Ich habe bei mir einen Flüchtling aufgenommen

Karl-Heinz Meinhardt (75, Spätshopbesitzer in Pieschen), hat den tunesischen Asylbewerber Jamal Atoui (25) bei sich zu Hause aufgenommen.
Karl-Heinz Meinhardt (75, Spätshopbesitzer in Pieschen), hat den tunesischen Asylbewerber Jamal Atoui (25) bei sich zu Hause aufgenommen.

Von Hermann Tydecks

Dresden - Volle Asylheime und mehr Flüchtlinge als erwartet: Die Stadt sucht dringend neue Unterkünfte für Asylbewerber (siehe Kasten). Ein Dresdner wollte schon im Januar helfen, nahm einen Flüchtling bei sich auf. Doch so einfach ist Helfen gar nicht: Es folgte eine monatelange Odyssee ...

Karl-Heinz Meinhardt (75), studierter Hochschullehrer, hat selbst Jahrzehnte im Ausland gelebt. Darum kann er sich in die Situation der Flüchtlinge hineinversetzen. Sein Spätshop an der Leipziger Straße ist auch Treffpunkt der Bewohner des Asylheims von nebenan. Der Rentner hilft bei Papierkram, hat ein Ohr für Sorgen. Viele Flüchtlinge nennen ihn „deutschen Papa“.

Auch dem Tunesier Jamal Atoui (25) half er. Der Flüchtling wurde im Asylheim beklaut, hatte ständig Ärger. „Da sagte ich ihm, du kannst auch bei mir wohnen“, sagt Herr Meinhardt. Dankbar zog Jamal Anfang Januar in das freie Zimmer ein (16 Quadratmeter).

Tunesier Jamal Atoui (25) durfte bei Herrn Meinhardt in ein freies Zimmer ziehen.
Tunesier Jamal Atoui (25) durfte bei Herrn Meinhardt in ein freies Zimmer ziehen.

„Ich möchte einfach helfen, will auch kein Geld für die Miete“, teilte Meinhardt dem Sozialamt mit. Doch dort hieß es anfangs lapidar, er dürfe gar keinen Asylbewerber aufnehmen.

Etliche Telefonate später folgte die Auskunft, der Flüchtling müsse das beantragen. Doch auch das brachte keinen Erfolg. „Sie leiten keine Post mehr an Jamal weiter, strichen ihm sein Taschengeld“, ärgert sich Herr Meinhardt.

MOPO24 fragt beim Rathaus nach. „Herrn Atoui wurden keinerlei Leistungen verwehrt“, sagt ein Sprecher. Und: Der abgegebene Antrag sei ohne Nennung von „außergewöhnlichen humanitären Gründen“ unvollständig.

Karl-Heinz Meinhardt (75) und sein Schützling Jamal Atoui (25) in der Küche beim Kochen.
Karl-Heinz Meinhardt (75) und sein Schützling Jamal Atoui (25) in der Küche beim Kochen.

Erstickt die Hilfsbereitschaft im komplizierten Paragraphendickicht?

„Leider entsprechen die gesetzlichen Rahmenbedingungen noch dem Duktus des letzten Jahrhunderts“, sagt Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos, 39) dazu.

„Die Dresdner Willkommenskultur ist da schon weiter.“

Immerhin: Das Sozialamt will die Hilfe nun doch ermöglichen, hat die Wohnung besichtigt und für geeignet befunden.

In dieser Woche soll Jamals Wohnortwechsel amtlich anerkannt werden.

So können Dresdner helfen.

Grundsätzlich gilt: Es ist nicht möglich, einen Asylbewerber in den eigenen vier Wänden aufzunehmen, etwa als Mitbewohner. Denn laut Asylverfahrensgesetz dürfen Flüchtlinge nicht außerhalb von städtischen Gewährleistungswohnungen und Wohnheimen untergebracht werden.

Ausnahmen davon sind nur möglich, wenn „höchst persönliche Gründe“ vorliegen. Das trifft aktuell auf 143 Asylsuchende zu, die in selbst angemietetem Wohnraum oder bei Lebenspartnern wohnen.

Es ist aber möglich, dem Sozialamt separate Ein- bis Vierraumwohnungen (mit Kochmöglichkeit) oder Unterkünfte (rund 65 Plätze) für die Unterbringung von Flüchtlingen anzubieten. 30 solcher Angebote liegen aktuell vor, 13 davon sind geeignet. Rückfragen beantwortet das Amt telefonisch unter 0351/4 88 48 78.

Hilfsangebote respektieren

Ein Kommentar von Hermann Tydecks

Plätze für Flüchtlinge zu finden wird zunehmend schwieriger, und die Zeit eilt dem Rathaus davon. Laut neuer Prognose des Freistaats muss die Stadt dieses Jahr mehr Asylbewerber als erwartet unterbringen.

Es überrascht also nicht, dass die Stadt ganz offiziell verlauten lässt, für Unterbringungs- Angebote der Dresdner „dankbar“ zu sein. Karl-Heinz Meinhardt hat andere Erfahrungen gemacht. Schnell und unkompliziert nahm der Dresdner einen tunesischen Asylbewerber bei sich auf, lässt ihn im früheren Zimmer seines Sohnes wohnen.

Doch über Monate scheiterten seine Versuche, das mit dem Sozialamt abzuklären. Sicher: Die Sachlage ist kompliziert. Ohne die Abstimmung mehrerer Ämter, ohne schriftliche Anträge mit besonderer Begründung, darf ein Flüchtling nicht die Wohnung wechseln. Und natürlich prüft die Behörde völlig zu Recht sehr genau, welche Privatunterkünfte für Asylbewerber überhaupt geeignet sind.

Schließlich hat die Stadt auch eine Fürsorgepflicht den Asylbewerbern gegenüber. Was Herrn Meinhardt aber zu Recht stört, ist der anfangs abwinkende Umgang mit seinem Hilfsangebot. Dabei verschafft er doch der Behörde einen zusätzlichen Platz, verlangt dafür noch nicht mal Mietgeld, das ihm von der Stadt sogar zustünde. Immerhin sucht das Sozialamt nun nach einer Lösung, um das Hilfsangebot zu ermöglichen.

Es hat Monate gedauert. So lange hat sich Herr Meinhardt geduldig für seinen ausländischen Gast eingesetzt. Andere hätten längst abgewunken, den Tunesier wieder dem Amt überlassen. Die Stadt sollte sich über so viel Engagement freuen, anstatt es zu vergraulen.

Fotos: Eric Münch, Thomas Türpe


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