Morgensport für Eltern: Kinder anziehen

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist elf, Leo und Jack sind fünf, der Kleinste, mein Bebo, ist fast zwei Jahre. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Dresden - Dass Kinder unter fünf Jahren in Schlafanzügen, nackt, nur in Unterwäsche oder mit einem Strumpf am Leib nicht zum normalen Straßenbild gehören, ist längst keine Selbstverständlichkeit, sondern einzig und allein dem bis an die Selbstaufgabe ausgetragenen Nahkampf von Eltern zu verdanken.

Leider müssen auch Kinder den Pyjama im Laufe des Tages gegen etwas "Richtiges" eintauschen.
Leider müssen auch Kinder den Pyjama im Laufe des Tages gegen etwas "Richtiges" eintauschen.  © 123rf.com/Lesia Pavlenko/Evgenii Naumov

Jeder Tag beginnt damit. In jeder Familie mit Kleinkindern im Inventar. Selbstverständlich bilden meine dabei keine Ausnahme. Wie in jeder Nacht haben sie auch heute ihre Schlafanzüge als absolut unverzichtbares Kleidungsstück kompromisslos lieben gelernt.

Nun sieht es die gesellschaftliche Norm allerdings nicht vor, im Schlafanzug im Kindergarten aufzukreuzen. Deshalb muss sich umgezogen werden. Leo und Jack können das ganz gut allein. Theoretisch.

Wenn man sie oft genug daran erinnert, jetzt den Pullover und die Hose anzuziehen und nicht Lego zu spielen - auch nicht mit dem Furzkissenspiel - besteht eine Chance, dass sie sich an diese Fähigkeit auch erinnern.

"Nein, einen Film dürft ihre jetzt auch nicht schauen." "Warum nicht?" "Weil ihr noch nie vor der Kita einen Film geschaut habt. Zieht! Euch! Um! Jetzt!"

Dann fange ich Bebo ein, der sich seinem Umziehschicksal gerade durch Flucht zu entziehen versucht. Unter lautem Protest trage ich ihn zum Sofa und beginne damit, die Windel zu wechseln.

Er schreit während der gesamten Prozedur wie am Spieß. Wer nicht sieht, was hier gerade geschieht, ihn nur hört, muss vom Schlimmsten ausgehen. Dass bislang kein Jugendamtsmitarbeiter hier aufgekreuzt ist, um gegen uns wegen Kindsmisshandlung zu ermitteln, kann nur eines bedeuten: All unsere Nachbarn hassen Kinder.

Und so kann ich auch heute schweißgebadet das heulende Kind in seine Klamotten bugsieren.

Die Jungs verschwinden nölend in ihrem Zimmer

Beliebtes Shirt-Motiv: Irgendwas mit Feuerwehr.
Beliebtes Shirt-Motiv: Irgendwas mit Feuerwehr.  © 123rf.com/Hery Siswanto

Als ich mit der Verpackung von Bebo fertig bin, rennen Leo in Unterhose und Jack mit einer Socke bekleidet an mir vorbei - jeder mit eine Feuerwehr in der Hand. In der Küche ist ein Großbrand ausgebrochen, der erst gelöscht werden muss.

Ich sehe vorerst keine andere Chance, als mir auch ein Einsatzfahrzug zu schnappen und meinen kleinen halbnackten Feuerwehrkids zu helfen. Den sich daran anschließenden Einsatz im Schlafzimmer breche ich aber ab. Die Kameraden müssen sich erst anziehen.

JETZT!

Sie verschwinden nölend in ihrem Zimmer. Ich atme durch und gehe einige Minuten später hinterher. Der Anblick ist der, den ich erwartet habe: der eine steht im Schlüpfer, der andere mit mit einer Socke vor mir. Ich kommandiere sie nun in die Unterwäsche und Hosen hinein.

Leo mag heute jedoch nicht das T-Shirt mit den Dinos anziehen, sondern das mit der Wendeperlen-Feuerwehr. Dass es noch in der Waschmaschine ist, führt zu einer hitzigen Diskussion und einer Boykottankündigung, dann gar nichts anzuziehen. "Das kannst du sehr gern machen. Dann gehst du eben halbnackt raus." Er fängt an zu weinen.

Jack will jetzt auch ein Feuerwehr-Shirt anziehen. Ich sehe schon die Mutter mit einem Fön Richtung Waschmaschine laufen und erinnere mich an die subtropische Hitze in der Wohnung, als beim letzten Mal ein Pullover trocken geföhnt wurde.

Bevor es soweit kommt, gelingt mir ein Kompromiss: Superhelden-Nickis. Die gehen immer. Ich beantworte die Frage "Muss ich es so rum anziehen?" vier Mal mit "JA" um an der Wohnungstür festzustellen, dass es falsch rum angezogen wurde. Ziehe ihm schnell die Jacke über das T-Shirt. Mögen es später die Erzieherinnen richtig stellen.

Wir habe es fast geschafft!

Als nächstes kommt das Kind mit einer Boykottankündigung um die Ecke und droht, gar nichts anzuziehen.
Als nächstes kommt das Kind mit einer Boykottankündigung um die Ecke und droht, gar nichts anzuziehen.  © 123rf.com/ ELENA POLINA

Jack und Leo haben es sich sogar schon ihr Schuhe angezogen. Immerhin das funktioniert. Bis ich sehe, Leo hat sich für Sandalen entschieden. "Das geht nicht. Das ist viel zu kalt draußen, du musst Stiefel anziehen", erkläre ich ihm.

"Ist es nicht", kontert er im Brustton der Überzeugung. "Doch, es sind unter null Grad." "Nein, das stimmt nicht", schlagen sich Albert und Jack auf die Seite ihres Bruders.

"Doch! Ich mache ich von meiner Vaterrolle Gebrauch. "Woher weißt du das?", nehmen mich die Jungs ins Kreuzverhör. "Ich habe es gerade an unserem Außenthermometer abgelesen."

Sie glauben etwas so altmodischem wie ihrem Vater und einem Außenthermometer nicht, und fragen lieber bei einer Vertrauensperson nach, die mit ihnen technologisch auf Augenhöhe steht: "Alexa, wie ist das Wetter in Radebeul?"

Alexa, das Miststück, fällt mir in den Rücken und gibt bekannt, aktuell seien es drei und es würden bis sieben Grad erwartet.

"Das ist mehr als Null" triumphiert Leo. Ich enttäusche ihn, verbiete ihm die Sandalen und zwinge ihn in die Stiefel. "Du bist so gemein. Warum machst du das. Warum muss ich immer machen, was du willst?", wird er unsachlich. Da er von mir eh schon enttäuscht ist, belasse ich es bei einem fantasielosen: "Ich bin dein Vater".

Ich bin durchgeschwitzt, aber wir können gehen. Ich nehme Bebo auf den Arm. Aus den Jackenausgängen an Hals und den übrigen Körperendungen quillt der Gestank von Kacke. Wir können doch noch nicht gehen...

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Titelfoto: 123rf.com/Lesia Pavlenko/Evgenii Naumov

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