Schriftsteller kritisiert Dresden für PEGIDA und AfD: "Es ist nur das große Kotzen"

Dresdner Autor Durs Grünbein. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein Buch mit Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Dresden, "Die Jahre im Zoo".
Dresdner Autor Durs Grünbein. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein Buch mit Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Dresden, "Die Jahre im Zoo".

München - Der Schriftsteller Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren, ist einer der meistdekorierten deutschen Autoren und sicher der prominenteste aus Dresden nach 1989. Grünbein lebt inzwischen in Rom, erlebt Dresden aus entfernter Nähe.

Soweit es PEGIDA und die AfD betrifft, geht der Autor mit seiner Heimatstadt und überhaupt mit dem Osten hart ins Gericht, jetzt in einem Interview mit dem Online-Portal der Süddeutschen Zeitung.

"Der wütende Kleinbürger ist wieder zurück, das rätselhafte Wesen, das seine sozialen Ängste in lauter Aggressionen verwandelt", so Grünbein.

"Zu protestieren, und das ganze Land schreit empört auf, nährt den Stolz: Wenigstens sind wir wieder wer. Wir mögen verächtlich sein, wenigstens sind wir gefährlich."

Viele Dresdner hätten "einen ungeheuren Lokalpatriotismus, der anderen Menschen kaum zu vermitteln" sei. Den Grund dafür sieht Grünbein in der Zerstörung der Stadt im Krieg und der Art der Reflektion nach dem Krieg: "Die Dresdner trauern bis heute um ihre verlorene Stadt, anders als die Kölner, die Hamburger, deren Innenstädte genauso betroffen waren."

Obwohl es SED-Funktionäre gewesen seien, "die diese Stadt zum zweiten Mal abräumten - man denke an Walter Ulbrichts Eingriffe in das Stadtbild", gebe es alljährlich zum 13. Februar Gedenkfeiern. "Das war eine Steuerung von Erinnerungspolitik."

Es gehe bei PEGIDA "nur um die permanente Störung". Grünbein: "Es ist wie ein Tinnitus, der die Gesellschaft quält." Wenn man frage, was das politische Ziel der Montagsdemonstrationen sei, käme nicht viel, "jedenfalls nichts Konstruktives. Es ist nur das große Kotzen".

Ein Teil der AfD-Wähler sei "politikmüde, sie lehnen das ganze parlamentarische System ab. Die großen gemeinsamen Probleme der Menschheit geraten so aus dem Blick".

Grünbein: "Die Uhren sollen sich rückwärts drehen, weil alles so undeutsch, vor allem: so unübersichtlich geworden ist. Es ist dieselbe Rückwärtsbewegung wie zurzeit in Polen, in Ungarn. Der Nationalismus kehrt als Gespenst nach Europa zurück. Ich fühle mich wie am Rand eines Canyons und blicke in einen Abgrund der Gegenaufklärung."

Nie habe er gedacht, "dass es in meiner Lebenszeit noch einmal so weit kommt".


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0