Sachsens Retter kommen immer öfter zu spät, mit teils tödlichen Folgen

Torgau/Dresden - Im Kampf um Leben und Tod zählt jede Sekunde. Zu dumm nur, wenn die Retter in das falsche Dorf geschickt werden... Über die Jahre gesehen kommen Notarzt und Feuerwehr im Schnitt immer später zu den Hilfsbedürftigen - das zeigen aktuelle Zahlen aus dem Innenministerium.

Zwölf Minuten sind kaum einzuhalten, wenn die Anfahrtswege länger werden.
Zwölf Minuten sind kaum einzuhalten, wenn die Anfahrtswege länger werden.  © Klaus Jedlicka

Rettungsärzte vermuten, dass dies vor allem an der vom Freistaat erzwungenen Abschaffung der regionalen Leitzentralen liegt und fordern nun mit einer Petition an den Landtag Aufklärung.

Zwölf Minuten nach der Alarmierung! Das ist die in Sachsen gesetzlich vorgesehene Zeit, nach der die Feuerwehr oder der Rettungsarzt spätestens am Einsatzort sein sollte.

Weil dies nicht in jedem Einzelfall möglich ist, schreibt die Landesrettungs-Verordnung die Einhaltung einer Hilfsfrist in 95 Prozent der Fälle vor - als eine planerische Größe.

Doch diese Hilfsfristen werden im Freistaat immer weniger eingehalten. Während die Retter 2011 noch in 88 Prozent der Fälle pünktlich am Einsatzort waren, sank die Quote 2018 auf 81 Prozent. Das heißt: bei jedem fünften Einsatz verspäten sich die Retter.

Landrat Henry Graichen hatte schlechte Nachrichten

Durch die Zentralisierung sind weniger Disponenten für die gleiche Fläche zuständig. Es mangelt an Ortskenntnis.
Durch die Zentralisierung sind weniger Disponenten für die gleiche Fläche zuständig. Es mangelt an Ortskenntnis.  © dpa/Peter Endig

Es gibt erschreckende regionale Unterschiede (Karte): Während Dresden und das Vogtland noch relativ gut abgesichert sind, sollte man zwischen Torgau und Frohburg nicht auf schnelle Hilfe hoffen.

Im Muldental kommt jeder dritte Rettungswagen zu spät! Dabei war der Bezirk Leipzig 2011 mit 91 Prozent noch der beste.

Die Zahlen brachen ein, seitdem im Januar 2016 die regionalen Leitstellen geschlossen wurden und zentral von Leipzig aus betreut werden. Seither herrschen hier chaotische Zustände.

Bereits vor einem Jahr leistete Landrat Henry Graichen (CDU, Leipziger Land) den Offenbarungseid: "Wir können derzeit die Aufgabenerfüllung im Bereich Rettungsdienst nicht gewährleisten!"

Es wurde nur schlimmer.

Teils mit fatalen Folgen!

Von der Tischlerei in Kuckeland blieb nicht viel übrig. Die Alarmierung stockte wegen des ungewöhnlichen Ortsnamens.
Von der Tischlerei in Kuckeland blieb nicht viel übrig. Die Alarmierung stockte wegen des ungewöhnlichen Ortsnamens.  © Medienportal Grimma
  • In einer Torgauer Gaststätte verschluckte sich ein Senior. Die Retter wurden aber aus Eilenburg bestellt und brauchten 25 Minuten länger. Der Herr erstickte im Kreise seiner Lieben.
  • In Kuckeland, einem von Grimma eingemeindeten Dorf, brannte eine Tischlerei. Die Feuerwehr wurde zu spät losgeschickt, weil der Erstmelder erst schwören musste, dass der Ort überhaupt existiert.
  • Ein Feuerwehr-Führer rief in der Leitzentrale zurück: "Ihr wisst, dass wir 30 Minuten zum Brand brauchen?" Der Disponent hatte einen Fluss namens Elbe nicht auf dem Schirm.
  • Bei einer Bürgerversammlung wurde Grimmas OB Matthias Berger zum Ersthelfer, als eine Frau stürzte und zwischenzeitlich das Bewusstsein verlor. Der Notarzt kam nach 45 Minuten.

"Es ist nicht akzeptabel", moniert Lutz Badura, Chefarzt im Kreiskrankenhaus Delitzsch. "Man muss an den Patienten denken, der leidet, starke Schmerzen hat und auf Hilfe wartet." Deshalb unterschrieb er mit drei weiteren Rettungsärzten die Petition.

1000 Anrufer in der Warteschleife!

Bei Großereignissen wie dem Sturm Friederike hängt man verzweifelt in der Warteschleife.
Bei Großereignissen wie dem Sturm Friederike hängt man verzweifelt in der Warteschleife.  © 123RF

Für ihn liegt das Dilemma in der Zentralisierung der Leitstellen. Badura: "Im Vergleich zu früher gibt es viel weniger Disponenten für ein erheblich größeres Gebiet. Ihnen fehlt die Ortskenntnis und die Zeit."

Die verlassen sich dann auf das Alarmierungsszenario, das ihnen der Computer empfiehlt. Der Rettungsarzt: "Es sind viel längere Fahrwege und weniger Zeit für die Opfer."

Die Idee, die einst 21 existierenden Leitstellen auf fünf zu reduzieren, verfolgt die Staatsregierung seit 2002. Gegen den teils heftigen Widerstand der Landräte und Kreisparlamente wurde die Zentralisierung per Gesetz verfügt. Der Prozess ist seit Dezember abgeschlossen.

Ein Argument war damals, dass eine zentralisierte Leitstelle besonders bei Großereignissen viel besser aufgestellt sei. Die Feuertaufe für die Leipziger Zentrale war ein Desaster: Beim Sturm Friederike (Januar 2016) steckten laut Feuerwehrgewerkschaft etwa 1000 Anrufer in der Warteschleife.

Innenministerium sieht neueste Zahlen nicht so dramatisch

Nordsachsens Kreisrat Heiko Wittig (SPD).
Nordsachsens Kreisrat Heiko Wittig (SPD).  © privat

Vornehmlich aber sollten Kosten gespart werden, um weniger Leitstellen auf dem Stand der Technik zu halten. Das mag für die Investitionen zutreffen, aber nicht für den Betrieb.

Nordsachsens Kreisrat Heiko Wittig (SPD): "Wir zahlen für die Leipziger Zentrale erheblich mehr Unterhaltungskosten als vorher." Das könnte auch an den erhöhten Fahrwegen liegen.

Im Innenministerium werden die neuesten Zahlen nicht so dramatisch gesehen. Sprecher Jan Meinel: "Aus hiesiger Sicht sind die gemeldeten Daten ein Indiz dafür, dass die schnelle Versorgung der Notfallpatienten in Sachsen grundsätzlich gewährleistet ist. Gleichwohl müssen alle Beteiligten weitere Anstrengungen unternehmen."

Im Wahljahr wird das Thema eher keine Rolle spielen. Denn dann würde offenbar, dass durch einstiges Regierungshandeln die Regionen geschwächt wurden - zulasten der Menschen.

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