Herr Ex-Innenminister, brauchen wir die Ossi-Quote?

Bestens gelaunt präsentierte sich Heinz Eggert (70) am Mittwoch im Dresdner Schloss.
Bestens gelaunt präsentierte sich Heinz Eggert (70) am Mittwoch im Dresdner Schloss.

Von Pia Lucchesi

Dresden - „Wer beherrscht den Osten?“ Die gleichnamige TV-Dokumentation des MDR wird in diesen Tagen heftig diskutiert.

Laut einer Studie liegt der Anteil der im Osten Geborenen an der Elite in Wirtschaft, Justiz, Politik, Verwaltung, Militär und Medien bei gerade einmal 23 Prozent in den neuen Ländern.

Ein harter Fakt - der vielen bitter aufstößt. Wird die Ex-DDR noch immer fremdregiert?

Ein Interview dazu mit Sachsens Ex-Innenminister Heinz Eggert (70), der die Nachwende-Politik von Anfang an mitgestaltet hat.

Heinz Eggert im Gespräch mit Morgenpost-Redakteurin Pia Lucchesi (42).
Heinz Eggert im Gespräch mit Morgenpost-Redakteurin Pia Lucchesi (42).

MOPO24: Herr Eggert, brauchen wir 25 Jahre nach der Wiedervereinigung eine Ossi-Quote?

Heinz Eggert: Nein. So eine Quote wäre auch gar nicht durchsetzbar. Ich höre solche Diskussionen schon lange nicht mehr. Heute wird gefragt, ob der Chef gut oder schlecht ist. Nicht wo er geboren wurde.

Sie haben ab 1990 als Zittauer Landrat und später als Innenminister mit vielen Westbeamten die Verwaltung aufgebaut. Sind Sie im Rückblick dankbar für diese Unterstützung?

Ja. Ich war froh, dass ich die erfahrenen Beamten aus dem Westen an meiner Seite hatte. Das war gelebter Demokratie-Transfer. Wie es läuft, wenn man ganz ohne Hilfe den alten Apparat reformieren will, habe ich in Polen und Tschechien gesehen.

So mancher Aufbauhelfer half sich im Osten aber vor allem selbst. Richtig?

Ja, solche Typen gab es leider auch. Aber das waren nur die allerwenigsten. Man kann die Arbeit nicht hoch genug schätzen, die hier von Anfang an von Beamten oder Unternehmern geleistet wurde.

Heinz Eggert mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (57, CDU).
Heinz Eggert mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (57, CDU).

Warum kamen damals kaum Ossis in der Verwaltung in Führungspositionen?

Weil es hier schlicht an diesem Verwaltungswissen und den entsprechenden Qualifikationen fehlte. Die bundesdeutschen Vorschriften erlaubten da keine Ausnahmen. Ich habe damals darüber erbittert mit Helmut Kohl gestritten. Er blieb stets unerbittlich und sagte, dass die Gesetze nicht nur für einen Teil Deutschlands gelten. Ich persönlich hätte mir mehr Chancen für Ost-Quereinsteiger gewünscht.

Diese erste zugezogene Beamten-Generation geht jetzt in den Ruhestand. Ist nun die Zeit für einen Umbruch in den Behörden?

Ja, wenn Sie so wollen. Doch ich bleibe dabei: Ich sehe keine Ost-West-Probleme oder eine verknöcherte Struktur. Das sind inzwischen alles Sachsen. Die haben hier geheiratet, Familien gegründet und Kinder groß gezogen. Ich ziehe den Hut vor deren Leistung.

Täuscht mein Gefühl: Sie nerven diese ewigen Ost-West-Grabenkämpfe und Ressentiments?

Ja. Ich finde diese Diskussionen rückwärtsgewandt und ganz ärgerlich. Da werden alte Klischees bedient. Wir sollten stattdessen nach vorn schauen. Wir müssen uns fragen, wie wir dieses Land weiter voranbringen können. Außerdem sollten wir unser Augenmerk darauf richten, alles zu tun, um die jungen Eliten in Sachsen halten zu können.

Fotos: imago, Steffen Füssel


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