Das halten die Sachsen vom Kohlekompromiss

Dresden - Die Experten aus Wissenschaft, Gesellschaft und Politik der sogenannten Kohlekommission haben der Bundesregierung vorgeschlagen, bis 2038 aus der Braunkohle auszusteigen. Mit Milliarden soll der Strukturwandel in den Braunkohle-Abbaugebieten - in Sachsen im Leipziger Raum und in der Lausitz - gefördert werden. Umweltverbände und hochrangige Politiker loben die Ergebnisse der Kommission. Doch was sagen die Menschen vor Ort dazu? Bei einer Fahrt durch den sächsischen Teil des Lausitzer Reviers fragte TAG24 am Sonntag Einwohner und Touristen, was sie vom Kohlekompromiss halten.

Das Kraftwerk Boxberg in der Lausitz war einstmals das größte Braunkohle-Kraftwerk der DDR. Bis 2038 soll es vom Netz gehen.
Das Kraftwerk Boxberg in der Lausitz war einstmals das größte Braunkohle-Kraftwerk der DDR. Bis 2038 soll es vom Netz gehen.  © Imago

Weiße Wolken quellen wie Zuckerwatte aus den Kühltürmen des Kraftwerkes Boxberg in den eisblauen Winterhimmel. Gabriela Exner steht auf der Aussichtsplattform am Bärwalder See und schaut gebannt auf den Energie-Riesen, der zum Greifen nah scheint.

"Der Ausstieg ist überfälligst", sagt die 52-Jährige, die vor 20 Jahren Görlitz verlassen hat, um sich im westfälischen Münster eine Existenz aufzubauen. "Gut, dass es endlich losgeht und Planbarkeit für die betroffenen Regionen geschaffen wird."

Dabei hat sie den Ost-West-Unterschied sehr wohl vor Augen: "Die Lausitz hängt von der Kohle ab. Wenn die wegfällt, ist da keine Industrie oder Wirtschaft, die das kompensiert. Im Rheinischen Revier sieht das anders aus."

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Ihre Begleiterin Carola Kasper-Ullrich (51) aus Sohland am Rotstein nickt zustimmend, nachdenklich.

"Dieser sogenannte Kompromiss ist eine Katastrophe", schimpft Eva-Maria Neumann (64) aus Nochten. Sie schiebt ihre Schwiegermutter, die im Rollstuhl sitzt, in die Sonne und gestattet ihrer Wut, Fahrt aufzunehmen: "Ohne Kohle wird hier alles kaputtgehen. Ich glaube nicht daran, dass hier mit Milliarden vom Staat etwas Neues entsteht. Schauen Sie sich Stuttgart 21 oder den BER-Flughafen in Berlin an. Deutschland bekommt Großprojekte nicht in den Griff. Warum soll es da ausgerechnet hier klappen?"

Enrico Hundro engagiert sich bei der Boxberger Feuerwehr.
Enrico Hundro engagiert sich bei der Boxberger Feuerwehr.  © Holm Helis

Die fürsorgliche Frau verteilt kein Lob an die große Politik. "Mein Mann fährt seit 25 Jahren auf Montage, weil es hier keine Jobs gibt. Ohne Kohle ist hier bald alles dicht."

Das befürchtet auch der Bauarbeiter Denis Miertsch (42) aus Boxberg, der gerade bei der Freiwilligen Feuerwehr Papierkram erledigt. Er berichtet: "Viele regen sich auf, aber keiner geht auf die Straße." Wenn Investitionen kommen, dann nur links und rechts der Autobahn oder der Eisenbahntrassen, ist er sich sicher.

Miertsch: "Wir hier in Boxberg werden davon nichts spüren. Ohne Kohleförderung können die bald alles zumachen - von Brandenburg bis Zittau." Er glaubt nicht, dass renaturierte Bergbaulandschaften massenhaft Touristen anlocken können. Der energische Mann: "Noch mehr junge Leute werden fortziehen und die Stadt noch mehr schrumpfen." Sein rechter Arm rudert verzweifelt. Mit den Fingern zeigt er auf Wohnblöcke in der Nähe. "Die sollen demnächst abgerissen werden."

Feuerwehr-Kumpel Enrico Hundro (28) versteht den Eifer der Regierung nicht. Der Schlosser nennt den Ausstieg überstürzt. Er sorgt sich, dass der Strom im Land knapp werden könnte: "2038 sind die Erneuerbaren Energien nicht so weit, dass sie den Bedarf allein decken können. Da wird man aus dem Ausland Strom zukaufen müssen. Vielleicht aus Polen. Dort werden an der Grenze gerade neue Braunkohle-Kraftwerke gebaut."

Gabriela Exner (re.) und Carola Kasper-Ullrich auf dem Aussichtspunkt am Bärwalder See.
Gabriela Exner (re.) und Carola Kasper-Ullrich auf dem Aussichtspunkt am Bärwalder See.  © Holm Helis

Die Bäckereiverkäuferin Nicole Schneider (28) macht sich darüber keine Gedanken.

"Ich kann es eh nicht ändern. Ich habe keine Familie, bin flexibel. Irgendwie und irgendwo wird es für mich nach dem Kohle-Aus weitergehen", sagt die Frau aus Weißwasser.

In Mühlrose, dem Ortsteil von Schleife, der noch umgesiedelt und abgebaggert werden soll zur Kohlegewinnung, sind die Menschen scheu. Von Ausstiegs-Euphorie keine Spur. Die LEAG will bis Ende März Entscheidungen treffen zur Zukunft von Mühlrose.

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Ein Anwohner, der namentlich nicht genannt werden möchte: "Viele hatten sich hier mit ihrem Schicksal und der Umsiedlung gut arrangiert. Die neue Unsicherheit ist schwer zu ertragen."

Gabriela Exner und Carola Kasper-Ullrich sind vom Hügel am Ohr abgestiegen. Sie blicken nun auf den stillen See.

Exner sinniert: "Wir brauchen jetzt eine neue gesellschaftliche Solidarität. Wir müssen anerkennen, welche Opfer einige für den Kohleausstieg und die Energiewende bringen. Sie müssen dafür entschädigt werden, sonst ist der soziale Frieden in Gefahr."

Eva-Maria Neumann und ihre im Rollstuhl sitzende Schwiegermutter Erna Neumann (89).
Eva-Maria Neumann und ihre im Rollstuhl sitzende Schwiegermutter Erna Neumann (89).  © Holm Helis
Denis Miertsch wuchs in Boxberg auf. Er liebt die Lausitz, das Leben dort.
Denis Miertsch wuchs in Boxberg auf. Er liebt die Lausitz, das Leben dort.  © Holm Helis
Nicole Schneider mag ihren Job als Verkäuferin. Angst vor der Zukunft hat sie nicht.
Nicole Schneider mag ihren Job als Verkäuferin. Angst vor der Zukunft hat sie nicht.  © Holm Helis
Rentner Rainer Paulick (65): "Hier muss neue Industrie her, die Arbeit für alle bringt."
Rentner Rainer Paulick (65): "Hier muss neue Industrie her, die Arbeit für alle bringt."  © Holm Helis

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