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So radikal anders wird die Medizin der Zukunft

Neue Behandlungsmethoden bergen Chancen, schüren aber auch Ängste

In der Zukunft wird beim Arzt vermutlich alles anders, als wir es gewohnt sind. Was sich ändern könnte, erklärt Prof. Dr. Albrecht vom Dresdner Uniklinikum.

Von Antje Ullrich

Dresden - Virtuelle Realität, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz: Was in Science-Fiction-Filmen meist in ferner Zukunft spielt, könnte unsere Medizin schon bald revolutionieren.

Prof. Michael Albrecht (69), Vorstandsvorsitzer am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, sieht die Zukunft der Medizin in ihrer Digitalisierung.
Prof. Michael Albrecht (69), Vorstandsvorsitzer am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, sieht die Zukunft der Medizin in ihrer Digitalisierung.

Davon ist Prof. Dr. Michael Albrecht (69), Vorstandsvorsitzender am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, überzeugt.

Und die Zukunft beginnt jetzt! TAG24 sprach mit Ärzten und Wissenschaftlern über Visionen und Projekte, aber auch Probleme.

TAG24: Prof. Albrecht, in Ihrer Vision der Medizin der Zukunft geht es vor allem um Digitalisierung. Was heißt das?

Prof. Michael Albrecht: Digitalisierung bedeutet, wir werden unsere Prozesse im Krankenhaus maximal ändern. Wir werden nicht nur überall mit Computern, Software und Apps arbeiten, sondern unsere Behandlungsprozesse und den Umgang mit dem Patienten ändern. Es wird unser jetziges Versorgungssystem komplett auf den Kopf stellen.

TAG24: Haben Sie ein Beispiel?

Albrecht: Vor 10 oder 15 Jahren war Krebs im Prinzip ein Todesurteil. Jetzt haben Patienten große Chancen, ihn zu überleben. Jetzt wissen wir, dass es eine individuelle Erkrankung ist, die wir in Zukunft individuell behandeln müssen. Dafür brauchen wir aber große Datenbanken. Jeder Patient muss mit seinem Krankheitsverlauf darin komplett gespeichert sein.

Dann können wir viele Daten miteinander vergleichen, Muster erkennen und darauf aufbauend individuelle Therapien verbessern. Der nächste Schritt ist dann, die Genstruktur mit diesen Erkenntnissen zu verknüpfen, um die Entstehung von Erkrankungen künftig zu verhindern.

Kommt das Aus für Krankenhäuser?

Die Dresdner Universitätsklinik Carl Gustav Carus.
Die Dresdner Universitätsklinik Carl Gustav Carus.

TAG24: Wie sieht's mit dem Datenschutz aus?

Albrecht: Das ist ein Problem. Die Diskussion muss immer ernsthaft geführt werden. Das ist aber kein Problem, hinter dem man sich verstecken und sagen muss, darum geht möglicher Fortschritt nicht. Sondern man muss sich überlegen, wie beides hinzubekommen ist. Aber so zu tun, als sei Digitalisierung automatisch ein Datenschutzverstoß, ist natürlich nicht richtig.

TAG24: In der künftigen Patientenversorgung sollen mobile Systeme eine wichtigere Rolle spielen. Braucht es dann überhaupt noch Krankenhäuser?

Albrecht: Ich denke, in 20 bis 30 Jahren reden wir nicht mehr über die Uniklinik oder das Landkrankenhaus, sondern wir haben eine hoch spezialisierte Maximal- und Akutversorgung sowie Gesundheits-, Präventions- und Behandlungszentren.

TAG24: Wer soll die Medizin der Zukunft bezahlen?

Albrecht: Am Anfang braucht es Anschubfinanzierungen beispielsweise durch die Länder. Wenn wir das nicht machen, werden wir irgendwann international abgehängt. Aber es muss sich auch jeder fragen, was er bereit ist, für seine Gesundheit auszugeben. Im Moment haben wir ein Allroundversorgungspaket. Ob wir auf Dauer mit dem Anteil, den wir heute individuell für die Gesundheitsversorgung ausgeben, weiter so optimal versorgt sein können, wage ich zu bezweifeln.

Künstliche Intelligenz "fischt" Wichtiges aus dem Daten-Meer

"Big Data" wird das Stichwort der Zukunft sein. Gemeint ist eine Flut an Daten, die mit heutigen Systemen kaum zu bewältigen ist.

Dabei handelt es sich in der Medizin um Patientendaten aller Menschen, auch der Gesunden.

Krankheitsverläufe, Befunde, CT-/MRT-Bilder oder Bioproben, aber auch Gesundheitsdaten von Smartphones und sogenannten Wearables (beispielsweise Fitnesstracker) zählen dazu.

