Die Wahrheit über die grausamen Geräusche im Kinderspielzeug

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist elf, Leo und Jack sind fünf, der Kleinste, mein Bebo, ist fast zwei Jahre. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Dresden - Spielzeugautos sind selten nur Autos. Meist machen sie eine Menge Lärm und bringen Eltern an den Rand des Nervenzusammenbruchs.

Während der Zugfahrt erklärt mir ein Insider, warum Spielzeugautos so laut sind. Zumindest könnte es so gewesen sein.
Während der Zugfahrt erklärt mir ein Insider, warum Spielzeugautos so laut sind. Zumindest könnte es so gewesen sein.  © Daniel Bockwoldt/dpa

Kinderauszeit wegen Dienstreise. Dennoch sitze ich im ICE in der Kinderfalle. Eine Reihe hinter mir - in der "Vierersitzgruppe mit Arbeitstisch" - tanzen Bruder und Schwester lärmend auf den Sitzen und Nasen ihren Eltern herum. Selbstverschuldetes Leid.

Wer auf Zugfahrten aus freien Stücken auf die Ruhigstellung per Unterhaltungselektronik verzichtet, muss mit den hasserfüllten Blicken und dümmlichen Kommentaren der Mitreisenden leben. Vor allem die Kinderlosen im Abteil kategorisieren die Blagen längst als "Scheißkinder", die einen weiteren Grund liefern, auf die Zeugung eigener Nachkommen zu verzichten.

Mich bringt die Geräuschkulisse nicht aus der Fassung. Meinen Sitznachbarn offenbar auch nicht. Er lächelt sogar. "Auch Vater mehrerer Kinder?", eröffne ich den Bahnreisenden-Small-Talk.

"Nein", überrascht er mich. "Da sind sie aber sehr entspannt." "Dafür habe ich zwei gute Gründe. Erstens: Ich steige am nächsten Halt aus. Dann habe ich wieder meine Ruhe. Die Eltern hingegen müssen die Kinder auch noch mit Heim nach Hause nehmen."

"Sie sind ja sicher nicht immer so", verdinge ich mich als Anwalt temperamentvoller Kinder. "Hoffen wir es für die Eltern", zweifelt der Nachbar.

Die Erfindung des Spielzeuglärms

Sehen klein und harmlos auf, aber einmal in Kinderhänden entwickeln sie schreckliche Qualitäten.
Sehen klein und harmlos auf, aber einmal in Kinderhänden entwickeln sie schreckliche Qualitäten.  © privat

"Und sollten sie es wirklich sein, sind wir direkt bei Grund zwei: meiner Rache an den Eltern. Tage-, wochen-, ach was sag ich, jahrelang werden sie von mir gequält, so wie ich gerade von ihren Kindern", redet er sich in Rage.

"Ich tue das selbstredend nicht persönlich, sondern indirekt. Ich arbeite als Sound-Creator für namhafte Firmen der spielzeugproduzierenden Industrie. Ich bin derjenige, der dafür sorgt, dass Autos nicht nur fahren, Bagger nicht nur baggern, Flieger nicht nur fliegen, Dinos nicht nur Staub fangen. Nein, ich bringe den Lärm in die Teile. Durch mich bekommen sie ihre Sirenen und Motorgeräusche. Durch mich kreischen aus ihnen Lieder, in denen sie verraten, was ihr Job ist. Der Traktor fährt aufs Feld, die Feuerwehr zum Brand. Na, sie kennen das sicher alles."

"Sonderlich realitätsnah sind sie aber nicht. Es klingt immer, als würde ein Affe auf einem in einer Blechtonne verkanteten Synthesizer aus den frühen 1970ern spielen", bringe ich meine Kritik an den Mann. Wenn ich ihn schon mal vor mir habe.

