So schlimm ist es wirklich: Sachsens Pflege-Misere in Zahlen

Dresden/Sachsen - Der Pflege-Azubi Alexander Jorde hatte vor der Bundestagswahl in der ARD-Wahlarena Angela Merkel sprachlos gemacht - indem er von seinem Arbeitsalltag berichtete. Die Kanzlerin versprach damals vage: "Es wird mehr Standard da reinkommen."

Manchmal reicht das Essen nicht.
Manchmal reicht das Essen nicht.  © Imago

Nun wird die neue Regierung in wenigen Tagen vereidigt, und Angela Merkel steht in der Pflicht. Die Not ist in der Alten-, aber auch der Krankenpflege groß. Sieben Zahlen beschreiben die aktuellen Probleme und Herausforderungen.

8000 neue Stellen für Fachkräfte will die Regierung per Sofortprogramm schaffen. Die neuen Pflegekräfte sollen von der Kranken- statt aus der Pflegeversicherung bezahlt werden. 800 Stellen bundesweit sind aber weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein bei 13.000 Einrichtungen in Deutschland.

Der Bedarf an Pflege-Fachkräften ist groß und wird noch weiter wachsen. Die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert eine Personal-Lücke von 500.000 Vollzeitstellen bis 2030. Alle Wohlfahrts-Experten sind sich einig: Viele Probleme in der Pflege ließen sich mit mehr Geld lösen. Sie warnen die Politik aber eindringlich davor, die Bürger dafür unverschämt zur Kasse zu bitten.

Tendenzen dazu gibt es: Das, was jetzt an höheren Löhnen und besserer Personalausstattung geplant ist, droht zu 100 Prozent von den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen bezahlt werden zu müssen.

Oft bleibt zu wenig Zeit.
Oft bleibt zu wenig Zeit.  © Imago

1,7 Millionen Überstunden haben allein die medizinischen Pflegekräfte in den sächsischen Krankenhäusern angehäuft, besagt eine ver.di-Umfrage. "Die Befragung fand Anfang 2016 statt. Bis heute hat sich die Situation in den Krankenhäusern nicht verbessert", schimpft der ver.di-Landesfachbereichsleiter Bernd Becker (46).

Die Gewerkschaft streitet mit der Kampagne "Das Soll ist voll" für eine bessere Patientenversorgung und Verbesserungen für das Pflege-Personal. Becker: "Viele Kliniken sind ebenso wie Altenheime oder mobile Pflegedienste chronisch unterbesetzt. Schuld daran ist die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und der Altenbetreuung."

Becker berichtet, dass die Menschen in allen Pflegeberufen extrem unter Druck stehen. Arbeitsbelastung, Verantwortung, Schicht- und Wochenenddienste - viele Fachkräfte verlassen das Land, weil sie in der Schweiz oder den Beneluxländern bessere Arbeitsbedingungen vorfinden und mehr Lohn bekommen.

Eine Pflegerin feilt einer Bewohnerin die Nägel.
Eine Pflegerin feilt einer Bewohnerin die Nägel.  © Imago

1131 Euro* beträgt in Sachsen im Schnitt der pro Monat zu zahlende Eigenanteil für einen Platz in einer vollstationären Pflegeeinrichtung (inklusive Unterkunft, Verpflegung sowie Investitionskosten). Zum Vergleich: in Nordrhein-Westfalen liegen die Kosten bei 2252 Euro.

Wenn die Betroffenen oder ihre Angehörigen das nicht zahlen können, springt die Sozialhilfe der (oft klammen) Kommunen ein. Traurige Wahrheit: Rund ein Drittel der Pflegeheim-Bewohner kann heute nicht seine Eigenanteile aufbringen.

*Quelle: Barmer Pflegereport 2017

999 freie Stellen in der Altenpflege in Sachsen wurden der Agentur für Arbeit im Januar 2018 gemeldet. Dem standen 113 arbeitslose Altenpfleger oder Altenpflegerinnen gegenüber. Die Bewerber-Stellen-Relation lag also bei eins zu neun. Händeringend wirbt die Branche um Nachwuchs. Um mehr Jugendliche für die Berufe zu begeistern, wird eine Reform der schulischen Ausbildung nach dem Vorbild der dualen Berufsausbildung diskutiert.

Kanzlerin Merkel (63, CDU) hat bisher nur vage Versprechen.
Kanzlerin Merkel (63, CDU) hat bisher nur vage Versprechen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa

4 sächsische Heime mit vollstationärer Pflege dürfen gegenwärtig - auf Anordnung des Kommunalen Sozialverbandes Sachsen - keine neuen Patienten aufnehmen, weil ihnen die dafür nötigen Pflegekräfte fehlen. Insgesamt sieben Einrichtungen unterschreiten aktuell im Bereich Pflege die sogenannte Fachkraftquote.

Diese Quote hat der Gesetzgeber zur Qualitätssicherung eingeführt. Sie besagt, dass mindestens jeder zweite Mitarbeiter in einem Pflegeheim eine dreijährige Ausbildung zur Fachkraft absolviert haben muss.

Der Kommunale Sozialverband Sachsen schätzt dennoch ein: "Derzeit gibt es nach unserer Kenntnis im Freistaat Sachsen kein flächendeckendes Versorgungsproblem mit und in Pflegeeinrichtungen. Ein 'Notstand' liegt nicht vor."

153 Tage vergehen im Schnitt, bis in Sachsen eine Stelle in der Altenpflege besetzt werden kann. 117 Tage brauchen die Personalmanager laut Arbeitsagentur-Statistik, um für einen Job in der Krankenpflege, im Rettungsdienst, in der Geburtshilfe oder im Gesundheitsbetrieb einen geeigneten Bewerber zu finden und zu binden.

Pflegeforscher Heinz Rothgang (Archivbild).
Pflegeforscher Heinz Rothgang (Archivbild).  © DPA

53.728 Pflegeheim-Plätze in insgesamt 775 stationären Pflegeeinrichtungen (Pflegeheime, Kurzzeitpflege, Wachkoma-Einrichtungen, Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige und Hospize) stehen in Sachsen zur Betreuung von Hilfebedürftigen und Alten bereit.

Die Plätze sind begehrt in Stadt und Land. Viele Häuser führen Wartelisten. Perspektivisch muss das Angebot weiter aufgestockt werden. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass der Anteil der Senioren (und damit potenziell Pflegebedürftigen) an der Bevölkerung zunimmt.

Der renommierte Pflegeforscher Heinz Rothgang mahnt angesichts der Misere und Probleme die Gesellschaft an, Stellung zu beziehen: "Wir sind alle gefragt, was uns unsere Eltern und Großeltern wert sind." Alle müssten die Aussicht haben, in Frieden alt werden zu können.

Rothgang: "Viele denken heute, 'Wenn ich abgeschoben werde, gebe ich mir vorher die Kugel...'"


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0