Bis zu 5000 Euro auf die Hand: Kliniken werben sich gegenseitig Pflegekräfte ab

Frankfurt am Main/Eschborn - In hessischen Krankenhäusern fehlen Hunderte Schwestern und Pfleger. Der Konkurrenzdruck gerade in Ballungsräumen treibt seltsame Blüten. Die Krankenhaus-Gesellschaft spricht von einem "ruinösen Wettbewerb".

Mit diesem Flyer versucht eine Frankfurter Klinik, Pflegekräfte zum Job-Wechsel zu bewegen.
Mit diesem Flyer versucht eine Frankfurter Klinik, Pflegekräfte zum Job-Wechsel zu bewegen.  © DPA/Arne Dedert

"Pflege-Helden gesucht!" und "OP-Helden gesucht!" stehen in Knallfarben über Comicfiguren in Krankenhauskleidung. Eine Frankfurter Klinik wirbt mit solchen Postkarten um Pflegekräfte - und verspricht den Kandidaten 3000 Euro Wechselprämie.

Die Hessische Krankenhausgesellschaft findet solche Aktionen "nicht schön", aber auch verständlich: "Die Krankenhäuser stehen häufig mit dem Rücken zur Wand", sagte der Geschäftsführende Direktor, Steffen Gramminger, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

"Wenn die Kliniken nicht die Betten schließen und somit notwendige Behandlungs-Kapazitäten reduzieren wollen, müssen sie irgendwo die Pflegekräfte herbekommen."

Die Werbeaktionen würden "immer offensiver", hat Gramminger beobachtet. Neben dem Fachpersonalmangel verschärften die neuen Pflegepersonal-Untergrenzen zusätzlich die Situation. Inzwischen habe sich "ein ruinöser Wettbewerb" entwickelt: Die ersten Krankenhäuser hätten mit 1000 Euro Wechselprämie geworben, inzwischen zahlten manche bis zu 5000 Euro. "Das ist immer noch günstiger als horrende Preise für Honorarkräfte an Vermittlungs-Agenturen zu bezahlen."

Manche legten Flyer bei der Konkurrenz aus oder stellten jemanden vor die Tür. "Das führt natürlich zu bösen Anrufen." In Ballungszentren wie dem Rhein-Main-Gebiet "ist das Gebuhle besonders groß": Hier sei der Konkurrenzdruck besonders hoch, weil durch die Nähe der Krankenhäuser der Arbeitgeber-Wechsel leicht sei. "Aber das passiert landauf, landab".

Flyer mit Wechselprämie-Angebot vor Tür der Konkurrenz

Bei der Arbeitsagentur waren zuletzt hessenweit 910 freie Stellen für Fachkräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege gemeldet (Symbolbild).
Bei der Arbeitsagentur waren zuletzt hessenweit 910 freie Stellen für Fachkräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege gemeldet (Symbolbild).  © dpa/Stephanie Pilick

Das Frankfurter St. Elisabethen-Krankenhaus wertet seine "Pflege-Helden"-Kampagne als Erfolg. Es sei eine zeitlich begrenzte Aktion zwischen Mitte Dezember und Ende Januar gewesen, erklärte die Geschäftsführung.

Wie viele Mitarbeiter damit gewonnen wurden, ist nicht bekannt: Es sei nicht immer nachvollziehbar, über welche Kanäle die Bewerber auf offene Stellen aufmerksam geworden seien. Von anderen Kliniken habe man "keine Resonanz auf die Aktion erhalten".

Gramminger glaubt, dass solche Aktionen nur kurzfristige Erfolge bringen. Langfristig helfe nur "ausbilden, ausbilden, ausbilden", eine bessere Bezahlung, mehr Anerkennung, bessere Arbeitsbedingungen.

Mittelfristig könnten Pflegekräfte aus dem Ausland die Not lindern, hier seien aber oft die bürokratischen Hürden sehr hoch und die Anerkennungsverfahren zu lang.

Wie groß der Mangel an Fachkräften in der Pflege ist, ist unklar. Bei der Arbeitsagentur waren zuletzt hessenweit 910 freie Stellen für Fachkräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege gemeldet. In den 165 hessischen Krankenhäusern arbeiteten laut Statistischem Landesamt zuletzt 31.700 Beschäftigte in der Pflege (Stand 2017).

"Die Krankenhäuser hatten in 2018 große Probleme, offene Stellen zu besetzen", heißt es im Hessischen Pflegemonitor. Das Universitätsklinikum Gießen/Marburg hatte Ende 2019 wegen Personalmangels drei Stationen schließen müssen.

In diesem Jahr wurde die Finanzierung neu geregelt: Die Krankenhäuser erhalten laut Regierungspräsidium Gießen ein separates Entgelt für Pflegeleistungen. Kliniken, die Patienten eine gute pflegerische Versorgung bieten, würden damit finanziell deutlich besser gestellt.

Titelfoto: DPA/Arne Dedert

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