"Migranten würden nicht freiwillig im Osten Urlaub machen"

Vor genau 25 Jahren kam es zu den rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen.
Vor genau 25 Jahren kam es zu den rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen.  © DPA

Ostdeutschland - Auch heute sei "Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland" noch ein großes Problem, sagte Anetta Kahane (63) im Interview. Auch über No-Go-Areas in Ostdeutschland müsse gesprochen werden.

Annetta Kahane hatte sich als 19-Jährige zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit verpflichtet, später die Mitarbeit aber beendet. Derzeit ist sie Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

Diese Stiftung wurde 1998 von Anetta Kahane selbst gegründet und nach Amadeu Antonio Kiowa benannt, einem der ersten Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit der Wiedervereinigung 1990.

Im Interview mit dem Dlf sagte sie, sie fürchte nunmehr nach dem möglichen Einzug der AfD in den Bundestag eine Verschlechterung des politischen Klimas.

Das Gespräch von Anetta Kahane mit Dirk-Oliver Heckmann bezog sich zunächst auf die Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen vor 25 Jahren. Sie habe die Ausschreitungen damals mit "blankem Entsetzen" verfolgt, so Kahane.

"Als die Mauer fiel, ist der Rassismus erst richtig rausgekommen", meint Kahane (63) mit Bezug auf Ostdeutschland, "über No-Go-Areas muss gesprochen werden."
"Als die Mauer fiel, ist der Rassismus erst richtig rausgekommen", meint Kahane (63) mit Bezug auf Ostdeutschland, "über No-Go-Areas muss gesprochen werden."  © DPA

Der Rechtsstaat sei zurückgewichen, "habe die Engagierten ausgeliefert und in Kauf genommen, dass dabei Menschen ums Leben kommen könnten". Zudem habe der Staat die Situation für die Asylrechtsänderung ausgenutzt.

Zudem sieht Kahane den Rassismus in Ostdeutschland als besonderes Problem, das sich bis heute fortsetze. Zwar sei die Stimmung "nicht mehr ganz so massiv wie 1992", aber es gebe Gewalt gegen Ausländer und Angriffe auf etwa Flüchtlingsunterkünfte.

Über 3700 Vorfälle habe es 2016 gegeben. Es gebe auch noch Gegenden in Ostdeutschland, die von Ausländern gemieden würden. Nur wolle niemand darüber sprechen.

Kahane sagte: "Ja, (No-Go-Areas) gibt es immer noch. Natürlich gibt es die noch. Und diese Abwehr einer solchen Erkenntnis, dass es so ist, ist Teil des Problems.

Zu sagen, man hat No-Go-Areas, es gibt einen Unterschied zwischen Ost und West - den gibt es auf jeden Fall, denn Ostdeutschland ist nach wie vor eine Gesellschaft ohne Einwanderung in dem Sinne, wie es der Westen ist. Das ist eine Gesellschaft mit Einwanderung.

... Und wenn Sie Migranten fragen oder Leute, People of Color, die würden nicht freiwillig im Osten Urlaub machen, nach wie vor nicht, jedenfalls in bestimmten Gegenden nicht, und die Leute wissen das. Warum kann man nicht darüber sprechen? Die Tatsache, dass nicht darüber gesprochen wird, vertieft das Problem nur. Ja, es ist nach wie vor so."

Über die Alternative für Deutschland sagte Kahane Folgendes: "Wir haben in Ostdeutschland einen sehr hohen Anteil an Wählern, die die AfD wählen. Im Westen sind es eher weniger. Daran sehen Sie auch wieder Unterschiede. Es wird natürlich das Klima verändern. Es wird nicht mehr ganz so gemütlich im Bundestag.

Selbst bei politischen Debatten von Gegnern oder konkurrierenden Parteien ging es ja immer noch ganz friedlich zu. Die AfD - das sehen wir ja auch aus den Landtagen - wird die Stimmung verschärfen, wird versuchen, Zugang zu bekommen zu allen möglichen Aktionen, die sich gegen Rechtsextremismus wenden, und das wird schon eine schwierige Situation werden. Aber ich hoffe sehr darauf, dass die Fraktion nicht so stark wird, dass das wirklich tiefgreifend ins Gewicht fällt. Das kann ich nur hoffen."

Das gesamte Interview könnt Ihr >> hier nachlesen.


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