Sechs Leckereien aus Sachsen, über die Brüssel die Hand hält

Lausitzer Köstlichkeiten.
Lausitzer Köstlichkeiten.

Dresden/ Sachsen - Sachsen hat Geschmack. Regionale Spezialitäten wie Leipziger Lerchen, Pulsnitzer Pfefferkuchen oder Dresdner Eierschecke erfreuen sich großer Beliebtheit.Eine ganz eigene „Ess-Klasse“ von lokaler Feinkost definiert dagegen die EU.

Sie stellt solche Lebensmittel unter besonderen Schutz, die national und international einer Alleinstellung würdig sind. Sechs sächsische Lebensmittel haben es in diese „Europa-League“ geschafft.

Welche es sind und welche starken Allianzen hinter den Produkten stehen lest Ihr hier.

Die Europäische Union hält seit 1992 schützend ihre Hände über ausgewählte Agrarprodukte und Lebensmittel. Mit der Verordnung Nr. 1151/2012 will sie dafür sorgen, dass Produktpiraten und Nachahmer nicht auf den Geschmack kulinarischer Kulturgüter kommen.

Altenburger Ziegenkäse ist ein Weichkäse aus dem Grenzgebiet zwischen Sachsen und Thüringen. Er wird aus Kuhmilch mit einem Anteil von 15 Prozent Ziegenmilch hergestellt.
Altenburger Ziegenkäse ist ein Weichkäse aus dem Grenzgebiet zwischen Sachsen und Thüringen. Er wird aus Kuhmilch mit einem Anteil von 15 Prozent Ziegenmilch hergestellt.  © Smith GmbH

Knapp 1 400 Produkte stehen aktuell in der EU unter Geo-Schutz. Davon kommen 89 aus Deutschland. Die sächsischen Vertreter in diesem geschmackvollen Club heißen: Altenburger Ziegenkäse (!), Dresdner Christstollen, Elbe-Saale Hopfen, Meißner Fummel, Lausitzer Leinöl und Oberlausitzer BioKarpfen.

„Das Verfahren zur Beantragung des Schutzes als herkunftsbezogene Spezialität ist extrem aufwendig und bürokratisch. Es gab schon Fälle, da hat das Verfahren bis zur letztgültigen Anerkennung durch die Europäische Kommission zehn Jahre gedauert“, berichtet Ulrich Ermann.

Er ist Professor der Uni Graz und arbeitet am Institut für Geographie und Raumforschung. Die Kosten einer Antragstellung bei der EU variieren sehr stark.

„Sie liegen etwa im vierstelligen Bereich“, sagt Karin Bernhardt, die Sprecherin des sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie.

Das mitteldeutsche Hopfen-Anbaugebiet Elbe-Saale umfasst mehr als 50 Hopfenstandorte inSachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Das mitteldeutsche Hopfen-Anbaugebiet Elbe-Saale umfasst mehr als 50 Hopfenstandorte inSachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Allerdings hängt das stark davon ab, welche Vorarbeiten die Antragsteller geleistet haben. Bernhardt: „Der Freistaat Sachsen unterstützt potenzielle Antragsteller finanziell.“

Trotzdem: Wer so einen Prozess durchstehen will, braucht starke Partner. Das gilt auch für die sächsischen Produzenten: Der Schutzverband Dresdner Stollen vertritt seit 1991 die Interessen von Stollen-Bäckereien und Konditoreien aus dem Großraum Dresden.

Rund 120 Betriebe gehören ihm an. Der Verband hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ehre des Traditionsgebäcks hoch zu halten. Der Begriff „Dresdner Stollen“ ist seit 2010 als geografische Herkunftsangabe geschützt und als solche mit mehreren Wort- und Bildmarken beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen.

Ausdruck dessen ist neben dem goldenen Stollen- das EU-Siegel.

Hanna Haubold (20) ist das 23. Dresdner Stollenmädchen. Sie wird das Traditionsgebäckein Jahr lang repräsentieren (F.li.). Lausitzer Leinöl wird abgefüllt in schmucken Ton- oder einfachen Glasflaschen.
Hanna Haubold (20) ist das 23. Dresdner Stollenmädchen. Sie wird das Traditionsgebäckein Jahr lang repräsentieren (F.li.). Lausitzer Leinöl wird abgefüllt in schmucken Ton- oder einfachen Glasflaschen.  © Marko Förster

Die Schutzgemeinschaft Oberlausitzer BioKarpfen vertritt der Freistaat mit seinem Staatsbetrieb Sachsenforst und der Biosphärenreservatsverwaltung „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“. Seit 2015 „ziert“ BioKarpfen das EU-Siegel.

