Blindgänger-Suche! Uni-Sportplatz erinnert an Minenfeld

Dresden - Hü­gel an Hü­gel reiht sich auf dem Uni-Sport­platz an der Te­plit­zer Stra­ße in Dres­den. Wie ein Feld vol­ler Maul­wurfs­hü­gel. Es er­in­nert auch ein we­nig an ein Mi­nen­feld. Mit­ten­drin ar­bei­ten Ma­schi­nen, die wei­te­re Lö­cher in den Bo­den boh­ren. Am Tor zum Ge­län­de prangt ein gro­ßes Ban­ner: Kampf­mit­tel­räu­mung Nord. Was hier ge­schieht, sieht man sel­ten in Sach­sen ...

Elke Mühlbauer (60), Niederlassungsleiterin des SIB - Dresden II, und Matthias Rudolph (57), Sachgebietsleiter Ingenieurbau.
Elke Mühlbauer (60), Niederlassungsleiterin des SIB - Dresden II, und Matthias Rudolph (57), Sachgebietsleiter Ingenieurbau.  © Eric Münch

Bohr­son­die­rung nen­nen Ex­per­ten das Ver­fah­ren. "Es ist ein stan­dar­di­sier­tes Ver­fah­ren, das aber nicht alle Tage im SIB vor­kommt", er­klärt Elke Mühl­bau­er (60), Nie­der­las­sungs­lei­te­rin des Säch­si­schen Im­mo­bi­li­en- und Bau­ma­nage­ment (SIB) - Dres­den II. "Es ist, glau­be ich, so­gar das ers­te Mal", er­gänzt sie.

Ins­ge­samt 7 200 Boh­run­gen sind auf dem etwa 15.000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Are­al vor­ge­se­hen. "Es dient der Ge­fah­ren­ab­wehr", meint Mühl­bau­er. Die Pro­fis der Kampf­mit­tel­räu­mung su­chen hier nach Bom­ben, Spreng­sät­zen oder Mu­ni­ti­on. Kos­ten: 1,2 Mil­lio­nen Euro. Doch von vorn ...

Schon Ende 2014 be­gann die Pla­nung für die drin­gend not­wen­di­ge Sa­nie­rung des Plat­zes, der bis da­hin von der TU Dres­den für den Uni­ver­si­täts-Sport ge­nutzt wur­de.

Doch die Flücht­lings­kri­se mach­te den Pla­nern ei­nen Strich durch die Rech­nung. Es wur­de ein rie­si­ges Fest­zelt auf­ge­baut und 350 Flücht­lin­ge dar­in un­ter­ge­bracht. Erst im April 2016 ver­schwan­den die Zel­te wie­der. "In die­ser Zeit sind noch mehr Schä­den ent­stan­den", sagt Mat­thi­as Ru­dolph (57), Sach­ge­biets­lei­ter In­ge­nieur­bau beim SIB und fe­der­füh­rend für die Maß­nah­me.

Die Bau­pla­nun­gen gin­gen da­nach wei­ter. Eine Ab­fra­ge bei der Po­li­zei we­gen Kampf­mit­tel­ver­dachts, die Pflicht bei je­der Bau­maß­nah­me ist, brach­te kei­ne Ent­war­nung.

Es wur­den Ak­ten ge­wälzt und Luft­bil­der aus­ge­wer­tet. Auf ei­nem Bild vom 16. Ja­nu­ar 1945 sah man Ge­bäu­de an der Stel­le des heu­ti­gen Sport­plat­zes. Nur drei Mo­na­te spä­ter: Ein an­de­res Foto zeigt al­les in Trüm­mern. Die Bom­bar­die­rung Dres­dens hat­te auch vorm Stadt­teil Streh­len nicht Halt ge­macht. "Von ab­ge­wor­fe­nen Bom­ben rech­net man mit 15 Pro­zent Blind­gän­gern", er­läu­tert Ru­dolph.

