorerst konnte das Theater übrigens mehrere Interims-Spielstätten sichern. Neben Schloss Weesenstein und der Festung Königstein wird im Serkowitzer Lügenmuseum, im Märchenkeller Ali Baba und in der Kulturkulisse der Bienertmühle gespielt.

Die Yenidze, erbaut von Hitlers Schwager

Muss die Koffer packen: Märchen-Chef Rainer Petrovsky (70).
Muss die Koffer packen: Märchen-Chef Rainer Petrovsky (70).  © Eric Münch

1886 gründete Hugo Zietz in Dresden die "Orientalische Tabak- und Cigarettenfabrik Yenidze". Der Tabak dafür stammte aus dem griechischen Anbaugebiet "Yenice", welches damals zum Osmanischen Reich gehörte.

1907 beauftragte er Architekt Martin Hammitzsch mit dem Bau einer Fabrik in Elb- und Innenstadt-Nähe samt erreichbarem Gleisanschluss.

Weil damals so nah am Zentrum keine Industriebauten entstehen durften, entschied man sich für ein orientalisches Werbemonument - passend zum Anbaugebiet.

Vorbild für den Bau soll die Grabmoschee des Emirs Khair Bak in Kairo gewesen sein, der Schornstein war als Minarett getarnt.

Architekt Martin Hammitzsch war später übrigens nicht nur Schwager von Adolf Hitler, sondern ebenso überzeugter Nazi.

Hammitzsch diente als Oberst in der Wehrmacht. Nach Kriegsende beging er Suizid, sein Vermögen wurde eingezogen.

"Darauf richte ich alle meine Kräfte": Das Bräustübel könnte zum "Märchenhaus am Körnerplatz" werden.
"Darauf richte ich alle meine Kräfte": Das Bräustübel könnte zum "Märchenhaus am Körnerplatz" werden.  © Petra Hornig
1001-Märchen-Chef Rainer Petrovsky (70) würde sein Zelt am liebsten im "Bräustübel" am Körnerplatz aufschlagen. Jetzt muss nur noch das Rathaus mitspielen ...
1001-Märchen-Chef Rainer Petrovsky (70) würde sein Zelt am liebsten im "Bräustübel" am Körnerplatz aufschlagen. Jetzt muss nur noch das Rathaus mitspielen ...  © Eric Münch
Der Neubau der "Tabakmoschee" im Jahre 1909 war im alten Dresden ein riesiger Aufreger.
Der Neubau der "Tabakmoschee" im Jahre 1909 war im alten Dresden ein riesiger Aufreger.  © imago images/Arkivi

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