"Den Druck machen wir uns selbst": Die eSport-Profis vom VfB im Interview

Stuttgart - Erhan Kayman (29) und Marcel Lutz (22) sind professionelle eSportler beim Fußballclub VfB Stuttgart. Die beiden gehören zu den besten deutschen Spielern im Videospiel "FIFA 19" und sprechen im Interview mit TAG24 über ihre Saison, Druck im eSport und Zukunftsgedanken.

Marcel Lutz (22, links im Bild) und Erhan Kayman (29) sind eSport-Profis im Fußball-Videospiel "FIFA" beim VfB Stuttgart.
Marcel Lutz (22, links im Bild) und Erhan Kayman (29) sind eSport-Profis im Fußball-Videospiel "FIFA" beim VfB Stuttgart.  © TAG24

Kayman kommt aus Moers bei Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen und ist auf der PlayStation 4 als "Dr. Erhano" bekannt. Lutz stammt aus Marbach am Neckar und hat den Xbox-Gamertag "Marlut".

Die beiden wurden in diesem Jahr mit dem VfB eSports Vizemeister in der virtuellen Bundesliga und vertreten die Stuttgarter bei vielen hochrangigen internationalen Turnieren.

TAG24 hat mit den eSport-Profis über die Saison 2018/19 gesprochen und Einblicke in das Leben am Controller bekommen.

TAG24: Erhan und Marcel, bevor wir uns euren Leistungen in "FIFA 19" widmen, ein kurzer Blick zurück auf den realen Fußball. Der VfB Stuttgart muss in der kommenden Saison in der 2. Liga ran. Wie habt ihr den Abstieg erlebt?

Erhan: Es war schockierend. Wir waren beim Hinspiel alle zusammen im Stadion. Trotz des Ergebnisses war natürlich noch die Hoffnung für das Rückspiel da, doch in Berlin sollte es dann leider auch nicht sein. Aber: Der VfB ist ein großartiger Verein mit großartigen Fans und ich bin guter Dinge, dass Stuttgart in der kommenden Saison wieder aufsteigen wird. Liebe kennt keine Liga.

Marcel: Auch mich hat es stark getroffen. Denn wir eSportler sind auch ein Teil des Vereins und wenn die Jungs auf dem echten Rasen absteigen, tut uns das natürlich auch weh. Aber ich bin ebenfalls optimistisch, dass der VfB sich neu aufstellen und wieder aufsteigen wird.

"Marlut" und "Dr. Erhano", wie sie in der Gamerszene bekannt sind, stehen seit Juli 2017 unter Vertrag beim VfB eSports.
"Marlut" und "Dr. Erhano", wie sie in der Gamerszene bekannt sind, stehen seit Juli 2017 unter Vertrag beim VfB eSports.  © TAG24

TAG24: Deutlich erfreulicher sieht es bei Dir aus, Erhan. Du bist aktuell Elfter der PlayStation 4-Weltrangliste. Die besten 16 dürfen im August zur Weltmeisterschaft. Wie sieht es aus mit Deiner Qualifikation?

Erhan: Sehr gut! Für die Playoffs im Juli hat es locker gereicht. Bei dem Turnier gibt es nochmal Punkte, jedoch nicht wesentlich mehr als bei einem normalen Champions-Cup. Wenn nicht alles gegen mich läuft und ich dort in Berlin eine gute Leistung abrufe, habe ich die Qualifikation für die WM in der Tasche.

Da ich noch nie beim größten FIFA-Turnier der Welt dabei war und in den letzten zwei Jahren jeweils ganz knapp an der Quali gescheitert bin, wäre das eine tolle Belohnung für meine harte Arbeit.

TAG24: Vor allem Dein Start in das aktuelle FIFA-Jahr war sehr stark. Dann bist Du allerdings in eine kleine Formkrise gerutscht...

Erhan: Ja, die begann kurz nach der eChampions League Ende April (TAG24 berichtete). Es war das wichtigste Turnier zu dem Zeitpunkt und dort habe ich auch gut gespielt, bin aber in der Runde der letzten 32 leider ausgeschieden. Danach war ich extrem enttäuscht und ich fiel in ein „Loch“. Ich war dann auch etwas überspielt, habe aber trotzdem weitergemacht - rückblickend war das natürlich ein Fehler. In den folgenden Turnieren (VBL Grand Final und LQE in Bukarest) konnte ich mein Können leider nicht abrufen.

