Großer Report: Eine Nacht im Nachtcafé

Dresden - Trotz winterlich milder Temperaturen suchen so viele Obdachlose wie noch nie Dresdens Nachtcafés auf. Die kirchlichen Gemeinden bieten warmes Essen und eine Bleibe bis zum nächsten Tag. Die Helfer sind bereits am Limit, befürchten aber, dass die Not noch weiter steigen wird.

Eines der sieben Dresdner Nachtcafés: die Zionskirche in der Südvorstadt.
Eines der sieben Dresdner Nachtcafés: die Zionskirche in der Südvorstadt.  © Marko Förster

Das Nachtcafé an der evangelischen Zionskirche in der Südvorstadt um 18.30 Uhr. Bei zehn Grad sammeln sich die Hilfesuchenden schon eine Stunde vorm Einlass.

"Sie wollen sich einen Platz sichern", sagt Leiter Gerd Grabowski (72). Im Dezember zählte er 694 Übernachtungen in den sieben Nachtcafés - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr (313).

"Ohne die Cafés würde es nicht gehen", sagt Andreas (71). "Hier gibt es Essen und einen Schlafplatz. Ich habe auch ein Hemd bekommen."

Nach einem Pfannkuchen löffelt der Dresdner Linsensuppe: "Einwandfrei!" Das gespendete Essen (von Mensen, Bäckern, Tafel) wurde im Küchenraum von Ehrenamtlern zubereitet.

Vier sind im Einsatz. Im Vorjahr reichten zwei. Helferin Greta Granek (26): "Obdachlose sind auch Menschen. Während andere in der Neustadt feiern gehen, müssen sie aufpassen, dass sie nicht erfrieren."

Obdachlose finden hier Gesprächspartner

Insgesamt 29 Hilfsbedürftige freuten sich über warmes Essen. Viele kamen auch miteinander ins Gespräch.
Insgesamt 29 Hilfsbedürftige freuten sich über warmes Essen. Viele kamen auch miteinander ins Gespräch.  © Marko Förster

29 Gäste essen bis 22 Uhr im Gruppenraum. Mehrheitlich Deutsche, in diesem Jahr aber auch viele Slowaken.

"Dass man unter Leuten ist, finde ich gut. Als Obdachlose ist man oft alleine", sagt Antje (45). Bevor die Helfer ihr Isomatte, Schlafsack und Decke für den Schlafraum reichen, geht sie noch duschen.

Mathias (58) zieht weiter, versucht bei einer Bekannten unterzukommen. "Ich bin nur zum Essen hier, habe ein Stück Apfelkuchen bekommen. Weil ich heute Geburtstag habe."

23 Obdachlose übernachten im vollen Schlafsaal - mehr geht nicht. Wer jetzt noch kommt, wird zu den Notunterkünften der Stadt geschickt.

Deren 320 Heimplätze sind aktuell zu etwa 90 Prozent ausgelastet. "Ein Grund für ansteigenden Bedarf liegt in der Entwicklung des Wohnungsmarktes in den letzten Jahren. Dresden braucht mehr Sozialwohnungen", sagt Nachtcafé-Leiter Grabowski.

Passiert da nichts, wird die Obdachlosigkeit weiter zunehmen."

Morgenpost-Reporter Hermann Tydecks (36) mit Andreas (71), der seit zehn Jahren obdachlos ist.
Morgenpost-Reporter Hermann Tydecks (36) mit Andreas (71), der seit zehn Jahren obdachlos ist.  © Marko Förster
Ihr dritter Einsatz: Helferin Greta Granek (26) verteilt Linsensuppe an Danyi (35) aus der Slowakei.
Ihr dritter Einsatz: Helferin Greta Granek (26) verteilt Linsensuppe an Danyi (35) aus der Slowakei.  © Marko Förster
Gerd Grabowski (72) teilt Schlafsäcke und Handtücher aus. Er ist Sprecher aller Nacht-Cafés, leitet das der Zionskirche.
Gerd Grabowski (72) teilt Schlafsäcke und Handtücher aus. Er ist Sprecher aller Nacht-Cafés, leitet das der Zionskirche.  © Marko Förster
Nach dem Duschen bereitet Antje (45) ihren Schlafplatz auf dem Boden vor. In diesem Saal nächtigten 22 weitere Obdachlose.
Nach dem Duschen bereitet Antje (45) ihren Schlafplatz auf dem Boden vor. In diesem Saal nächtigten 22 weitere Obdachlose.  © Marko Förster

Titelfoto: Marko Förster

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