Mit dem Kind im Stadion: Fußball ist soooo langweilig

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Wenn der Vater mit dem Sohn ins Stadion geht, muss das nicht zwingend wie im Bilderbuch ablaufen.
Wenn der Vater mit dem Sohn ins Stadion geht, muss das nicht zwingend wie im Bilderbuch ablaufen.  © 123RF

Dresden - „Papa, morgen ist Fußballweltmeisterschaft.“ „Stimmt. Weißt du denn, was das ist?“ „Ja, wer gewinnt, ist der Beste der ganzen Welt. Vielleicht gewinnen ja wir.“ „Wer ist denn wir?“ „Dynamo?!“

Das lass ich mal unkorrigiert stehen. Der penibel gelegte Samen ist ganz offensichtlich aufgegangen, jetzt liegt es an mir, ihn gedeihen zu lassen.

Es ist an der Zeit, dem damals noch fünfjährigen Albert den besten Verein der Welt vorzustellen. Und dafür gibt es nur einen Ort: Das Stadion. Bei aller Euphorie will der erste Besuch aber mit Bedacht gewählt sein.

Ein Erfolgserlebnis oder zumindest eine brachiale Kulisse sollten schon in Erinnerung bleiben.

Die fußballerische Entjungferung kann also nur bei einem Derby stattfinden. Ausverkauftes Haus, Fußballwetter. Ein Sieg würde für uns Platz 1 bedeuten.

Albert ist vorschriftsmäßig als Schlachtenbummler ausgestattet. T-Shirt „Bundesligatorschützenkönig 2026“, Fähnchen. Mit einiger Mühe konnte ich seine Mutter davon abhalten, ihm Streifen in den Vereinsfarben ins Gesicht zu malen.

Wir kommen im Stadion an: „Willst du was essen? Eine Bratwurst?“ „Nein.“ „Was trinken?“ „Ja, eine Apfelschorle.“

Dann in den Familienblock, eine Art Fannachwuchs-Leistungszentrum. Überall Väter, in allererster Linie mit Söhnen. Ich sehe aber auch Töchter, auf deren dünnen Schultern die Last drückt, des Vaters Fan-Gene in die kommende Generation weiterzutragen.

Mein Kind will wissen, ob unser Team heute gegen Deutschland spielt. Ich muss ihn enttäuschen. Auch Bayern, seine nächste Vermutung, trifft ebensowenig zu wie RB Leipzig (Woher, verdammt noch mal, kennt er die?). Die Information Chemnitz hinterlässt lediglich eine Spur von Desinteresse auf seinem Gesicht.

Trotz großer Kulisse: So richtig wurde mein Sohn beim ersten Stadionbesuch nicht vom Fußballfieber infiziert.
Trotz großer Kulisse: So richtig wurde mein Sohn beim ersten Stadionbesuch nicht vom Fußballfieber infiziert.  © Lutz Hentschel

Das Spiel läuft seit fünf Minuten. „Papa, ich habe Hunger.“ „Tut mir leid, ich habe dich vorhin gefragt, da wolltest du nichts. Jetzt müssen wir bis zur Pause warten.“

Dann erkläre ich ihm schnell, wer auf dem Feld die Guten sind und in welches Tor die schießen müssen.

„Ich habe aber schlimmen Hunger, ich kann's nicht mehr aushalten.“ Na gut, auf dem Platz ist eh gerade nichts los. Oder wie es der Taktikvater hinter mir seinem Sohn erklärt: „Die Mannschaften tasten sich ab. Deshalb neutralisieren sie sich im Mittelfeld.“ Kann ich also auch 'ne Bratwurst holen gehen. Als ich zurückkomme, hat sich der Sohn dem Spielgeschehen abgewendet und betrachtet voller Interesse die Dachkonstruktion des Stadions.

Ich gebe ihm seine Wurst und konzentriere mich jetzt auf das Spiel. Wenn ich ihn so essen sehe... Warum habe ich eigentlich mir keine Wurst mitgebracht?