Sonden scannen den Boden: Kampfmittelsondierung zwingend notwendig

Nico Pohlmann (29), Truppführer bei der Kampfmittelräumung Nord, lässt die Sonde in ein Bohrloch hinab.
Nico Pohlmann (29), Truppführer bei der Kampfmittelräumung Nord, lässt die Sonde in ein Bohrloch hinab.  © Eric Münch

Eine Kampf­mit­tel­son­die­rung wur­de da­mit zwin­gend. Son­den "scann­ten" den Bo­den.

"Aber es gab zu vie­le Ano­ma­li­en", er­in­nert sich Ru­dolph. Eine bau­be­glei­ten­de Son­die­rung, nor­ma­ler­wei­se üb­lich, wur­de un­mög­lich. "Wir hat­ten nun zwei Op­tio­nen. Ent­we­der den Platz kom­plett aus­bag­gern oder die Bohr­son­die­rung", be­schreibt er. Die Ent­schei­dung fiel zu­guns­ten der güns­ti­ge­ren Va­ri­an­te.

So rück­te im ver­gan­ge­nen No­vem­ber die Kampf­mit­tel­räu­mung Nord mit ent­spre­chen­dem Ge­rät in Dres­den an.

Seit­dem wuchs auf dem Platz Hü­gel um Hü­gel, im Ab­stand von 1,50 Me­ter, ab­ge­steckt per GPS. "Die Boh­rer sind vorn stumpf. Da­durch kön­nen sie Bom­ben nicht an­boh­ren", be­ru­higt der Sach­ge­biets­lei­ter. "Stö­ßt der Boh­rer auf ei­nen Wi­der­stand, wird die Ar­beit so­fort ein­ge­stellt."

Neun Me­ter tief sind die Lö­cher. Ru­dolph: "In un­se­ren Brei­ten fin­det man Bom­ben bis in sechs Me­ter Tie­fe." Auf­grund der Bo­den­be­schaf­fen­heit. Die wur­de im Vor­feld mit­tels ei­ner Ramm­kern­son­die­rung un­ter­sucht. Da­bei wur­de ein hoh­les Rohr in den Bo­den ge­rammt, das so die un­ter­schied­li­chen Bo­den­schich­ten auf­nahm. Er­geb­nis: Die ers­ten 3,50 Me­ter be­stehen aus Schutt und Trüm­mern. "Nach dem Krieg wur­de al­les ge­nutzt, was es gab, um den Platz auf­zu­fül­len", sagt er.

Etwa ein Drittel des Sportplatzes ist schon untersucht

In der Übersicht der Bohrlöcher kann Truppführer Konstantin Schwarze (26) auf die einzelnen Ergebnisse zugreifen.
In der Übersicht der Bohrlöcher kann Truppführer Konstantin Schwarze (26) auf die einzelnen Ergebnisse zugreifen.  © Eric Münch

Dies spie­gelt sich auch in den Er­geb­nis­sen wi­der. In der Mess­kur­ve der Bohr­lö­cher gibt es bis vier Me­ter Tie­fe di­ver­se Aus­schlä­ge - durch die Trüm­mer. Un­be­denk­lich!

Dann folgt eine Null­li­nie. "Ich habe noch nie ei­nen Bo­den ge­se­hen, der so sau­ber ist", ord­net Kon­stan­tin Schwar­ze (26), stell­ver­tre­ten­der Räums­tel­len­lei­ter der Kampf­mit­tel­räu­mung, den Wert ein. Schwar­ze: "Eine Bom­be wür­de sich da deut­lich ab­zeich­nen."

Doch ehe die Kur­ven auf sei­nem Com­pu­ter er­schei­nen, müs­sen die Lö­cher ein­zeln son­diert wer­den. Da­für wird nach dem Boh­ren ein lan­ges Rohr ver­senkt.

