Großes TAG24-Abschieds-Interview mit Sachsens oberster Denkmalschützerin

Dresden - Sie ist die Herrin der Denkmale und oberste Konservatorin in Sachsen: Seit 2002 leitet Rosemarie Pohlack das gleichnamige Landesamt (LfD). Nun, Ende des Monats, geht sie in den verdienten Ruhestand. Torsten Hilscher sprach mit der gelernten Architektin.

Professor Rosemarie Pohlack (65) im Landesamt für Denkmalpflege in Dresden.
Professor Rosemarie Pohlack (65) im Landesamt für Denkmalpflege in Dresden.  © Steffen Füssel

TAG24: Frau Prof. Dr. Pohlack, was genau ist unter Denkmalpflege zu verstehen?

Rosemarie Pohlack: Im Grunde geht es bei der Unterschutz-Stellung von Denkmalen darum, besondere Werte unserer kulturellen Umgebung, unserer Kulturlandschaft, zu benennen, zu erkennen, zu erforschen, zu erklären. Es geht um unser Lebensumfeld, das, was uns ausmacht, was unsere Kultur bestimmt, was unsere europäische Kultur bestimmt. Es geht auch um unser Umfeld: den Stadtraum, die Straße, den Dorfanger, die Dorfkirche, die Windmühle oder den Aussichtsturm.

TAG24: Wann kam dieses Bewusstsein erstmals beim Bürger an?

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Rosemarie Pohlack: Schon 1825 wurde der Königlich Sächsische Altertumsverein unter Vorsitz der Prinzen Friedrich August und Johann gegründet. Das war noch etwas von „oben“ oder vor allem von den gebildeten Schichten der Bevölkerung Getragenes.

Es ging um die ,Vaterländischen Altertümer‘ bis Ende des 18. Jahrhunderts, die es zu bewahren galt. Es gab aber noch kein Denkmalschutzgesetz. Und dann setzte die Industrielle Revolution mit all ihren Umbrüchen ein. 1894 wurde schließlich die „Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler“ beim Ministerium des Innern begründet.

Vater des Denkmalschutzes hierzulande: Friedrich August von Sachsen (1797-1854).
Vater des Denkmalschutzes hierzulande: Friedrich August von Sachsen (1797-1854).  © Archiv

TAG24: Seit wann ist Denkmalpflege in Sachsen Pflicht?

Rosemarie Pohlack: Hier sollten wir uns der Heimatschutzbewegung, konkret dem 1908 gegründeten Landesverein Sächsischer Heimatschutz zuwenden. Ihm ist es maßgeblich zu danken, dass schon 1909 das „Gesetz gegen die Verunstaltung von Stadt und Land“ verabschiedet werden konnte; es gilt als unser erstes Denkmalpflegegesetz.

Damit kam im Grunde erstmals die Forderung aus der Mitte der Gesellschaft, nicht nur die wichtigsten Monumente, sondern auch die Werte der Heimat in ihrer Vielfalt zu schützen. Bis dahin war es ein langer Weg, auf dem auch Prinz Johann mit Gesetzesvorschlägen gescheitert war, weil man im Innenministerium befürchtete, Eigentümer zu sehr in ihren Rechten zu beschneiden. Das Thema ist auch heute aktuell.

TAG24: Es ist ja für Eigentümer auch oft nicht einfach.

Rosemarie Pohlack: Das kann ich als Denkmaleigentümerin aus eigenem Erleben bestätigen. Die Aufgabe von Denkmalpflegern ist es eben auch, die Eigentümer für ihre Denkmale zu sensibilisieren, zu begeistern. Hier sind wir auch Unterstützende der Städte, indem wir ihnen, gerade Mitte der Neunziger, immer wieder gesagt haben: Lasst euch nicht von manchmal raren Investoren erpressen, fordert Qualität ein. Ihr zahlt mit der Schönheit, mit der Einmaligkeit dessen, was eure Stadt oder euer Dorf ausmacht.

Das Schloss war bis Ende der 1980er eine Ruine. Erste Wiederaufbauarbeiten und Planungen begannen aber bereits in der DDR.
Das Schloss war bis Ende der 1980er eine Ruine. Erste Wiederaufbauarbeiten und Planungen begannen aber bereits in der DDR.  © imago images/Harald Lange

TAG24: Was sind Erfolge in Sachen Denkmalschutz in Sachsen?

Rosemarie Pohlack: Nehmen wir nur das Residenzschloss, seinen jetzigen Zustand. Oder das Dresdner Taschenbergpalais. Wer, bitteschön, erinnert sich noch, dass hier 1990 eine totale Ruine war?! Und das sind nur zwei Monumente von ca. 102 000 in Sachsen, von denen inzwischen mehr als zwei Drittel bewahrt und saniert werden konnten. Denken Sie an unsere Innenstädte vor 30 Jahren im Vergleich zu heute!

TAG24: Was halten Sie für einen persönlichen Erfolg?

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Rosemarie Pohlack: Als ich 2002 anfing, waren beim Thema Neumarkt Dresden alle Seiten zerstritten. Im Sinne von Klärung und Miteinander ging gar nichts mehr. Da habe ich alle Seiten an meinen Tisch geholt und geholfen, Türen und Ohren für die Argumente des anderen zu öffnen.

Wir im LfD haben unser Archiv geöffnet und mit der Stadt und der Gesellschaft Historischer Neumarkt einen Weg gefunden, wie zum Beispiel die geborgenen Originalteile wieder in die Gebäude eingebaut werden können – und wie der Neumarkt im Bürgersinne wachsen kann.

Das wiederhergestellte Residenzschloss in Dresden. Allein in diesem Jahr werden der Öffentlichkeit fünf sanierte Räume übergeben.
Das wiederhergestellte Residenzschloss in Dresden. Allein in diesem Jahr werden der Öffentlichkeit fünf sanierte Räume übergeben.  © imago images/Torsten Becker

TAG24: Worauf sind Sie stolz?

Rosemarie Pohlack: Ich bin redlich froh – Stolz ist für mich nicht das rechte Wort - über die Rettung des Kornhauses in Zwickau – in letzter Minute. Ein Werk vieler Engagierter und über Parteigrenzen hinweg! Nun hat das zu DDR-Zeiten abgerissene Stadtviertel mit Schloss und Kornhaus wieder einen räumlichen Halt bekommen.

Dann: 2004 haben wir die Umgebindehaus-Stiftung gründen können. Auch, dass ich das Kraftwerk Mitte in Dresden mit anschieben konnte und dass es noch gelungen ist, den Kulturpalast Dresden unter Schutz zu stellen - auch in letzter Minute.

Wenn ich hier einen Wunsch frei hätte, wäre das zum Residenzschloss in Dresden: Ich würde die Wiederherstellung der beiden Paradesäle der Konstitutionellen Monarchie Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Weg bringen, als die Repräsentationsräume, in denen die Sächsische Verfassung beschlossen wurde, Grundlage unserer heutigen Verfasstheit. Es stünde uns gut an, zu zeigen, dass die sächsische Residenz nicht im Barock stehengeblieben ist.

Das Kornhaus in Zwickau. Es beherbergt heute unter anderem die Stadtbibliothek.
Das Kornhaus in Zwickau. Es beherbergt heute unter anderem die Stadtbibliothek.  © imago images/imagebroker/Harald Wenzel-Orf
Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack (65) beim Abschiedsinterview mit TAG24-Reporter Torsten Hilscher (51).
Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack (65) beim Abschiedsinterview mit TAG24-Reporter Torsten Hilscher (51).  © Steffen Füssel

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