Mitglieder des FC St. Pauli streiten sich mit Präsident über Alkohol

Hamburg – Früher gab es die buntesten Geschichten vom "Freudenhaus der Liga" und vom "etwas anderen Verein". Das ist 20, 30 Jahre her.

Oke Göttlich spricht auf der Versammlung zu den Mitgliedern des FC St. Pauli.
Oke Göttlich spricht auf der Versammlung zu den Mitgliedern des FC St. Pauli.  © Daniel Reinhardt/dpa

Heute ist der FC St. Pauli mitten drin im Fußball-Kapitalismus 4.0 und hat wenig Chancen, anders zu sein als all die anderen.

Das wurde deutlich bei der Mitgliederversammlung des Kiezclubs am Mittwochabend, die sich nach langer Diskussion um Anträge, Dringlichkeitsanträge und veränderter Anträge bis 1.05 Uhr des nächsten Tages zog.

Da war die letzte U-Bahn schon lange weg, und Präsident Oke Göttlich wie auch der Technische Direktor Ewald Lienen hatten seit 65 Minuten Geburtstag.

Anträge auf eine zusätzliche Anzeigetafel im Stadion oder die Einrichtung eines Windschutzes in den offenen, weil zugigen Ecken der Arena waren schnell abgelehnt und vom Tisch, die Änderung der Satzung zu genderneutralen Bezeichnungen, wo jetzt das generische Maskulinum regiert, war schnell angenommen.

Andere Begehrlichkeiten gingen ans Eingemachte: beispielsweise der Verzicht auf Werbung für Tabak, Alkohol und Sportwetten, die Durchsetzung klimaneutraler Heimspieltage, die Einrichtung alkoholfreier Getränkestände oder die Einführung einer Frauenquote.

Verein weist Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr aus

Bis spät in die Nacht saßen die St. Pauli-Mitglieder zusammen.
Bis spät in die Nacht saßen die St. Pauli-Mitglieder zusammen.  © Daniel Reinhardt/dpa

Auf Werbung für Suchtmittel zu verzichten, ist aus Gründen von Moral und Gesundheit zwar geboten, hat aber einen Haken: Der FC St. Pauli braucht das Geld.

Daher kann er gar nicht auf Sponsoren der gescholtenen Branchen verzichten. Whiskey-Hersteller Jack Daniels und Wettanbieter bwin gehören zu den größten Geldgebern.

"Dem können wir so nicht zustimmen", kommentierte Göttlich den Antrag. Schließlich gehe es um ein "existenzielles Thema".

"Bei Wegbrechen dieser Einnahmen können wir nicht garantieren, dass es wirtschaftlich weiterhin erfolgreich läuft." Die Mehrheit der Mitglieder folgte dem Präsidenten in der Argumentation.

Trotz eines Gewinns von 1,56 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2018/19 und eines Rekordumsatzes von 55,1 Millionen Euro steht der Verein vor gewaltigen Herausforderungen. "Wir werden uns Jahr für Jahr strecken müssen", sagte Göttlich.

Schon jetzt gehen St. Pauli Millionensummen durch die Lappen, weil er auf eine Vermarktung des Stadionnamens verzichtet, weil er keine Investoren ins Boot holen, die Ecken nicht von einem Sponsor präsentieren lassen will. "Ein anderer Fußball ist möglich", meinte Göttlich.

Klimaschutz erreicht Fußball

St. Pauli-Fans schießen Pyro im Derby gegen den HSV ab. (Archivbild)
St. Pauli-Fans schießen Pyro im Derby gegen den HSV ab. (Archivbild)  © Christian Charisius/dpa

Dennoch ist dem Präsidenten klar: Der Verein braucht neue Finanzierungsquellen. Denn ohne neue Einnahmen kann der Club im bezahlten Fußball nicht überleben. Geld schießt nun mal Tore, auch im Millerntor-Stadion.

Da unterscheidet sich der Club nicht wesentlich von Bayern München oder dem HSV, auch wenn die Mehrheit der Fans, die alternativ, ökologisch und politisch links orientiert ist, das gerne anders haben würde.

Die Frauenquote in Führungsgremien des Vereins soll bis 2025 umgesetzt werden. In Präsidium, Aufsichtsrat und auf Direktorenebene sind von derzeit 18 Personen nur zwei weiblich.

Klimaneutrale Heimspieltage soll es geben. Als ein Mitglied mutig forderte, dass dann künftig aber auch keine Pyros im Stadion mehr abgebrannt werden dürften, gab es Gelächter und ablehnende Reaktionen.

Dass St. Pauli laut Strafantrag die Rekordsumme von 180.000 Euro Buße wegen Pyros im Derby gegen den HSV am 16. September zahlen soll, spielt für die anders sein wollenden St.-Pauli-Mitglieder keine Rolle.

Pyro, so heißt es bekanntlich immer, sei Fankultur. Da unterscheidet sich die Fanschar auf dem Kiez von jener des ungeliebten HSV keinen Deut.

Titelfoto: Daniel Reinhardt/dpa

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