Inzwischen turnt Albert auf seinem Sitz herum, steht auf und verliert das Gleichgewicht. Reaktionsschnell rette ich ihn vor dem Sturz in die vor uns befindliche Sitzreihe. Seine Bratwurst hat nicht so viel Glück. Das ketchupgetränkte Teil landet auf der aufwendig gesträhnten und keck verstrubbelten Kurzhaarfrisur einer Fan-Nachwuchsmutter. Geschützt durch einen Haarspraywall, bemerkt sie die Landung zunächst nicht. Ich versuche, den Rest der angebissenen Wurst unbemerkt wieder herauszufischen. Doch ihr Sohn ist schneller: „Muddi, du hastne Wurscht aufm Kopp.“ Sie fühlt sich verarscht. „Du sollst ni immor so frech sein. Hab ich dior schon dausdenmoal gesocht. Und jetze gucke aufs Spiel.” Er lässt sich nicht beirren und untermauert seine Aussage, indem er die Wurst aus ihrem Haar holt. „Bääää, wie eklig ist das denn? Wo kommt die denn her?“

Ich tue, als wäre ich von dem Spiel komplett gefesselt und bekäme nichts um mich herum mit. „Das ist meine“, stellt die undankbare Frucht meiner Lenden nun einen Zusammenhang zwischen der die Wurst haltenden Frau und uns her. Ich entschuldige mich und bitte sie, den Fall nicht zur Anzeige zu bringen.

Der Ball landet zum späten Siegtreffer im Tor.
Der Ball landet zum späten Siegtreffer im Tor.  © Lutz Hentschel

Wenn DFB und Presse davon Wind bekämen, hagelt es wieder Randaleberichte und horrende Strafen wegen eines Wurfgeschosses. Ein Zuschauerteilausschluss des Familenblocks droht. Sie versteht es, muss lachen und bleibt entspannt. Danke!

Ich schaue auf die Anzeigetafel. Ok, es steht noch 0:0, scheine also nicht so viel verpasst zu haben. Die Hoffnung des Sohnes, dass der Halbzeit- auch der Schlusspfiff ist, muss ich enttäuschen.

Wir sind hier nicht zum Spaß. Wir haben eine Mission: Die Infektion mit dem Dynamo-Virus. Und dafür bleibt uns noch eine Halbzeit.

Die ist nun auch schon zehn Minuten alt. „Mir ist langweilig.“ Er klingt nun ernsthaft genervt. Ja, Fußball ist nicht immer schön. Und ein vom Kampf lebendes, torloses Spiel in der 3. Liga kann wirklich hässlich sein. Wenn man es dann noch ohne Alkohol von einem stimmungsarmen Sitzplatz verfolgt, auf dem man sich nicht mit Singen, Hüpfen und Pöbeln vom Geschehen auf dem Rasen ablenken kann, nähert es sich bedrohlich einer Menschenrechtsverletzung.

Dann muss Sohnemann aufs Klo. Ich freue mich über etwas Abwechslung. Nachdem wir fertig sind, stoppen wir kurz am Fan-Stand, doch Dynamo-Mode gibt es gerade weder mit Spiderman noch mit Dinos. Also löst sie bei dem Kind auch keinerlei „Mussichhaben-Reaktion” aus. Wir gehen nochmal rein. Halten es aber nicht lange aus.

„Papa, können wir gehen?“ Wir können. Ich habe jede Bindung zu dem Spiel verloren. Es ist in fünf Minuten ohnehin vorbei, hier passiert nichts mehr.

Wir machen den Abflug. Kurz vor dem Ausgang wird das Publikum lauter, ich drehe mich zum Feld. Der Ball fliegt gerade in das leere Chemnitzer Tor! Das Stadion explodiert, ich schnappe Albert, nehme ihn auf den Arm. Er weiß überhaupt nicht, was los ist. „Wir haben ein Tor geschossen! Dynamo wird gewinnen“, schreie ich ihn an. Er schwenkt die Fahne, es ist unglaublich laut, alle liegen sich in de Armen. Die vier Minuten bis zum Abpfiff ist es eine einzige Party. Ich hüpfe mit meinem Sohn, er schwenkt weiter seine Fahne. Es ist der absolute Wahnsinn!

Albert findet Fußball seitdem langweilig. Aber ich habe inzwischen genug weitere Jungs in die Welt gesetzt, mit denen ich es nochmal probieren werde.

Dieser Text erschien in längerer Version zuerst in der Fußballfibel Dynamo Dresden.

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