Dar­in wird die Son­de (Wert: 60.000 bis 70.000 Euro) mit zwei Sen­so­ren und Be­we­gungs­mel­der her­ab­ge­las­sen. Im Ra­di­us von 75 Zen­ti­me­tern wer­den alle fer­ro­ma­gne­ti­schen Me­tal­le er­fasst. Eine harm­lo­se Alu­mi­ni­um­do­se hin­ge­gen wür­de nicht er­kannt wer­den.

"Die Son­de kann so­gar er­ken­nen, ob es sich um ein oder zwei Ob­jek­te han­delt", er­ör­tert Räums­tel­len­lei­ter Nico Pohl­mann (29). Die Son­de ist mit ei­nem klei­nen Ge­rät ver­bun­den. Dar­in wer­den die Ko­or­di­na­ten ein­ge­ge­ben. "So fin­det man das Bohr­loch wie­der, falls man es doch noch ein­mal auf­ma­chen will", sagt der Trupp­füh­rer.

Etwa ein Drit­tel des Plat­zes ist in­zwi­schen un­ter­sucht. "Ge­fun­den wur­de bis­lang nichts", sagt Mat­thi­as Ru­dolph er­leich­tert. Soll­te der Kampf­mit­tel-Trupp doch noch et­was fin­den, wür­de der Ge­gen­stand frei­ge­legt und im Ernst­fall der Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst alar­miert. Doch alle hof­fen, vor al­lem für die An­woh­ner, dass das nicht pas­siert ...

Das mobile Gerät erfasst die Koordinaten des Bohrlochs.
Das mobile Gerät erfasst die Koordinaten des Bohrlochs.  © Eric Münch
Ein halbes Jahr lang soll die Bohrsondierung dauern. Heißt: Frühestens ab Mai kann mit den eigentlichen Sanierungsarbeiten begonnen werden.
Ein halbes Jahr lang soll die Bohrsondierung dauern. Heißt: Frühestens ab Mai kann mit den eigentlichen Sanierungsarbeiten begonnen werden.  © Tino Plunert
Nach der Sondierung wird das Rohr herausgezogen und das Loch mit Bentonit verschlossen.
Nach der Sondierung wird das Rohr herausgezogen und das Loch mit Bentonit verschlossen.  © Eric Münch
Bei der Bombardierung Dresdens rechnen Experten mit 15 Prozent Blindgängern.
Bei der Bombardierung Dresdens rechnen Experten mit 15 Prozent Blindgängern.  © imago images/Leemage

Die Gefahr lauert im Boden: Letzte große Bombenfunde Sachsens

Bis zu 800 Mal rückt Sachsens Kampfmittelbeseitigungsdienst im Jahr aus. Sechs Millionen Euro kostet den Bund jedes Jahr die Beräumung. Die größten Bombenfunde der letzten Jahre:

  • Leipzig, Dezember 2019: Auf einer Baustelle wurde eine 250-Kilo-Bombe entdeckt. 9 000 Menschen wurden evakuiert, die Bombe entschärft.
  • Plauen, Juni 2019: Weil eine 50-Kilo-Bombe nicht entschärft werden konnte, wurde sie abtransportiert und in einem Waldstück gesprengt.
  • Dresden, Oktober 2018: Eine vermeintliche Bombe im Ostragehege entpuppte sich als ungefährliches Wasserrohr.
  • Dresden, Mai 2018: Die 250-Kilo-Bombe in Dresden Löbtau detonierte teilweise. Erst nach zwei Tagen konnten 9 000 Menschen in ihre Wohnungen zurück.
  • Heidenau, November 2017: Eine 250-Kilo-Bombe deutscher Bauart mit russischem Zünder konnte in Heidenau entschärft werden.
Solche 250-Kilo-Bomben werden immer wieder auch in Sachsen gefunden.
Solche 250-Kilo-Bomben werden immer wieder auch in Sachsen gefunden.  © Imago Images / Markus Heine

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