Ex-Angestellte beklagt fehlende Menschlichkeit beim Jobcenter

Duisburg - Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat für das Jahr 2019 eine Hartz-IV-Reform geplant (TAG24 berichtete). Susanne Willach (52) war jahrelang als Angestellte für die Agentur für Arbeit in Duisburg beschäftigt. Die 52-Jährige packt gegenüber Der Westen über die Praktiken im Jobcenter aus.

Zum Jobcenter hier entlang. Weist die Agentur für Arbeit Arbeitssuchenden stets den richtigen Weg?
Zum Jobcenter hier entlang. Weist die Agentur für Arbeit Arbeitssuchenden stets den richtigen Weg?  © dpa (Symbolbild)

Da wäre zum Beispiel das Thema Geld. "Es werden Gelder verschwendet an Bewerbungstrainings, an Maßnahmen, die nicht zielführend sind", wird die frühere Jobcenter-Mitarbeiterin im Interview ziemlich deutlich.

So berichtet sie, dass viele Jobcenter-Kunden vor einem Speed-Dating in Sachen Stellen-Angeboten auch ein Bewerbungstraining erhielten.

Soweit vielleicht gar nicht ungewöhnlich. Da allerdings noch Geld vorhanden war, wurde den Kunden ein weiteres Bewerbungstraining aufgebrummt. Das Kommen war Pflicht, sonst drohten Sanktionen.

Apropos Sanktionen: Auch dazu äußerte sich Willach im Gespräch.

"Sanktionen sind notwendig, um manche Menschen dazu zu bewegen, sich nicht auf Staatskosten auszuruhen. Leider trifft es aber auch Menschen, die sich nicht gegen einen Arbeitsvermittler behaupten können", berichtet die 52-Jährige.

"Beim Jobcenter geht es nicht um Menschen, es geht darum, Statistiken zu erfüllen", schildert sie, wie es in den Jobcentern oft ablief.

Wartende bei der Agentur für Arbeit. (Symbolbild)
Wartende bei der Agentur für Arbeit. (Symbolbild)  © dpa (Symbolbild)

Allerdings hält sie von Statistik nicht viel, fordert mehr Menschlichkeit und versuchte deshalb immer vorsichtig mit Sanktionen umzugehen.

Sie tat das gern und setzte sich häufig für Arbeitssuchende ein, da das Gros dieser Menschen tatsächlich arbeiten wolle und es nur eine Hand voll Schmarotzer gäbe.

"Ich musste zwar vor meiner Vorgesetzten Rechenschaft ablegen, warum ich so wenig Sanktionen verteile, aber ich habe immer Argumentationen gefunden, die für meine Kunden sprachen", erläutert sie gegenüber Der Westen.

Für Susanne Willach sei es entscheidend, die Job-Center-Kunden nicht zu verurteilen, sondern sich in ihre Lage versetzen zu können.

Viele ihrer Kollegen würden dies nicht tun. "Ich habe viele Gespräche mitbekommen, wo ich mir dachte: So hättest du nicht mit mir reden dürfen", stellt sie anderen Jobcenter-Beschäftigten kein gutes Zeugnis aus.

Mit der Frage: "Wie hart darf ein Sozialstaat sein?", hatten sich kürzlich auch die Studiogäste bei Sandra Maischberger beschäftigt. FDP-Chef Christian Lindner hatte dort auf Hartz-IV-Empfänger geschimpft. (TAG24 berichtete).

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