Mehr als 100 Jahre nach ihrem Aussterben wachsen wieder Leckerbissen in der Nordsee

Helgoland - Wissenschaftler tüfteln am Comeback der lange ausgestorbenen Europäischen Auster in der Nordsee.

Austern gelten als Delikatesse und sind in der deutschen Nordsee ausgestorben. (Archivbild)
Austern gelten als Delikatesse und sind in der deutschen Nordsee ausgestorben. (Archivbild)  © Angelika Warmuth/dpa

Die Biologen wollen mit der Rückkehr der leckeren Muscheln jedoch nicht den Feinschmeckern einen Gefallen tun.

"Es ist eine Naturschutzmaßnahme", sagte Corina Peter vom Helgoländer Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Denn die europäische Auster siedelt sich bevorzugt auf den Schalen ihrer eigenen Artgenossen an.

Nach und nach bildet sie so über Generationen ein sogenanntes biogenes Riff. Dieses Riff bietet anderen Pflanzen sowie Tieren einen Lebensraum und lockt sie an.

"Die Auster steigert damit als Gründer-Art die Biodiversität im ganzen Ökosystem", erklärte Peter.

Früher lebte die Europäische Auster millionenfach in der Nordsee. Noch vor 150 Jahren wurden laut Nabu rund fünf Millionen Austern aus dem Meer geholt.

Heute gilt die "Ostrea edulis" durch Bodenschleppnetz-Fischerei und Überfischung in deutschen Gewässern als ausgestorben. Lediglich an den Felsküsten Westeuropas und Südnorwegens sowie im dänischen Limfjord überlebte sie.

Dort besorgten sich die Biologen für ihr Projekt insgesamt 24.000 sogenannte Saat-Austern. Klingt viel, ist es aber nicht.

Projekt überrascht Wissenschaftler

Austern liegen am Meeresboden. (Archivbild)
Austern liegen am Meeresboden. (Archivbild)  © Klaus Janke/dpa

Denn die anfangs gerade einmal zwei Millimeter großen Muschel-Winzlinge haben "in den ersten Jahren eine hohe Mortalitätsrate", erklärte Peter. "Wir mussten also so viele ausbringen, damit wir genug für die Proben haben."

Taucher versenkten die Muschel-Babys 2017 und 2018 in kleinen Käfigen an drei Standorten vor Helgoland. Es waren "historische Austernbänke" in 10 bis 27 Meter Tiefe, erklärte Peter.

Anschließend habe man in Abständen von drei bis sechs Monaten kontrolliert, ob sie wuchsen und gesund waren.

Mit großem Erfolg: "Wir haben herausgefunden, dass die Austern sich sehr gut an die aktuelle Umwelt angepasst haben - auch in der Tiefe", sagte Peter.

Und zur Überraschung der Wissenschaftler gab es auch schon ersten Austern-Nachwuchs. "Damit haben wir nicht so richtig gerechnet, weil sie beim Aussetzen noch sehr jung waren." Fazit von Peter: "Wir können so weitermachen in der Nordsee."

Die Erkenntnisse aus den Voruntersuchungen sollen daher jetzt im Naturschutzgebiet "Borkum Riff Grund" umgesetzt werden. Dort soll in 25 bis 30 Metern Tiefe ein Austern-Riff wachsen.

Auch in den Niederlanden wird die Europäische Auster wieder angesiedelt. Dort jedoch mit aus Norwegen gekauften erwachsenen Austern, weiß Christof Goetze von der Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer.

"Wenn die Wiederansiedlung klappt, werden wir vielleicht in zehn Jahren die Europäische Auster wieder im Wattenmeer antreffen können – mehr als hundert Jahre nach ihrem Verschwinden durch Überfischung."

Titelfoto: Angelika Warmuth/dpa

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