Abschied von Theo Adam: Interview mit Peter Schreier über den verstorbenen Freund

Dresden - Familie, Freunde und Musikerkollegen haben Abschied von Kammersänger Theo Adam (1926-2019) genommen. Der Bassbariton, der in Wagner-Partien, Mozart- und Strauss-Rollen Weltgeltung erlangte, war vor gut einer Woche im Alter von 92 Jahren gestorben.

Theo Adam (†92) verstarb Anfang 2019.
Theo Adam (†92) verstarb Anfang 2019.  © Matthias Hiekel/dpa

Mitglieder des Dresdner Kreuzchors, dem auch Adam einst angehört hatte, sangen Bach. Ein Enkel und der Bassbariton Florian Hartfiel trugen ein oft mit dem Großvater gesungenes Schubert-Lied vor.

"Wir gedenken seines Lebens in Dankbarkeit", sagte Pfarrer Dietmar Selunka. Adam sei ein großer, bedeutender Sänger von Weltrang gewesen, aber stets als "Diener der Musik".

Die Trauerfeier in der Loschwitzer Kirche fand auf Wunsch der Familie im engsten Kreise statt, die Beisetzung wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Dem Verstorbenen erwiesen auch prominente Kollegen wie Pianist Peter Rösel, Dirigent Hartmut Haenchen und Peter Schreier die letzte Ehre. Der Tenor erinnert sich im TAG24-Gespräch an den Künstler, Mensch und engen Freund.

"Keiner war so selbstlos wie er"

Über Jahrzehnte verband sie eine enge Freundschaft: Die Ehepaare Peter und Renate Schreier sowie Theo und Eleonore Adam 1969 (l.).
Über Jahrzehnte verband sie eine enge Freundschaft: Die Ehepaare Peter und Renate Schreier sowie Theo und Eleonore Adam 1969 (l.).  © bpk/Bayerische Staatsbibliothek/Felicitas Timpe

TAG24: Herr Schreier, Theo Adam und Sie, wie haben Sie sich kennengelernt?

Peter Schreier: Das war 1945 im Kreuzchor. Ich war damals zehn Jahre alt. Theo war im Kreuzchor gewesen, bevor er vom Militär eingezogen wurde. Etwa zu der Zeit, als ich in den Chor eintrat, kam er als Spätheimkehrer zurück. Damals sind wir in Verbindung gekommen. Später haben wir oft gemeinsame Konzerte gesungen und wurden dabei Freunde.

TAG24: Theo Adam war neun Jahre älter als Sie. War er Ihnen ein Vorbild?

Schreier: Ja, absolut. Als Sänger und als Persönlichkeit. Er hat uns jungen Sängern, also nicht nur mir allein, sehr geholfen. Er gab uns künstlerische Ratschläge und öffnete uns Wege, Karrierewege, zum Beispiel indem er uns über seine Kontakte zu Engagements verhalf. Er war selbstlos darin, andere zu unterstützen.

TAG24: Sie wohnten Luftlinie nicht weit auseinander. Wie eng war Ihre Freundschaft, wie oft haben Sie sich getroffen?

Schreier: Wir waren sehr oft zusammen. Es waren viele private, sehr persönliche Kontakte, die auch unsere Familien einbezogen haben. Auch beruflich waren wir immer wieder eng beieinander. Berufliches und Privates ging nahtlos ineinander über.

Die Paare im Jahre 2001.
Die Paare im Jahre 2001.  © Jörn Haufe/Action Press

TAG24: Gab es gemeinsame Rituale zwischen Ihnen?

Schreier: Es war eher etwas Familiäres, nämlich die Beziehungen zwischen ihm und meinen Kindern. Er war für sie der große Onkel. Und er war ein großartiger Onkel. Die Kinder hingen wirklich sehr an ihm.

TAG24: Was war aus Ihrer Sicht Theo Adams hervorragendste Eigenschaft – künstlerisch und menschlich?

Schreier: Menschlich auf jeden Fall die Selbstlosigkeit, dieses völlig uneitle Verhalten, wenn es darum ging, anderen zu helfen. Ich kann wohl sagen, dass ich nie wieder einen Kollegen getroffen habe, der sich so selbstlos verhalten hat wie Theo. So etwas wie Konkurrenzdenken kannte er nicht. Er war solchen Dingen einfach überlegen. Das war wirkliche menschliche Größe. Musikalisch war es dieser unbedingte Gestaltungswille in Sprache und Tongebung, der ihn von anderen unterschied. Bei einem Lied oder eine Opernarie muss etwas erzählt werden, das ist unsere Aufgabe als Sänger. Theo hat sie vorbildlich ausgefüllt. So etwas wie verwaschene Konsonanten gab es nicht bei ihm, seine Artikulation war einzigartig. Das Singen war seine Berufung, meine ich, und diese Berufung hat er voll ausgelebt.

TAG24: Theo Adam ist im Alter von 92 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Können Sie sich damit versöhnen?

Schreier: Leider war es so, dass das Leben für ihn seit längerer Zeit nicht mehr lebenswert war. Die Nachricht von seinem Tod kam für uns, meine Frau und mich, nicht unvorbereitet und hat uns doch überrascht. Es ist wohl gut so, wie es jetzt ist, aber traurig sind wir doch.

Kreuzkantor Roderich Kreile geleitet seine Kruzianer zur Trauerfeier in der Loschwitzer Kirche.
Kreuzkantor Roderich Kreile geleitet seine Kruzianer zur Trauerfeier in der Loschwitzer Kirche.  © Steffen Füssel

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