"Es schnürt mir die Kehle zu!" Kommentar zur Bluttat in Halle

Halle (Saale) - Am Mittwoch tötete der Neonazi Stephan B. (27) zwei Menschen bei dem Versuch, in eine voll besetzte Synagoge zu gelangen und dort zahlreiche Menschen zu töten. Am Tag danach sitzt der Schock tief.

Die Leipziger TAG24-Redakteurin Anna Gumbert (Foto) versucht, das Gefühl in Worte zu fassen.

Die schreckliche Tat in Halle hat auch am Tag danach Spuren hinterlassen.
Die schreckliche Tat in Halle hat auch am Tag danach Spuren hinterlassen.  © dpa/ Jan Woitas, privat

Auch am Tag nach dem schrecklichen Anschlag in Halle beginnt ein neuer Morgen. Pendler tummeln sich in den Straßen, Leute gehen mit ihren Hunden Gassi, aus den Bäckereien kommt der Duft von Brötchen.

Und trotzdem ist alles, vor allem für die Einwohner von Halle, Leipzig und Umgebung anders. Jeder Krankenwagen mit Sirene lässt einen Tick mehr zusammenzucken. Der Schlaf war traumlos heute Nacht und eine Anspannung liegt in der Luft.

Es ist nicht die konkrete Furcht, dass ein Mann mit der Waffe vor der Haustür steht oder durch die Straßen streift. Es ist eher eine diffuse Angst, denn: Wieder einmal ist unser Sicherheitsgefühl in allen Grundfesten erschüttert.

Paris, Berlin, Christchurch: Fälle, die dem in Halle ähneln, füllen bedauerlicherweise bereits die Zeitungsarchive, jeder für sich entsetzlich und tragisch. Dieses Mal ist das Grauen vor allem für die Hallenser und auch Leipziger unerträglich nah.

Einmal gibt es da die schrecklichen Bilder und Videos, die nur wenig zeitversetzt am gestrigen Tag auf uns eingeprasselt sind: Eine Tote liegt abgedeckt auf dem Boden, neben ihr steht, wie aus einer anderen Realität gerissen, ihr Rucksack mit einem kleinen gelben Plüsch-Anhänger.

Die gesamte Tat ist vom Amokläufer mit einer Kamera dokumentiert wie in einem kranken Videospiel, der Clip ist frei im Netz verfügbar. Und dann die mehrstündige Ungewissheit, ob und wie viele Täter unterwegs sind, diese über die Autobahn in die nächste Großstadt Leipzig flüchten, in der mehrere zehntausend Menschen das Jubiläum der Friedlichen Revolution feiern wollen. Schreckensnachrichten und Fake News finden ihren Weg durch WhatsApp-Chats und Social Media.

Das Problem beim Namen nennen

Hallenser gedenken den Opfern der Bluttat.
Hallenser gedenken den Opfern der Bluttat.  © Jens Schlueter/Getty Images

Das Paulus-Viertel in Halle ist bunt und voller Trubel, aus Kneipen kommt für gewöhnlich Lachen, Studenten sitzen in Cafés, junge Eltern schieben ihre Kinderwagen durch die Straßen. Die Tat ist nicht irgendwo passiert.

Panik, Angst, das ist Terror, vor der eigenen Haustür, ein schmerzhafter Riss in unserem alltäglichen Leben. Ein Gefühl, das einem die Kehle zuschnürt und das Herz schwer macht.

Über allem die quälende Frage und das Unverständnis, wie es zu so einer Tat kommen konnte.

Woher kommt der Wahnsinn, der jemanden dazu bringt, andere Menschen zu töten? Was brachte die bereits schon gefährliche Mischung aus kranker Ideologie und unbändigem Hass zum Überlaufen? Wie kann eine solche Tat in Zukunft verhindert werden?

Stephan B. war vielleicht an diesem Mittwoch ein Einzeltäter, Antisemitismus ist aber ein reales Problem in unserem Alltag in Deutschland. Bereits vor den Geschehnissen in Halle ist viel passiert, das uns allen klar zeigt: Wir haben ein Problem mit Antisemitismus und vor allem mit Rechtsextremismus, nicht nur in Halle, nicht nur in Sachsen-Anhalt, nicht nur in Ost-Deutschland. Und das müssen wir angehen. Endlich!

All unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer.

Menschen legen vor der Synagoge in Halle Blumen nieder.
Menschen legen vor der Synagoge in Halle Blumen nieder.  © dpa/Jan Woitas

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