"Glauben Sie, es geht mir darum? Nein, meine Passion ist es, den ganzen Kinderlärm, dem ich in der U-Bahn, beim Bäcker, im Supermarkt, im Restaurant ausgesetzt bin, den Eltern dieser unerzogenen Monster heimzuzahlen. Was glauben Sie, warum diese Fahrzeuge meist noch eine zweite Taste haben, die 'Melodien' oder stumpfsinnige Lieder aktivieren? Diese sind nur für Kinderohren als 'Musik' zu erkennen. Für Erwachsene ist es: Lärm. Wir haben in vielen Feldversuchen die richtige Frequenz gefunden, bei der sich Kinder gar nicht und Erwachsene maximal gestresst fühlen. Glauben Sie nicht? Haben Ihre Kinder solche Spielzeuge? Mit Sicherheit. Diese Teile kommen in JEDES Kinderzimmer. Meist sind es die Großeltern oder kinderlose Freunde, die Familien mit meinen Meisterwerken infiltrieren. Der extrem niedrige Preis macht sie zum idealen Mitbringsel."

Der Mann weiß definitiv, wovon er spricht.

Angriff auf das Nervenkostüm der Erwachsenen

Ganz ruhig bleiben, irgendwann sind die Batterien alle und der Lautsprecher in den Plasteautos stirbt.
Ganz ruhig bleiben, irgendwann sind die Batterien alle und der Lautsprecher in den Plasteautos stirbt.  © 123rf.com/Evgenii Naumov/Withoon Sadaphong

"Sie haben doch sicher auch schon versucht, ruhig zu bleiben, während eines ihrer Kinder wieder und wieder und wieder und wieder auf den lärmauslösenden Button drückt? Dachten Sie dabei: 'Bevor ich das verdammte Ding durch das geschlossene Fenster werfe, hört der Kleine von allein auf, weil es ihn auch nervt'?!"

"Ja" antworte ich. Wobei ich deutlich gröberes Vokabular als "verdammtes Ding" für diese Höllenmaschinen nutze. "Und, hat er von allein aufgehört?" "Nein. Nie", bleibe ich bei der Wahrheit.

"Sehen Sie! Die von mir und meinem Team entwickelten Geräusche zerstören innerhalb von Sekunden das adulte Nervenkostüm. Kinder reagieren hingegen absolut resistent. Besonders wirksam sind diese Teile übrigens bei Geschwistern, wenn sie, untermalt von MEINEN Soundeffekten, streiten, wer als nächster den Knopf drücken darf. Dann übersteigt der Lärmpegel schnell den eines startenden Flugzeugs, während Sie neben einem Presslufthammer stehen."

Er trägt jetzt seinen hämischen Stolz schamlos zur Schau.

Noch ist der Kampf nicht verloren

Unterdessen haben sich die Rabauken hinter uns beruhigt, sie malen scheinbar. Mein Nachbar steht auf. "Ich steige jetzt aus". Er holt eine Spielzeugfeuerwehr aus seinem Koffer und stellt sie im Gehen den Kindern auf den Tisch. "Damit euch während der langen Fahrt nicht langweilig wird." Sekunden später erfüllen eine Doppel-Sirene und eine verzerrte Fahrstuhlmusik wie aus einem asiatischen Splatterfilm ein das gesamte Abteil. Augenblicklich beginnen die Geschwister zu streiten.

Diese Begegnung und das Gespräch hat es natürlich nie gegeben. Ich bin mir aber absolut sicher, dass es haargenau so abliefe, würde ein Mitarbeiter der Spielzeuglobby sein Schweigen brechen.

Eine Schwachstelle haben jene Hersteller von der dunklen Seite des Kinderzimmers allerdings noch nicht behoben: Solange die Batteriefächer sich von Erwachsenen – vorausgesetzt sie sind in Besitz eines exotischen Schraubendrehers in Mikroformat - öffnen lassen, können wir diesen Krieg gewinnen.

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Titelfoto: 123rf.com/teravector, privat

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