Er fühlte sich vernachlässigt: Sohn ersticht Freund der Mutter

Kiel - Tiefe Verzweiflung und religiöse Motive brachten einen 18-Jährigen offenbar dazu, den Freund seiner Mutter zu töten.

Polizisten suchen im Januar in der Nähe des Tatorts nach der Tatwaffe. (Archivbild.)
Polizisten suchen im Januar in der Nähe des Tatorts nach der Tatwaffe. (Archivbild.)  © DPA

Das Kieler Landgericht verurteilte den jungen Mann am Freitag wegen einer tödlichen Messerattacke zu sechseinhalb Jahren Haft.

Die Kammer sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte Mitte Januar in Kiel-Mettenhof mindestens 16 mal vorsätzlich auf sein Opfer einstach. Der 41-Jährige starb wenig später trotz Notoperationen an einem Verblutungsschock. Er hinterlässt seine Ehefrau und drei Kinder sowie einen Bruder.

Dem Urteil zufolge kam der Angeklagte 2014 als damals 14-Jähriger zusammen mit dem späteren Opfer und dessen Bruder aus Syrien nach Deutschland. Doch weil der der 41-Jährige eine enge Beziehung mit der nach Deutschland nachgereisten Mutter des Angeklagten einging, habe sich dieser zunehmend isoliert gefühlt.

Er suchte auch Zuflucht in Drogen und der Religion und fasste den Tatentschluss, sagte Richter Stefan Becker. "In seiner Wahrnehmung hatte das Opfer sein Leben zerstört". Der Heranwachsende habe den 41-Jährigen dabei als Ungläubigen angesehen, der gegen den Koran verstoße. Auch heute noch meine der junge Mann, richtig gehandelt zu haben. Vor ihm stehe "ein langer Weg" um Toleranz und Empathie zu lernen, sagte der Vorsitzende. Derzeit sehe der 18-Jährige nur sich und habe noch keine Einsicht in das Leid anderer Menschen.

Nach der Tat war der Angeklagte geflüchtet. Einen Tag später wurde er in der Wohnung seiner Mutter festgenommen und kam zunächst in ein psychiatrisches Fachkrankenhaus. Doch auch wenn der 18-Jährige psychisch krank und stark verzweifelt gewesen sei, sah die Kammer keine verminderte Schuld. Zum Tatzeitpunkt habe es keinen akuten Schub und keine Wahnvorstellungen gegeben, sagte Becker. Der Angeklagte habe sich nicht in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. Die Tat habe er geplant und gewusst, dass er gegen die Rechtsordnung verstoße und verurteilt werden würde.

Eine weitere Unterbringung in der Psychiatrie kommt laut Urteil nicht in Betracht. Noch im Gerichtssaal verkündete der Vorsitzende deshalb einen Haftbefehl, gestützt auf Fluchtgefahr, weil der junge Mann wieder nach Syrien zurückwolle.

Das Strafmaß von sechseinhalb Jahren begründete Becker auch damit, dass der 18-Jährige zur Tatzeit einem Jugendlichen in allen Belangen gleichkam. Er sei in äußerst schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Durch Anpassungsstörungen und seine Krankheit habe er weniger Möglichkeiten als andere. Es bestehe hoher Erziehungsbedarf.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Totschlags sieben Jahre und neun Monate gefordert, die Verteidigung maximal fünf Jahre.


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