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"Weissensee": Die Geheimnisse der TV-Villa

Weißensee - Es ist das TV-Ereignis des Herbstes: die 3. Staffel der ARD-Erfolgsserie „Weissensee“. Der zentrale Schauplatz, das Haus der Familie Kupfer, hat eine spannende Geschichte, die bislang unerzählt ist. Der große MOPO24-Report.
Drama in der dritten Staffel: Die DDR bricht zusammen, und Stasi-Generalleutnant Günther Gaucke (Hansjürgen Hürrig, l.) wird degradiert. Kampfgenosse Horst Schöning (Jürgen Heinrich, r.) ist fassungslos.
Drama in der dritten Staffel: Die DDR bricht zusammen, und Stasi-Generalleutnant Günther Gaucke (Hansjürgen Hürrig, l.) wird degradiert. Kampfgenosse Horst Schöning (Jürgen Heinrich, r.) ist fassungslos.

Von Torsten Hilscher

Weißensee - Es ist das TV-Ereignis des Herbstes: die 3. Staffel der ARD-Erfolgsserie „Weissensee“. Die Familien- Saga um Stasi, DDR und nun auch Mauerfall fesselt Millionen Zuschauer.

Doch der zentrale Schauplatz, das Haus der Familie Kupfer, hat eine ebenso spannende Geschichte, die bislang unerzählt ist.

Akteure sind ein Stararchitekt, ein Galerist, ein Bankier und der Denkmalschutz. Eine Reise von „Weissensee“ nach Weißensee. Der große MOPO24-Report.

Der Blick geht übers Wasser,dann auf einen Wald. In diesem Garten also hat die Fernsehfamilie von Uwe Kockisch alias Stasi-General Hans Kupfer jahrelang gefeiert, im Haus dahinter gelebt und gelitten.

Villa Weissensee - das Esszimmer im Original: Der „echte“ Blick aus dem Salon-Erker. Von hier aus konnte man bis 1989 direkt auf die Mauer sehen.
Villa Weissensee - das Esszimmer im Original: Der „echte“ Blick aus dem Salon-Erker. Von hier aus konnte man bis 1989 direkt auf die Mauer sehen.

Alles falsch: Das Wasser ist die Havel, nicht der Obersee im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee. Der Wald nicht die Parklandschaft am Obersee-Ufer, sondern der malerische Düppelner Forst im ehemaligen West-Berlin. Und in der Villa lebten zu DDR-Zeiten zwar auch Kinder, aber gleich im Dutzend, als Kindergartengruppe.

Willkommen in Potsdam-Sacrow! Willkommen inmitten gelebter deutscher Geschichte.

Denn die Villa hat mindestens so viel zu erzählen wie die TV-Serie. „Gebaut wurde das großzügige Haus 1929“, sagt Ralph Paschke vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege.

„Bauherr war der Bankier Julis Perlis (1874- 1934), Architekt war Leo Nachtlicht (1872-1942).“ Leo Nachtlicht? Der heute unbekannte Baumeister zählte vor 90 Jahren zu den Stars seiner Branche.

Die TV-Villa der Stasi-Familie Kupfer aus „Weissensee“ steht in Wahrheit am Ufer der Havel in Potsdam-Sacrow.
Die TV-Villa der Stasi-Familie Kupfer aus „Weissensee“ steht in Wahrheit am Ufer der Havel in Potsdam-Sacrow.

Bei ihm lernten Hermann Henselmann (1905-1995), der später den Berliner Fernsehturm und das Haus des Lehrers entwarf, aber auch Egon Eiermann (1904-1970), von dem man das Abgeordnetenhochhaus Langer Eugen in Bonn sowie die moderne Version der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin kennt.

Genau gegenüber der alten K.W.-Gedächtnis-Kirche hatte sein Lehrmeister Nachtlicht 1928 sein Meisterwerk abgeliefert: den Gourmeniapalast. Einen gläsernen Vergnügungstempel, der alles in Deutschland Dagewesene in den Schatten stellte (siehe Video).

Parallel entwarf er die Villa in Sacrow, die in Wirklichkeit „Landhaus Perslis“ heißt. Wie sein Gourmeniapalast in der Berliner City ging es auch hier um Repräsentation, aber eben im familiären Kreis.

