Ganze Klasse traumatisiert: Mädchen wird aus Unterricht gerissen und abgeschoben

Das Mädchen wurde mitten im Unterricht von zwei Männern abgeholt und nach einem kurzen Gespräch im Lehrerzimmer abgeschoben. (Symbolbild)
Das Mädchen wurde mitten im Unterricht von zwei Männern abgeholt und nach einem kurzen Gespräch im Lehrerzimmer abgeschoben. (Symbolbild)  © DPA

Duisburg - Während die Schüler vor Wut, Ärger und Traurigkeit in Tränen ausbrechen, ist Bivsi Rana (14) schon auf dem Weg zum Flugzeug. Die Szenen, die sich am Dienstag in der Klasse 9d des Steinbart-Gymnasiusms in Duisburg abgespielt haben, treffen nicht nur die Schülerin und ihre Eltern ins Mark, sondern die ganze Schule.

Die 14-Jährige ist ebenso wie ihr 18 Jahre alter Bruder, der in Osnabrück studiert, in Deutschland geboren. Ihre Eltern kamen 1998 aus Nepal, seitdem lief ihr Antrag auf Asyl. Bivsi spricht perfekt Deutsch, ist eine gute Schülerin und auf dem besten Wege, sich in Deutschland eine sichere Zukunft aufzubauen.

Doch an diesem Dienstag zerstören zwei Männer von der Zentralen Stelle des Landes NRW für Flugabschiebungen ihren Lebenstraum. Zwar melden sich die Herren beim Schulleiter kurz telefonisch an, doch keine zwei Minuten später stehen sie auf der Matte und lassen nicht einmal die Unterrichtsstunde vergehen, ehe sie das Mädchen aus ihrer Klasse, ihrem Umfeld, ihrem Lebensraum reißen.

Laut der Rechtsdezernentin von Duisburg, Daniela Lesmeister, sei das Vorgehen auch noch normal gewesen, so seien nun einmal die Abläufe.

Kurz nach dem Unterricht saß die 14-Jährige mit ihren Eltern im Flieger Richtung Nepal. (Symbolbild)
Kurz nach dem Unterricht saß die 14-Jährige mit ihren Eltern im Flieger Richtung Nepal. (Symbolbild)  © DPA

Abschiebungen seien grundsätzlich nicht anzukündigen, müssen mitten am Tag und sofort vollzogen werden. Wenigstens soll geprüft werden, ob das konkrete Vorgehen, die Schülerin mitten auf dem Unterricht zu holen, nicht hätte anders geregelt werden können.

Bivsi wird in das Lehrerzimmer gebeten, wo ihr die Männer erklären, dass der Asylantrag der Familie endgültig abgelehnt wurde, sie heute noch das Land verlassen, ihre Freunde zurücklassen müsse. Nur der Bruder darf bleiben.

Die 14-Jährige bricht in Tränen aus, weiß nicht, wie ihr geschieht, weil die Eltern sie offenbar schützen wollten und von den neuesten Entwicklungen nichts berichtet haben. Schulleiter Ralf Buchthal hat schließlich die Aufgabe, zurück ins Klassenzimmer zu gehen und ihren Mitschülern und Mitschülerinnen die traurige Nachricht zu überbringen, dass sie Bivsi soeben das letzte Mal gesehen haben.

"Wir mussten am Ende sogar einen Arzt rufen und haben auch unseren Pfarrer und Reliogionslehrer als helfenden Seelorger in diese Klasse geschickt. Schule muss ein Schutzraum für Kinder sein! Niemand darf hier solch ein emotionales Trümmerfeld anrichten", sagt er sauer und enttäuscht gegenüber der WAZ.

Während zwei ihrer Freundinnen noch ins Lehrerzimmer gerufen worden, bleiben die anderen geschockt, wütend und enttäuscht zurück. Das interessiert die Zentrale Stelle für Flugabschiebungen natürlich nicht. Job und Quote erfüllt, auf Wiedersehen!

Besonders bitter ist die Maßnahme auch, da Bivsi in sechs Wochen wenigstens den Abschluss der 9. Klasse hätte bestätigt bekommen, so hätte sie wenigstens etwas in der Hand. Ihr Vater führte in Duisburg ein Sushi-Restaurant, er zahlte Steuern, die Familie war integriert.

Wie die Mutter eines Schülers berichtet, wollen Eltern und Klassenkameraden einen Versuch starten, Bivsi zurückzuholen. Mittlerweile hat sie sich aus Kathmandu gemeldet, ihr gehe es gut. Für die traurigen Klassenkameraden, die dieses traumatisierenden Erlebnis nie vergessen werden, kann das nur ein schwacher Trost sein.


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0