Kinderchaos an der Eisdiele: Endlich ist der Sommer vorbei!

Dresden - Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Nach schulterklopfender Echte-Kerle-Logik muss ich ein Beimsexsockenanbehalter sein. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka.

ENDLICH IST DER SOMMER VORBEI

Eis-Eldorado: Wo die Kinder die Wahl haben, hat der Vater die Qual.
Eis-Eldorado: Wo die Kinder die Wahl haben, hat der Vater die Qual.  © DPA

Sommer! Das ist planschen gehen, sonnenbaden, kurze Röcke, flirten im Biergarten.

Und. Es. Ist. Eis. Essen.

Verlasse ich das Haus, um mit meinen Jungs so richtig was zu erleben, erwartet mich an jeder Eisquelle eine Diskussion über "Krieg ich ein Eis?" "Später." "Nein, jetzt!!!" "Nein, später." "Warum???“ „Weil ich es sage.“ Weit komme ich damit nicht.

Spätestens bei der bunten Gelateria mit grob geschätzt 233 Sorten Kugeleis gibt es kein Entrinnen mehr.

Wir reihen uns in die überwiegend aus verliebt wirkenden Paaren bestehende Schlange ein. Im Sinne einer möglichst reibungslosen Bestellung motiviere ich die Früchte meiner Lenden, sich Gedanken über ihre Eiswahl zu machen. Sie starren auf die Tröge. Eigentlich tut das nur der Älteste, Albert. In ihm arbeitet es sichtlich.

Die beiden Kleinen toben lieber herum. Der Versuch sie einzufangen, scheitert. Ein Radfahrer kann meinem plötzlichen Ausfallschritt in Richtung der an mir vorbeischnellenden Leo und Jack reaktionsschnell ausweichen.

Nur mit sehr viel Glück wird er danach nicht vom entgegenkommenden, mit Junggesellenabschiedlern beladenen, Bierbike über den Haufen gefahren. Er beschimpft mich, ich stelle mich taub.

Becher oder Waffel? Das ist hier die Frage!
Becher oder Waffel? Das ist hier die Frage!  © 123RF

Wir sind dran. Albert überlegt noch. "Was willst du?" "Moment noch. Ich glaube ... ich ... nehme ..." Pause. Und wie steht es um die Kleinen? Gelato-Ausgeber Antonio hat eine Eistüte beladebereit in der Hand und wird von Leo gemaßregelt: "Keine Waffel, ich möchte einen Becher mit Löffel." Bekommt er. Um den dauerhaften Bruder-Frieden zu bewahren, ordere ich auch für Jack einen Pappbecher. Was da reinkommt, steht längst noch nicht fest. Dummerweise ist unter den 233 Sorten kein Schlumpfeis, was die Entscheidungsfindung unverhältnismäßig in die Länge zieht.

Die Schlange am Eisstand wächst 'gen Horizont.

Jack und Leo fragen sich durch das Sortiment. Was ist das? Was das? Warum heißt das so? Dann täuschen sie die Bestellung zehn verschiedener Geschmacksrichtungen an, um sich schließlich für Vanille zu entscheiden. Jetzt wird alles gut, denke ich.

Bis Jack sieht, dass seine Kugel im Becher landet, so wie immer in den vergangenen Wochen: „Ich will aber eine Waffel. Bitte.“ Aus seiner Stimmlage entnimmt mein geschärftes Vatergehör, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, den Sinneswandel rückgratlos hinzunehmen. Ich lasse das Eis vom Becher in die Waffel umschichten.

Leider bekommt das Leo mit und wünscht sich sein Eis NATÜRLICH JETZT AUCH in der Waffel. "Du hast dich eben gerade für einen Becher entschieden...", setze ich an. "Aber mir schmeckt es in der Waffel besser", erwidert er in einem Ton, als würde er an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Auch seine Portion wird umgeschichtet.

Jetzt ist alles perfekt. Wenn da nicht die vom netten Eismann großzügig spendierten Smarties auf der Vanilleportion wären. "Die ess' ich doch aber nicht." Wortlos werfe ich die bunten Perlen den Tauben zum Fraß vor.

Auch an der Eisfront gilt: immer schön lächeln.
Auch an der Eisfront gilt: immer schön lächeln.

Das Ende der Schlange ist mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen. Ich lese in den Gesichtern der jungen Paare, wie sie ihren aktuellen Kinderwunsch noch mal überdenken oder auf unbestimmte Zeit verschieben und überlege, Kondome zu verteilen. Als Zeichen der Wiedergutmachung.

Dann hat sich auch Albert entschieden: "Ich nehme Schoko, Mango und Yoghurt." "Es war gesagt, eine Kugel." "Ich bin aber größer als die Babys. Ich schaffe das." Um Eisdielen-Riots der Wartenden zu verhindern, lasse ich das Argument gelten. Er bekommt zwei.

Ich nehme eine Kugel Vanille und zahle.

Wir setzen uns. Im Augenwinkel sehe ich, wie Leos Eis aus einer sehr sehr schrägen Waffelposition den Abgang macht. Reaktionsschnell greife ich zu, erwische aber nur einen Teil. Der Rest ist spurlos verschwunden.

Tränen fließen. Ich kann trösten und gebe ihm meine Portion. Die habe ich ausschließlich für diesen Zweck als Notfall-Ration gewählt. Eigentlich mag ich gar kein Vanilleeis. Aber das spielt schon lange keine Rolle mehr.

Beim Gehen ruft mir die äußerst heiße Kellnerin, die mich noch nie eines Blickes gewürdigt hat, hinterher: "Eh, an deinem Hintern klebt was." Ich ertaste den verschollen geglaubten Rest von Leos Eis. Zum Säubern fehlen mir die Tempos. Die sind alle dabei draufgegangen, das durch die Waffeln gesickerte Eis von meinen Kindern abzuwischen. Also lasse ich den an mir klebenden Brei so würdevoll wie möglich langsam mein Bein herunterlaufen.

In der Ferne höre ich die Sirene eines Krankenwagens. „Nehmt mich bitte einfach mit“, denke ich. „Irgendwo in eine geschlossene Einrichtung, in der Kinder kein Eis essen können.“

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