„Das Haus Perlis ist ein seltenes Beispiel für ganzjähriges großbürgerliches Wohnen in Sacrow“, weiß Denkmalschützer Paschke.

Der heutige Herr der Weissensee- Villa im wirklichen Leben: Galerist Markus Peichl (geb. 1957).
Der heutige Herr der Weissensee- Villa im wirklichen Leben: Galerist Markus Peichl (geb. 1957).

Mit einem besonderen Gag: Zum Wasser führte ein überdachter Wandelgang, der in einem Teepavillon endete. Drinnen eine kleine Fontäne. Von dort führte eine halbrunde Treppe an den See hinab.

Perlis’ Frau Rosa gelang 1939 die Flucht vor den Nazis. Ihre Nachfolgerin besaß das Haus bis in die 1980er. Ab 1960 wurde es von der Wohnungsverwaltung Potsdam mit dem „Kinderheim I“ belegt - bis 1997.

Seit 2000 stand die Villa leer. „Ich habe sie 2008 übernommen“, sagt Markus Peichl (57). Der Journalist („Gottschalk“) und Galerist lebt dort mit seinem Lebensgefährten, stellte das Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung.

Nun wird saniert. Nicht nur das Haus, auch das Gelände zum Wasser hin. Das gilt zunächst für die Garage. Aber vielleicht auch für den langen Gang.

„Er wurde 1961 halbiert für den Bau der Mauer, die mitten durch den Garten verlief“, so Peichl. Er weiß um die Wirkung guter Baukunst: Sein Vater ist der österreichische Architekt Gustav Peichl (87).

Dieser schuf zwischen 1989 und 1992 für Bonn die offizielle Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik.

Inzwischen hatte Peichl übrigens Besuch von den Nachfahren Leo Nachtlichts. Der Architekt selbst starb 1942. Da hieß der Gourmeniapalast schon Germaniapalast.

Seine letzte Ruhestätte fand Nachtlicht auf dem Jüdischen Friedhof zu Berlin - in Weißensee.

Der Architekt

Zärtliche Geste: Anna Nachtlicht und ihr Mann Leo wenige Jahre vor ihrem Tod. Im Hintergrund das Meisterwerk des Architekten: Der Berliner Gourmenia-Palast, heute das Bikini Berlin.
Zärtliche Geste: Anna Nachtlicht und ihr Mann Leo wenige Jahre vor ihrem Tod. Im Hintergrund das Meisterwerk des Architekten: Der Berliner Gourmenia-Palast, heute das Bikini Berlin.

Leo Nachtlicht (1872 bis 1942) war ein Star der Design- und Bauszene, würde man heute sagen. Er entwarf unzählige Villen, aber auch Inneneinrichtungen; ebenso Berliner Wohnanlagen, die noch heute existieren.

Auch die Darmstädter und die Nationalbank in Berlin-Charlottenburg sind sein Werk. In Tschechien entwarf er ein Hotel und ein Sanatorium. Er war Redakteur der Zeitschrift „Bauwelt“, lehrte Raumkunst an der Humboldt-Hochschule Berlin.

Zu seinen Mitarbeitern gehörte neben Egon Eiermann und Hermann Henselmann auch Konrad Wachsmann, der durch sein Sommerhaus für Albert Einstein in Caputh berühmt wurde. Oder Hans Scharoun („Haus Schminke“, Löbau; Philharmonie, Berlin).

Revolutionär damals: Nachtlicht beschäftigte eine Büroleiterin. 1936 erfolgte der Ausschluss aus der Reichskammer der Bildenden Künste. Den Töchtern Ilse und Ursula gelang 1939 die Flucht nach England, für die betagten Eltern war es allerdings zu spät.

Seine Ehefrau Anna war eine Zeit lang Zwangsarbeiterin bei Siemens. Oktober 1942 wurde sie nach Riga deportiert, starb dort kurz nach ihrer Ankunft. Nachtlicht starb im selben Jahr - verzweifelt und gebrochen - im Jüdischen Krankenhaus Berlin.

Seit April 2012 erinnert ein „Stolperstein“ in Berlin- Wilmersdorf an den Architekten. (Unter Verwendung der Magisterarbeit von Anja Himmelsbach, FU Berlin)

Fotos: ARD/Julia Terjung, PR

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