Eine Familie lebt an Sachsens nervigstem Bahnübergang

Kein Zug in Sicht und doch bleibt die Schranke unten. Familie Winkler ist frustriert.
Kein Zug in Sicht und doch bleibt die Schranke unten. Familie Winkler ist frustriert.

Von Hermann Tydecks

Meissen - Diese Schranke macht Gefangene! Wehe, wenn sie am Bahnübergang in Rothschönberg zuschlägt. Dann dauert es oft eine geschlagene halbe Stunde, bis die Straße wieder frei ist.

Fatal für die dort wohnende Familie Winkler: Täglich wird sie ein- und ausgesperrt.

Mittag am Kottewitzer Berg zwischen Meißen und Nossen. Um genau 11.14 Uhr senken sich die rot-weißen Stangen am Bahnübergang.

„Der Zug kommt noch lange nicht“, sagt Anwohnerin Karin Winkler (72). Erst 14 Minuten später rollt ein Güterzug Richtung Miltitz durch. Die Straße könnte nun wieder passiert werden. Doch die Schranke blockiert weiter.

Kein Weiterkommen für Mensch und Tier: An diesem Bahnübergang in Rothschönberg sind Wartezeiten von 20 bis über 30 Minuten normal.
Kein Weiterkommen für Mensch und Tier: An diesem Bahnübergang in Rothschönberg sind Wartezeiten von 20 bis über 30 Minuten normal.

Die Winklers, ein Transporter, zwei Reiterinnen und ein Traktor müssen warten.

Erst nach 32 Minuten öffnet sich die Schranke wieder und gibt die einzige befahrbare Straße (eine Sackgasse) zum Haus der Winklers wieder frei.

Das Leben der fünfköpfigen Familie ist damit beschrankt: „Jeder Termin ist problematisch. Wir wissen nicht, wann sich die Schranke senkt“, ärgert sich Frau Winkler. Als Tochter Constanze (48) Sohn Max (8) früh in die Schule fahren wollte, kam ein Zug. Eine halbe Stunde mussten sie ausharren. Max kam zu spät.

Das Problem der alten Bummel-Schranke: Sie wird nicht automatisch ausgelöst. Stattdessen steuern Mitarbeiter in Stellwerken sie manuell.

Bis Mai war immer ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn (DB) in Miltitz über eine Sprechanlage am Bahnübergang erreichbar, konnte flexibel reagieren und die Schranke öffnen. Doch nun ist die Sprechanlage „außer Betrieb“.

Täglich rollen mehrere Güterzüge durch. Karin (72) und Klaus Winkler (77) kommen dann nicht mehr an ihr Haus heran - oder heraus.
Täglich rollen mehrere Güterzüge durch. Karin (72) und Klaus Winkler (77) kommen dann nicht mehr an ihr Haus heran - oder heraus.

Denn die DB hat die Strecke an die Nossen-Riesaer Eisenbahn-Compagnie (NRE) verpachtet.

Und der neue Betreiber setzt aus Kostengründen nicht mehr an jedem Stellwerk Mitarbeiter ein, sondern lässt ein „mobiles Team“ die Stellwerke im Auto anfahren - parallel zum Zug. Der muss nun auch noch extra bummeln, damit er nicht vor den Autofahrern an den Stationen eintrifft ...

Die Folge: Längere Wartezeiten als früher.

„Wenn sich die Situation verschlechtert hat, bedauern wir das“, sagt NRE-Mitgesellschafter Christoph Feldhaus (39). „Wir bemühen uns, eine Wartezeit von 20 Minuten nicht zu überschreiten.“

Einen Fahrplan für die vier bis acht täglich fahrenden Güterzüge (transportieren meist Heizöl und Gas) könne man nicht erstellen, da die Züge von Fremdfirmen (etwa DB Cargo) kurzfristig koordiniert würden.

„Das ist doch wie im Mittelalter“, sagt Klaus Winkler (77) frustriert. „Und was ist bei einem Unfall oder Brand? Wenn dann die Helfer nicht durchkommen ...“

Fotos: Andreas Weihs (3)


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0