Nur knappe Mehrheit: Erdogan in Berlin weniger beliebt

Berlin - In der Hauptstadt bekam Recep Tayyip Erdogan fast 14 Prozent weniger Stimmen als im Rest von Deutschland.

Recep Tayyip Erdogan in Berlin im Jahr 2014 (Archivbild).
Recep Tayyip Erdogan in Berlin im Jahr 2014 (Archivbild).  © DPA

Viele Deutschtürken feierten am Sonntag, dem 24.06.2018, den Wahlsieg des Vorsitzenden der islamisch-konservativen AKP am Kurfürstendamm. Zahlreiche türkische Fahnen, AKP-Banner sowie die ausgelassene Stimmung ließen auf einen deutlichen Wahlsieg von Erdogan in Berlin schließen. Doch der Schein trog.

Mit 51,5 Prozent erhielt der türkische Präsident von den Berlinern deutlich weniger Zustimmung, als in anderen Teilen Deutschlands.

Insgesamt waren 140.000 Türken in Berlin wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 50 Prozent.

Im Westen deutlich mehr Zustimmung für Erdogan

Ein Blick auf die regionalen Wahlergebnisse zeigt: Der türkische Präsident erhielt in Westdeutschland deutlich mehr Stimmen. Essen ist mit 76,3 Prozent der Stimmen eine echte Erdogan-Hochburg, gefolgt von Düsseldorf mit 70,5 Prozent und Stuttgart mit 68,8 Prozent.

Im Durchschnitt stimmten 65,8 Prozent der 1,44 Millionen wahlberechtigten Deutschtürken für Erdogan. Das sind fast 14 Prozent mehr, als in Berlin.

Berliner eher linksliberal eingestellt

Die linksliberale Oppositionspartei CHP erhielt mit 32,3 Prozent in Berlin deutschlandweit die meisten Stimmen. Warum bekommt Erdogan im Westen wesentlich mehr Zustimmung, als in der deutschen Hauptstadt? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum Einen halten sich Berlin vergleichsweise viele Erdogan-Kritiker und entsprechende Gruppierungen auf, die sich gegen dessen Politik aussprechen. Zum Anderen haben die Oppositionsparteien ihren Wahlkampf besonders auf die Hauptstadt konzentriert.

der Weiterhin spielt höchstwahrscheinlich auch die Prägung des Umfeldes eine große Rolle. Cihan Sinanoglu, Sprecher der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) erklärt er in der Berliner Morgenpost: „In Nordrhein-Westfalen haben wir die alte Gastarbeiterstruktur, die schon ein bisschen konservativer angehaucht ist. In Berlin hat man, geprägt durch das urbane Umfeld, tatsächlich etwas liberalere Wähler. Das bleibt aber eine These, die man in den Raum stellen kann.“

Auch ist die multikulturelle Hauptstadt besonders offen gegenüber Ausländern, sodass sich die hier lebenden Deutschtürken vermutlich weniger ausgegrenzt fühlen. Andreas Germershausen, Berlins Beauftragter für Integration und Migration, sieht darin jedenfalls einen weiteren Grund für die starke Erdogan-Anhängerschaft im Westen: „Zuwanderer erfahren in Deutschland Ausgrenzung. Das führt zu weniger Bereitschaft, sich mit unserer Gesellschaft zu identifizieren. Es führt dazu, dass ein Teil der Zuwanderinnen und Zuwanderer aus der Türkei sich wieder stärker auf das Herkunftsland bezieht, auch wenn es eher das der Großeltern ist“, sagte er gegenüber der Berliner Morgenpost.

Sinanoglu macht ebenfalls Diskriminierung sowie eine gescheiterte deutsche Integrationspolitik in Deutschland für die starke Zustimmung zu Erdogan verantwortlich. Das führe dazu, dass dieser es leicht habe, sich als "Anwalt" für die hier lebenden Deutschtürken aufzuspielen.

Erdogan erhielt in Deutschland deutlich mehr Zustimmung, als in der Türkei. Insgesamt kam der türkische Präsident, der wegen seiner autokratischen Politik immer wieder in der Kritik steht, auf 52,6 Prozent der Stimmen.

Berliner Deutschtürken feiern Wahlsieg von Erdogan am Kurfürstendamm.
Berliner Deutschtürken feiern Wahlsieg von Erdogan am Kurfürstendamm.  © DPA

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