Ist künftig jeder Tote potenzieller Organspender?

Dresden - Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spender-Organ gefunden wird. "Das muss sich ändern", fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (38, CDU). Er hat Gesetzesänderungen und eine gesellschaftliche Debatte über Organspenden angestoßen. Doch gegen eine geplante Widerspruchsregelung regt sich Widerspruch.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (38, CDU) sprach sich im September 2018 öffentlich für die doppelte Widerpruchslösung bei Organspenden aus.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (38, CDU) sprach sich im September 2018 öffentlich für die doppelte Widerpruchslösung bei Organspenden aus.  © DPA

Der Bundestag debattierte am Donnerstag über ein neues Transplantationsgesetz, das zum Ziel hat, die Zahl der Organspender zu erhöhen.

Die Koalition will, dass die Abläufe in den Krankenhäusern besser und Organentnahmen in Kliniken höher vergütet werden. Zudem sollen Angehörige von Organspendern umfassender betreut werden.

Mit einem speziellen Rufbereitschaftsdienst für Neurologen und Neurochirurgen will man künftig absichern, dass jederzeit der Hirntod eines Patienten festgestellt werden kann. Denn: Eine Organspende ist nur dann möglich, wenn bei dem Verstorbenen der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen festgestellt wurde. Zwei Fachärzte müssen das unabhängig voneinander attestieren.

Der Gesetzesentwurf erntet Zustimmung bei allen Parteien. "Wir hoffen, dass das Gesetz 2019 noch in Kraft tritt", heißt es aus dem Berliner Ministerium.

Die Transplantationsmedizin begrüßt Spahns Initiative. "Das Gesetz bietet gute Voraussetzungen, um die Zahlen der Organspenden zu erhöhen", sagt Christa Wachsmuth von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (Region Ost).

Mit einem Organspendeausweis verleiht man zu Lebzeiten klar seinem Willen Ausdruck: Will man Spender sein oder nicht.
Mit einem Organspendeausweis verleiht man zu Lebzeiten klar seinem Willen Ausdruck: Will man Spender sein oder nicht.  © Imago

Unabhängig davon streiten die Parlamentarier auch noch über neue Organspende-Regeln.

Spahn möchte die "doppelte Widerspruchslösung". Das heißt, jeder ist automatisch ein Spender. Außer, man sagt zu Lebzeiten ausdrücklich "Nein". Ansonsten sind – als doppelte Schranke – auch noch die Angehörigen zu fragen. Gegenwärtig sind Entnahmen nur bei ausdrücklich erklärter Zustimmung erlaubt.

Das Gros der Ärzteschaft steht da hinter dem Minister. Erik Bodendieck (51), Präsident der Sächsischen Landesärztekammer: "Jede und jeder von uns kann schon morgen in die Situation kommen, eine Organspende zu benötigen - sei es durch eine Krankheit oder einen Unfall. Deshalb müssen wir irrationale Ängste und Vorurteile abbauen. Die Widerspruchslösung hilft, Menschenleben zu retten!"

Protest formiert sich im Internet. Zahlreiche Petitionen gegen diese Lösung laufen.

Wahlspruch der Gegner ist ein Zitat des Philosophen Hans Jonas: "Der Anspruch der Gesellschaft endet an meiner Haut."

Zahl der Organspenden nimmt zu, reicht aber noch nicht aus

Erik Bodendieck ist Allgemeinmediziner und führt eine Arztpraxis in Wurzen.
Erik Bodendieck ist Allgemeinmediziner und führt eine Arztpraxis in Wurzen.  © Thomas Türpe

Skandale um manipulierte Warteliste haben den Ruf der Transplantationsmedizin in Deutschland schwer ramponiert. Nach einem Tiefpunkt steigt jetzt jedoch wieder die Zahl der Spender in Sachsen.

Die Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) verzeichnete im vergangenen Jahr hierzulande insgesamt 66 Menschen, die nach ihrem Tod Organe für schwerkranke Patienten gespendet haben. 2017 hatte die DSO nur 50 Spender landesweit registriert.

Insgesamt wurden 203 Organe wie Niere, Herz, Lunge, Leber in Sachsen entnommen und bundesweit sowie im Ausland transplantiert.

Das waren 51 mehr als im Jahr zuvor. Innerhalb Sachsens kam es zu 170 Organübertragungen (plus 59). Lebendspenden (z.B. Nieren von Angehörigen) werden dabei nicht mitgezählt. Deutschlandweit spendeten 2018 insgesamt 955 Menschen nach ihrem Ableben Organe (2017 waren es 797).

Auf eine Million Einwohner kommen nun rechnerisch 11,5 Spender. Jeder deutsche Spender schenkte im Schnitt drei schwerkranken Patienten eine neue Lebenschance.

"Diese Entwicklung bedeutet einen ersten Hoffnungsschimmer für die Patienten auf den Wartelisten. Das darf uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in 2019 noch viel zu tun gibt", sagt DSO-Vorstand Axel Rahmel (56).

Titelfoto: Imago

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