Außergewöhnlich! Was passiert an Heiligabend im Bahnhof?

Stuttgart - Normalerweise hetzen die Leute schnell durch die Bahnhofshalle, wollen ihren Zug erreichen oder weiter zu einem Termin. An Heiligabend findet an diesem ungewöhnlichen Ort ein außergewöhnlicher Gottesdienst statt. TAG24 hat bei Pfarrerin Lena Illek nachgefragt, was uns erwartet.

Eine Trompeter spielt vor einem Notenbuch.
Eine Trompeter spielt vor einem Notenbuch.  © eva / Bernhard Lemaire

Gegen 22 Uhr werden sich in der großen Bahnhofshalle ein Posaunenchor der Evangelischen Jugend, Pfarrer, Redner und rund 150 Gäste versammeln, um eine ganz besondere Andacht zu feiern.

Seit drei Jahren organisiert Pfarrerin Lena Illek von der Evangelischen Gesellschaft (eva) die Internationale Christfeier im Hauptbahnhof Stuttgart. Im letzten Jahr kamen rund 200 Gäste in die Bahnhofshalle.

Die Gäste kommen aus allen Schichten: "Menschen aus den Halbhöhenlagen, die den Posaunenchor schätzen, junge Leute und auch arme oder obdachlose Menschen, die von einer Weihnachtsfeier für Bedürftige kommen", sagt Illek.

Im letzten Jahr sei die Polizeistaffel dazu gekommen. Manchmal laufen Leute zufällig vorbei, die auf dem Weg zum Zug sind oder Nachtschwärmer, die den Heiligabend in einem Club ausklingen lassen wollen und spontan stehen bleiben. "Eine ganze bunte Mischung an Menschen." Das macht es besonders.

Wer zur Feier kommt, bleibt bis zum Schluss eine Überraschung. Illek erinnert sich noch daran, wie einige Auslandsstudenten in der Halle mit ihrer Gitarre spielten. Sie lud die jungen Leute spontan ein, Teil davon zu werden. Sie bereicherten die Andacht mit Liedern aus Madagaskar.

Flashmob Weihnachten

Trompeter werden im Hauptbahnhof Stuttgart weihnachtliche Lieder spielen.
Trompeter werden im Hauptbahnhof Stuttgart weihnachtliche Lieder spielen.  © eva / Bernhard Lemaire

"Für mich ist es ein Flashmob Weihnachten", sagt die 33-Jährige. Erst erkenne man nichts, dann sammeln sich alle Menschen, schaffen etwas Gemeinsames und dann löse es sich wieder auf.

Wegen der Bauarbeiten zum Bahnprojekt Stuttgart 21 wird die Halle noch leerer sein als im letzten Jahr. Die Geschäfte sind ausgeräumt, es gibt keinen Weihnachtsbaum und auch keine Krippe. Pfarrerin Lena Illek weiß: "Wir kriegen die weihnachtliche Stimmung auch ohne das hin."

Denn für Illek ist es ein ganz authentisches Weihnachten: "Jesus ist auch auf dem Weg auf die Welt gekommen und nicht in einem perfekt vorbereiteten Ort."

Das Internationale Fest liegt der Geistlichen besonders am Herzen. "Ich vertraue darauf, dass es selbst Weihnachten wird, auch ohne mich als Predigerin." Im letzten Jahr verteilten Ehrenamtliche nach dem Gottesdienst selbstgebastelte Engel und kleine Weihnachtsbücher und machten den Gottesdienst perfekt.

Neben dem etwa 20-köpfigen Posaunenchor werden deutsche und englische weihnachtliche Lieder, wie "Oh du Fröhliche" oder "Joy to the world" und natürlich der Klassiker "Stille Nacht, Heilige Nacht" gesungen. Eine Predigt wird auf deutsch gehalten, die Weihnachtsgeschichte auf arabisch und ein Prediger aus Ghana spricht in der Sprache Twi Gedanken zum Heiligen Abend. Bei Gebäck und Heißgetränken klingt der außergewöhnliche Gottesdienst aus.

Außergewöhnlicher Ort hat Vergangenheit

Lena Illek organisiert die Internationale Christfeier.
Lena Illek organisiert die Internationale Christfeier.  © Reiner Pfisterer, eva Evangelische Gesellschaft

Der Gottesdienst hat Geschichte. Früher begrüßten die Stuttgarter Ende der 40iger Jahre Kriegsheimkehrer am Heiligabend in der Bahnhofshalle.

Später verabschiedeten die Leute in den 60-iger Jahren "Gastarbeiter", die am Heiligabend in ihren Heimaturlaub gingen, um dort das Fest mit ihren Familien zu feiern.

Aus dieser Tradition ist die Andacht in verschiedenen Sprachen entstanden und wird seitdem beibehalten.

Beim Internationalen Gottesdienst ist jeder willkommen.

"Der Gottesdienst richtet sich auch an Menschen, die hier keine Heimat haben", sagt Illek. Sie selbst erinnerte sich daran, als sie ein Auslandssemester in Frankreich machte, was ein Gottesdienst für sie bedeutete. "Eine Predigt in der Heimatsprache, ist ein wenig Heimat."

Am Ende wird der Segen in verschiedenen Sprachen verlesen. Bleibt zu hoffen, dass für jeden ein kleines Stück Heimat und viel Weihnachten bleibt.

Die Feier im vergangenen Jahr: Dieses Jahr wird die Bahnhofshalle noch leerer sein.
Die Feier im vergangenen Jahr: Dieses Jahr wird die Bahnhofshalle noch leerer sein.  © eva / Bernhard Lemaire

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