Randale oder friedliche Demos? Was "feiern" wir eigentlich am 1. Mai?

So geht's auch: 1987 feierten rund 50.000 West-Berliner vor dem Reichstag.
So geht's auch: 1987 feierten rund 50.000 West-Berliner vor dem Reichstag.  © DPA

Berlin/Dresden - Arbeiten? Kämpfen? Feiern? Kaum ein Datum war in den letzten 150 Jahren solchen Wandlungen unterworfen wie der 1. Mai. Und kaum ein Feiertag wurde derart instrumentalisiert und ideologisiert wie der Tag der Arbeit.

Adolf Hitler führte den Feiertag als vergiftetes Geschenk ein, Ulbricht und Honnecker beschenkten sich mit Militärparaden und einem Meer von Winkelementen zur Selbstbeweihräucherung. Doch den Ursprung des 1. Mai sucht man auf der anderen Seite des Großen Teiches.

Im Vergleich zu anderen Ländern war der 1. Mai bei deutschen Arbeitern weniger populär. Lag es an der gedämpften Streikneigung oder am kühleren Temperament des deutschen Michels? Zwar gingen am Maitag 1890 etwa 100.000 auf die Straße (vornehmlich in Berlin und Dresden), doch die Arbeiterschaft war zu zerstritten, um Dauerhaftes durchzusetzen.

Erst 1919 beschloss die Weimarer Nationalversammlung den Feiertag, allerdings nur einmalig. Mai-Aufmärsche wurden später gar verboten. Denn SPD und KPD stritten sich damals bis aufs Blut um die Meinungsführerschaft. Der „Blutmai zu Berlin“ (1929) mit über 30 Toten war nur ein trauriger Höhepunkt.

Erich Honecker nutzte den 1. Mai gern, um sich vom Volk feiern zu lassen.
Erich Honecker nutzte den 1. Mai gern, um sich vom Volk feiern zu lassen.

Es musste erst ein Adolf Hitler die große Bühne betreten, um den deutschen Arbeitern den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag zu schenken. Er deutete ihn als Tag der „nationalen“ Arbeit um. Für die Erstausgabe 1933 wurde ein riesiges Propagandaspektakel inszeniert - in Berlin sogar mit über einer Million Teilnehmern.

Dass es dem Führer nicht um die Einigung der Arbeiterschaft ging, sondern deren Zerschlagung, wurde einigen erst am Tage darauf bewusst. Am 2. Mai 1933 wurden sämtliche Gewerkschaftshäuser besetzt und das Vermögen eingezogen. Die Organisationen wurden gleichgeschaltet und zur Deutschen Arbeitsfront vereinigt - ein willfähriger Handlanger auch bei späteren Nazigräueln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg winkten die Alliierten den international gebräuchlichen Feiertag durch. Der wurde in der jungen Bundesrepublik recht zügig vom DGB vereinnahmt - sogar nahe seiner ursprünglichen Intention: Ab 1956 wurde um die 40-Stunden-Woche (Samstag frei) gekämpft, später sogar um 35 Wochenstunden.

Straßenschlachten hinterließen (nicht nur) 1989 Spuren auf den Straßen von Berlin.
Straßenschlachten hinterließen (nicht nur) 1989 Spuren auf den Straßen von Berlin.  © DPA

In den 80er-Jahren verlor aber auch der DGB den Schwung.

Die Leute vergnügten sich an dem freien Tag - zumal bei meist schönem Wetter - lieber bei Dorf- oder Stadtteilfesten. Die Deutungshoheit ist den Bundesländern überlassen. So heißt der Feiertag etwa in Nordrhein-Westfalen wortungetümig „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“.

In der DDR hingegen beging man den „Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“. Die halbe Republik wurde mobilisiert, um mit Winkelementen und von der Parteiführung vorgegebenen Spruchbändern und Parolen an der regionalen Nomenklatura vorbeizudefilieren. Wer ausscherte, hatte mit Sanktionen zu rechnen.

In Ostberlin gab es zwischen 1956 und 1977 sogar große Militärparaden - die gepanzerte Faust der Arbeiterklasse. Für bessere Arbeitsbedingungen oder gegen zu hohe Normen durfte man freilich nicht kämpfen. Die Arbeiter mussten sich stattdessen zu höherer Produktivität verpflichten.

Besonders Erich Honecker fühlte sich im inszenierten Jubelsturm der Untertanen sichtlich wohl. Erst in den letzten beiden Jahren der DDR wurden die Feierlichkeiten abgeschottet.

Im geeinten Deutschland hat der Feiertag eigentlich ausgesorgt - der solidarische Gedanke spielt im Neoliberalismus wohl keine Rolle mehr. Inzwischen sind es wieder Nationalsozialisten (sie nennen sich anders), die den Feiertag okkupieren: letztes Jahr in Plauen, am heutigen Montag in Halle und Gera.

Blut und Tote, als eine Demo eskaliert

Eine Bombe platzte, Schüsse fielen - in Chicago eskalierten 1882 die Proteste.
Eine Bombe platzte, Schüsse fielen - in Chicago eskalierten 1882 die Proteste.

Es war einmal in Amerika.

Nach Ende des Bürgerkrieges (1860er-Jahre) entstand unter den Arbeitern die Achtstundentag-Bewegung. Zu dieser Zeit malochte man in den Fabriken zwischen elf und 13 Stunden. Dies wurde im Laufe der Jahre auf etwa zehn Stunden reduziert.

Für den 5. September 1882 hatten Gewerkschaften in New York eine Riesendemo mit anschließendem Picknick organisiert - bis zu 50.000 Arbeiter sollen den „Labor Day“ begangen haben. Die Idee griff um sich, schon bald schlossen sich an die 400 Städte der Vereinigten Staaten an.

An den Achtstundentag war noch immer nicht zu denken. Für den 1. Mai 1986 wurde in Nordamerika zum Generalstreik aufgerufen. Dieser Tag war damals der so genannte „moving day“ - neue Arbeitsverträge wurden unterschrieben, oft stand ein Wohnungswechsel an. Doch der 86er-Streik endete im Fiasko.

Allein in Chicago legten 90.000 die Arbeit nieder. Die Polizei erschoss vor einer Fabrik mehrere Arbeiter - so zogen tausende Protestler auf den zentralen Haymarket. Dort platzte eine Bombe, die 18 Menschen (darunter viele Polizisten) in den Tod riss.

Sieben vermeintliche Rädelsführer, darunter der Chef der Gewerkschaftszeitung, wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Beim Kongress der Sozialistischen Internationale 1889 wurde daraufhin der 1. Mai zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen - ein Jahr später gab es weltweit Aktionen.

In Amerika aber blieb man beim „Labor Day“ als Feiertag - am ersten Montag des Septembers.

Auch 2017 werden die Polizisten im ganzen Land bereitstehen, um ggf. Ausschreitungen zu verhindern.
Auch 2017 werden die Polizisten im ganzen Land bereitstehen, um ggf. Ausschreitungen zu verhindern.  © dpa/Kay Nietfeld
Wer Steine wirft, wird abgeführt. Anfang der 2000er waren die Ausschreitungen zum Ritual in Berlin geworden.
Wer Steine wirft, wird abgeführt. Anfang der 2000er waren die Ausschreitungen zum Ritual in Berlin geworden.

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