Der Verband der Deutschen Milchwirtschaft unterstützte den Antrag Altenburger Ziegenkäse per Siegel zu „adeln“. Die mild-aromatische Käsespezialität (seit 1997 geschützt) wird heute von der Molkerei und Weichkäserei K.-H. Zimmermann in Falkenhain (bei Wurzen, also in Sachsen) und einem Betrieb in Thüringen gefertigt.

Ulrich Ermann: „In Deutschland wird vor allem vom Schutz der ‚geographischen Angabe‘- kurz g.g.A. - Gebrauch gemacht.“ Aktuell liegt bei der EU kein weiterer Antrag einer sächsischen Schutzgemeinschaft auf Geo-Schutz, weiß Karin Bernhardt.

Und fügt hinzu: „Eine konkrete Initiative gibt es ebenfalls nicht.“ So schnell wird also kein weiteres Produkt aus Sachsen so ein Siegel tragen...

Fischer beim Sortieren ihres Fanges: Bio-Karpfen aus der Oberlausitz wachsen in einem Zeitraum von 3 Jahren zum fertigen Speisefisch heran.
Fischer beim Sortieren ihres Fanges: Bio-Karpfen aus der Oberlausitz wachsen in einem Zeitraum von 3 Jahren zum fertigen Speisefisch heran.  © dpa/ Sebastian Willnow
Alleinhersteller der legendären Meißner Fummel (Preis: 3 Euro) ist die Konditorei Zieger.
Alleinhersteller der legendären Meißner Fummel (Preis: 3 Euro) ist die Konditorei Zieger.

Das bedeuten die einzelnen Siegel

 Links: Geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) Mitte: Geschützte geografische Angabe (g.g.A.) Rechts: Garantiert traditionelle Spezialitäten (g.t.S.)
Links: Geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) Mitte: Geschützte geografische Angabe (g.g.A.) Rechts: Garantiert traditionelle Spezialitäten (g.t.S.)

Kein Buch mit sieben Siegeln: Das steckt hinter den EU-Labeln.

Geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) : Das EU-Gütezeichen „g. U.“ garantiert, dass die Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung eines Erzeugnisses in einem bestimmten geografischen Gebiet nach einem anerkannten und festgelegten Verfahren erfolgt ist. Sämtliche Produktionsschritte müssen in dem betreffenden Gebiet erfolgen.

Geschützte geografische Angabe (g.g.A.) : Das Gütezeichen „g.g.A.“ dokumentiert die Verbindung eines Produkts mit seinem Herkunftsgebiet. Allerdings muss nur eine der Produktionsstufen im Herkunftsgebiet durchlaufen werden. Das für ihre Herstellung verwendete Rohmaterial kann aus einer anderen Region stammen.

Garantiert traditionelle Spezialitäten (g.t.S.) : Dieses EU-Gemeinschaftszeichen hebt die traditionelle Zusammensetzung eines Produkts oder ein traditionelles Herstellungs- und/oder Verarbeitungsverfahren hervor.

Entscheidend ist allein, dass dem traditionellen Rezept oder Herstellungsverfahren gefolgt wird. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise der Mozzarella oder der Serrano-Schinken. Den Schutz dieser Kategorie genießt bislang kein deutsches Produkt.

Schwerpunkt liegt im Süden Europas

© gregorylee/123RF

Wer von Lebensmitteln mit EU-Schutz spricht, muss über den Tellerrand schauen. Dabei sieht man: Innerhalb Deutschlands gibt es ein West-Ost-Gefälle, was die Zahl der geschützten Leckereien betrifft (siehe Grafik).

Im europäischen Vergleich fällt vor allem ein deutliches Süd-Nord-Gefälle ins Auge. Italien, Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland produzieren zusammen über 880 und damit drei Viertel aller Lebensmittel mit EU-Herkunftsschutz.

In der Aufzählung der Produkte erscheinen überproportional viele Wurst-, Schinken- sowie Käsespezialitäten - zum Beispiel Parmaschinken, Porc noir de Bigorre oder Camembert de Normandie. Die kontinentale Unausgeglichenheit hat vor allem historische Gründe.

Die Land- und Ernährungswirtschaft in Südeuropa wurde nie so tiefgreifend industrialisiert und standardisiert wie im Rest Europas.

Die Beamten der Europäischen Kommission wachen mit Argusaugen darüber, dass die geschützten Lebensmittel nicht von Dritten kopiert werden.
Die Beamten der Europäischen Kommission wachen mit Argusaugen darüber, dass die geschützten Lebensmittel nicht von Dritten kopiert werden.  © martajaniec/123RF

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