Leipziger Bahnhof soll jüdisches Museum werden: Von hier aus schickten die Nazis Dresdner in Vernichtungslager

Dresden - Was wird aus dem Alten Leipziger Bahnhof? Nach dem wahrscheinlichen Aus für die Globus-Pläne sollen auf dem riesigen Areal eigentlich Wohnungen entstehen. Nun gibt es aber noch eine weiter Idee: ein Jüdisches Museum.

Der Alte Leipziger Bahnhof könnte zum jüdischen Museum werden.
Der Alte Leipziger Bahnhof könnte zum jüdischen Museum werden.  © Steffen Füssel

Dazu liefen derzeit Gespräche mit Oberbürgermeister Dirk Hilbert (48, FDP), sagte Thomas Feist (54, CDU) kürzlich dem Evangelischen Pressedienst (epd). Feist ist seit März 2019 der erste Beauftragte für das jüdische Leben in Sachsen und damit Ansprechpartner für jüdische Bürger und Gemeinden im Freistaat.

Der historische Bahnhof soll dann als Museumsgebäude dienen. Ganz neu ist die Idee eines Jüdischen Museums in Dresden nicht. Bereits seit 2014 engagiert sich ein Verein für das Thema. Über den Alten Leipziger Bahnhof als Standort werde seit vorigem Jahr nachgedacht, sagt Feist.

Untersützung kommt von der Jüdischen Gemeinde in Dresden. Deren Vorsitzende Nora Goldenbogen (70) verweist auf den engen Bezug des Areals zur jüdischen Geschichte in Dresden.

"Vom Alten Leipziger Bahnhof sind mehrfach Deportationstransporte abgefahren, unter anderem in das Ghetto Riga und nach Auschwitz", sagt Goldenbogen.

Erneut Thema im Stadtrat

Nora Goldenbogen verweist auf den engen Bezug des Areals zur jüdischen Geschichte.
Nora Goldenbogen verweist auf den engen Bezug des Areals zur jüdischen Geschichte.  © Thomas Türpe

Bei der Erschließung und Bebauung des Areals sei es deshalb wichtig, dass diese Geschichte berücksichtigt werde. Das Museum könne allerdings nicht nur Dresden betreffen, sondern müsse den Blick auf ganz Sachsen, Mitteldeutschland oder auch nach Polen und Tschechien richten, sagt sie.

"Wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, hängt von der Unterstützung durch den Dresdner Stadtrat ab", erklärt Feist.

Dort ist das Areal am Donnerstag erneut Thema. Dort sollen viele preisgünstige, familienfreundliche und behindertengerechte Wohnungen geschaffen werden, heißt es in dem Antrag von Grünen, Linken und SPD.

Das technische Denkmal "Alter Leipziger Bahnhof" solle dabei erhalten bleiben und die originale Deportationsrampe in angemessener Weise gewürdigt werden.

Jüdisches Leben in Dresden

Thomas Feist ist Beauftrager der Staatsregierung für das jüdische Leben.
Thomas Feist ist Beauftrager der Staatsregierung für das jüdische Leben.  © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com

Juden lebten in Dresden vermutlich schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Wurden sie unter Markgraf Heinrich dem Erlauchten (1215 bis 1288) 1265 noch mit den Christen gleichgestellt, war ihr Leben in der Stadt im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder von Ressentiments und Pogromen geprägt.

Eine Pestepidemie hatte Dresden heimgesucht. Beschuldigt als "Pestverursacher" wurden 1349 dafür Juden verbrannt oder vertrieben.

An das frühe jüdische Leben in Dresden erinnert noch der Jüdenhof am Verkehrsmuseum. Dort stand die erste Synagoge (1265 bis 1411). Die Juden lebten von Geldgeschäften. Unter der Herrschaft des Kurfürsten Friedrich des Sanftmütigen (1428 bis 1464) wurden die Juden ganz vertrieben und ihre Ansiedlung in Sachsen untersagt.

Erst unter August dem Starken (1670 bis 1733) wurden um 1700 wieder jüdische Familien in die Stadt geholt - um Geldgeschäfte für den Wettiner zu tätigen.

1751 wurde in der Neustadt der jüdische Friedhof angelegt. Mit dem Recht auf freie Religionsausübung wurde 1838 bis 1840 die Synagoge von Gottfried Semper (1803 bis 1879) erbaut. Hundert Jahre später brannte sie in der Reichspogromnacht nieder.

An die Unterdrückung in der Nazizeit erinnert heute das Triersche Haus (Sporergasse), eines der letzten der 37 Judenhäuser, in denen Juden vor ihrer Deportation einzuziehen hatten. 1925 hatten noch 5 100 Juden in Dresden gelebt, nach dem Krieg rund 50. Heute hat die jüdische Gemeinde 710 Mitglieder und seit 2001 eine neue Synagoge.

Das größte jüdische Museum Europas steht in Berlin.
Das größte jüdische Museum Europas steht in Berlin.  © dpa/Rainer Jensen
Im Berliner Museum erhält man einen Überblick über 1700 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte.
Im Berliner Museum erhält man einen Überblick über 1700 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte.  © dpa/Tim Brakemeier
Die Neue Synagoge in Dresden.
Die Neue Synagoge in Dresden.  © Steffen Füssel

Titelfoto: Steffen Füssel, Thomas Türpe

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