Aber jetzt habe ich eine Woche Pause gemacht, war bei meinen Eltern, habe Kraft getankt und möchte im Saisonfinale nochmal ordentlich angreifen. Bei den Playoffs und hoffentlich der WM will ich wieder Top-Leistungen erzielen!

Zum gesamten Kader des VfB eSports gehören außerdem noch die beiden eSports-Talente Lukas Seiler (oben Mitte), Niklas Luginsland (unten Mitte), sowie das bekannte YouTube-Duo "Tisi Schuhbech", bestehend aus Simon Bechtold (oben links) und Timo Schulz (obe
Zum gesamten Kader des VfB eSports gehören außerdem noch die beiden eSports-Talente Lukas Seiler (oben Mitte), Niklas Luginsland (unten Mitte), sowie das bekannte YouTube-Duo "Tisi Schuhbech", bestehend aus Simon Bechtold (oben links) und Timo Schulz (obe  © VfB Stuttgart

TAG24: Ihr beide habt großen Anteil daran, dass der VfB eSports Vizemeister in der virtuellen Bundesliga geworden ist. Seid ihr damit zufrieden oder ärgert ihr euch mehr über den knapp verpassten Meistertitel?

Marcel: Natürlich wären wir gerne Erster geworden. Bremen war gut, wir aber auch. Irgendwann haben Erhan und ich dann unsere 2 vs. 2-Spiele nicht mehr gewonnen. Das war letztendlich ein ausschlaggebender Punkt, wieso wir nicht selbst Meister geworden sind. Aber der 2. Platz ist top und wenn das Team so bestehen bleibt, haben wir im nächsten Jahr auch wieder sehr gute Karten, um den Titel mitzuspielen.

Erhan: Ich bin mit der Vizemeisterschaft auch sehr zufrieden. Ich hatte ein paar Spieltage lang Probleme, doch Marcel und Lukas (Lukas Seiler, Anm. d. Red.) haben ihre Spiele souverän gewonnen.

Wie wie wir als Team aufgetreten sind, war überragend. Gerade Lukas, unser Nachwuchsspieler, hat aus elf Spielen sieben gewonnen. Marcel war bis zum vorletzten Spieltag ungeschlagen, das ist richtig stark. Unser Saisonziel war es, unter die Top 6 zu kommen. Das haben wir geschafft.

TAG24: Wie in jedem Sport entscheiden bei euch manchmal Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage. Wie sieht es mit Druck im eSports aus?

Marcel: Man macht sich natürlich Druck. Das Gute beim VfB ist jedoch, dass der Club uns den Rücken frei hält. Natürlich hat jeder Verein gewisse Erwartungen, wie auch wir Spieler an uns selbst. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir direkt rausfliegen, wenn wir uns mal nicht für ein Turnier qualifizieren. Da haben wir hier beim VfB wirklich ein super Umfeld. Der Verein möchte aber selbstverständlich, dass wir immer unser Bestes geben und das machen wir auch.

Erhan: Dem stimme ich zu. "FIFA" ist ein Einzelsport. Für den Erfolg muss derjenige sorgen, der den Controller in der Hand hält. Der VfB sieht, dass wir sehr ehrgeizig sind und alles geben, um erfolgreich zu sein. Den Druck machen wir uns selbst, um unsere besten Leistungen abrufen zu können.

TAG24: Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft. Marcel, Du hattest ja bei unserem Gespräch im März bereits gesagt, dass Du Dir vorstellen kannst, auch nach deiner aktiven eSports-Karriere in dem Bereich weiterzuarbeiten. Gibt es schon konkretere Überlegungen?

Marcel: Bei "FIFA" ist es derzeit so, dass das Ganze noch eine unsichere Sache ist. Man weiß nicht, wie es in drei Jahren aussehen wird. Ist eSports überhaupt noch da? Interessieren sich noch viele für "FIFA"? Ich bin jetzt 22 und noch jung, klar. Aber ich stelle mir jetzt schon die Frage: Sehe ich mich später noch in "FIFA" oder nicht? Das wird eine spannende Angelegenheit in der kommenden Zeit.

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