Einen ersten Schritt in diese Richtung machten das Uniklinikum und die Medizinische Fakultät der TU Dresden Anfang 2018 mit der Gründung des Zentrums für Medizinische Informatik (ZMI).

Hier arbeiten 20 wissenschaftliche Mitarbeiter daran, eine sichere Datenbank für Patientendaten zu entwickeln und ein System zu entwerfen, mit dem man auf diese Daten auch gezielt zugreifen kann.

"Wir brauchen den ganzheitlichen Blick auf die Daten. Eine Künstliche Intelligenz kann uns dann helfen, die wichtigen Dinge in dieser Datenflut zu erkennen und Hinweise zum Beispiel für geeignete Therapien geben", erklärt Prof. Dr. Martin Sedlmayr (46), Inhaber der Professur für Medizininformatik.

Da medizinische Daten besonders zu schützen sind, wurde Anfang des Jahres eine unabhängige Treuhandstelle eingerichtet. Leiter Philipp Heinrich (32) fungiert dabei als Schaltstelle zwischen Patient und Forschung. Er macht die Personendaten mittels einer zufällig generierten Buchstaben- oder Zahlenkombination unkenntlich.

Jeder Patient kann dabei selbst entscheiden, welche Daten er preisgeben möchte. "Ergeben sich bei einem Forschungsprojekt Zufallsbefunde, wie zum Beispiel eine bis dahin unentdeckte Krankheit, können diese dem Patienten trotzdem mitgeteilt werden", erklärt Heinrich.

Elektronische Patientenakte kommt - manchen geht sie unter die Haut

Auch dieser Patient könnte schon bald eine elektronische Akte bekommen (Symbolbild).
Auch dieser Patient könnte schon bald eine elektronische Akte bekommen (Symbolbild).

Die Vision: Impfausweis, Mutterpass, Untersuchungsheft für Kinder und Zahn-Bonus-Heft sollen in Zukunft digital vorliegen.

Sämtliche Ärzte, Apotheker, Psycho- und Physiotherapeuten können auf Patientendaten in einer Datenbank zugreifen. Ärzte dürfen Apps verschreiben. Rezepte und Krankschreibungen werden digital übermittelt.

Einiges davon ist schon auf dem Weg. Mit dem Digitale Versorgung Gesetz zum Beispiel werden Krankenkassen ab 2021 verpflichtet, eine elektronische Patientenakte (ePA) anzubieten.

Gleichzeitig haben Patienten dann Anspruch darauf, dass Ärzte in diese digitale Akte Eintragungen vornehmen. Genaue Regelungen fehlen allerdings noch.

Weiter geht die Idee, die ePA quasi im Körper mit sich zu tragen - in Form eines Nearfield Communication (NFC) Chips unter der Haut.

Prof. Albrecht vom Uniklinikum Dresden: "Auf dem Chip ist zum Beispiel nicht die Krankenakte, sondern das Zugriffsrecht auf Daten, die an anderer Stelle gespeichert sind."

In anderen Bereichen gibt's das schon. Schätzungen gehen von 150.000 Menschen weltweit aus, die solch einen Chip implantieren ließen. Führend: China. Der Chip ersetzt dabei Ausweise, Eintrittskarten und kann auch bargeldlos zahlen.

Tragbare Technik kontrolliert uns rund um die Uhr

Eine Frau nutzt eine App zur Überwachung der Herzfrequenz beim Sport (Symbolbild).
Eine Frau nutzt eine App zur Überwachung der Herzfrequenz beim Sport (Symbolbild).

Fitnessarmband und Pulsuhr gehören inzwischen zum Alltag. Selbst Elektrokardiogramme (EKG) können die kleinen Computer erstellen und so vor Schlaganfällen warnen.

Auch lässt sich bei Diabetespatienten bereits heute der Blutzuckerspiegel mit sensorbasierten Geräten kontinuierlich überwachen.

Bei Parkinson sollen Bewegungsmuster künftig Schübe voraussagen. Dafür werden am Uniklinikum Dresden Socken mit eingearbeiteten Sensoren auf ihre Praxistauglichkeit getestet.

Ähnlich funktionieren Smartphone-Apps, die zum Beispiel bei bipolaren Störungen anhand des Nutzerverhaltens darauf hinweisen sollen, dass der Patient auf eine depressive oder manische Phase zusteuert.

Hierzu läuft unter der Leitung der Uniklinik eine bundesweite Studie. Künftig werden Wearables unser Leben wohl maßgeblich "kontrollieren".

Fotos: imago/Sven Ellger, Eric Münch, imago images/Panthermedia, Imago/Volker Preußer, 123RF/Varin Rattanaburi

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