Sicherheit an Bahnhöfen: Was hat sich seit der ICE-Attacke auf Jungen (†8) geändert?

Frankfurt am Main - Der Fall hat bundesweit für Entsetzen gesorgt: Ein Mann stößt einen Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof vor den Zug, das Kind stirbt. Bundesregierung und Bahn versprechen danach schnell Maßnahmen für mehr Sicherheit. Doch die haben ihre Grenzen.

Polizisten und Feuerwehrleute spannen am 29.07.2019 im Frankfurter Hauptbahnhof eine weiße Plane als Sichtschutz vor einen ICE.
Polizisten und Feuerwehrleute spannen am 29.07.2019 im Frankfurter Hauptbahnhof eine weiße Plane als Sichtschutz vor einen ICE.  © Andreas Arnold/dpa

Wie können Reisende auf Bahnhöfen besser geschützt werden? Diese Frage stellten sich in diesem Sommer viele Menschen, nachdem ein Junge bei einer grausamen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof ums Leben gekommen war. Bundesregierung und Bahn versprachen danach schnelles Handeln. Was soll konkret passieren - und was ist schon umgesetzt?

Rückblick: Sommerferienzeit in Deutschland. Zahlreiche Menschen warten an einem Montagmorgen Ende Juli auf den ICE nach München. Auch ein Achtjähriger aus dem Hochtaunuskreis will gemeinsam mit seiner Mutter in den Urlaub aufbrechen. Plötzlich werden die beiden vor den einfahrenden Zug ins Gleisbett gestoßen.

Die Frau kann sich gerade noch zur Seite retten, ihr Sohn wird vom ICE erfasst und stirbt. Die Polizei nimmt einen Tatverdächtigen, einen dreifachen Familienvater aus Eritrea, fest. Der Mann ist derzeit in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht und wartet auf seinen Prozess.

Nur wenige Tage vor dieser Tat wird im nordrhein-westfälischen Voerde eine 34-Jährige von einem ihr völlig unbekannten Mann vor einen Zug gestoßen. Der Regionalzug überrollt die Frau, sie stirbt noch am Tatort. Gegen den 28-Jährigen wird wegen Mordes ermittelt.

Bundesweite Maßnahmen für mehr Sicherheit

Ein Streifenwagen steht vor dem Frankfurter Hauptbahnhof.
Ein Streifenwagen steht vor dem Frankfurter Hauptbahnhof.  © Arne Dedert/dpa

Nach den beiden Fällen zeigten sich Bundesregierung und Bahn schnell handlungsbereit.

Im September wurden konkrete Maßnahmen vorgestellt. Man wolle "konsequent auf Abschreckung setzen", erklärte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

So sollen "nahezu alle großen Bahnhöfe" bis Ende 2024 mit moderner Videotechnik ausgestattet werden. Dazu gehört auch die biometrische Gesichtserkennung, die Menschen identifizieren soll, die zur Fahndung ausgeschrieben sind. Datenschützer sehen die Technik allerdings äußerst kritisch. Der Täter von Frankfurt war zudem gar nicht international zur Fahndung ausgeschrieben.

Darüber hinaus sind laut den Vereinbarungen künftig 1300 zusätzliche Bundespolizisten für Patrouillen an Bahnhöfen geplant. Da die Beamten noch ausgebildet werden müssen, sollen die Stellen aber erst bis 2024 besetzt sein.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will sich zudem für weitere 11.300 Stellen für die Bundespolizei einsetzen, wie es im September hieß. Die Deutsche Bahn erklärte, ihrerseits etwa zehn Millionen Euro im Jahr zusätzlich in die Sicherheit an Bahnhöfen und mehr Personal stecken zu wollen.

Das hat sich am Frankfurter Hauptbahnhof geändert

Die Polizeipräsenz am Frankfurter Hauptbahnhof wurde deutlich erhöht.
Die Polizeipräsenz am Frankfurter Hauptbahnhof wurde deutlich erhöht.  © Boris Roessler/dpa

Und was ist bislang in Frankfurt passiert? "Seit dem tragischen Zwischenfall hat die Bundespolizei die Präsenz am Querbahnsteig und an den Bahnsteigen deutlich erhöht", berichtet Ralf Ströher, Sprecher der Bundespolizei am Hauptbahnhof, die direkt am Bahnhof sitzt und jedes Gleis binnen Minuten erreichen kann.

"Das heißt, die Bundespolizeiinspektion Frankfurt am Main setzt mehr Streifen ein und wird hierbei auch von verschiedenen anderen Bundespolizei-Einheiten unterstützt."

Für das kommende Jahr ist nach Angaben Ströhers eine Aufstockung der Videokameras geplant. Zudem sollen die vorhandenen auf den neuesten technischen Stand gebracht werden, "um eine bessere Qualität und eine breitere Abdeckung zu gewährleisten".

Die derzeit installierten Kameras am Hauptbahnhof sind Eigentum der Deutschen Bahn und werden auch von der Bundespolizei genutzt.

Sicherheit hat ihre Grenzen

Eine Frau legt am 31.07.2019 Blumen an dem Gleis ab, an dem der achtjährige Junge verstarb.
Eine Frau legt am 31.07.2019 Blumen an dem Gleis ab, an dem der achtjährige Junge verstarb.  © Arne Dedert/dpa

Doch bei allen technischen Möglichkeiten - gewaltsame Vorfälle in der Vergangenheit haben immer wieder gezeigt, dass selbst zufällig anwesende Polizeibeamte bei aller Reaktionsschnelle eine Attacke nicht verhindern konnten.

Zudem ist der Frankfurter Hauptbahnhof mit fast einer halben Million Reisenden am Tag einer der zentralen Verkehrsknotenpunkte Deutschlands. Täglich halten hier bis zu 400 Fernzüge, hinzu kommt der Regionalverkehr der Rhein-Main-Region und ihren vielen Pendlern. Ob da mit Videoüberwachung einem gewalttätigen Angriff vorgebeugt werden kann, dürfte fraglich sein.

Nicht nur aus Gründen der Verkehrssicherheit kann sich der Einzelne aber mit umsichtigem Verhalten aus Gefahrenzonen halten: "Gerade an den Bahnsteigen sollten Reisende immer ausreichend Abstand zur Bahnsteigkante halten", betont Ströher. "Es ist aber auch genauso wichtig, dass man auf seinen "Nachbarn" achtet und ihn notfalls auch anspricht, um ihn auf eine Gefahr aufmerksam zu machen."

Im Juli jedenfalls saß der Schock über den Tod des achtjährigen Jungen bei vielen Frankfurter Bahnhofsbesuchern tief. Das zeigte sich nicht nur an den Blumen und Kerzen, Briefen und Plüschtieren am Gleis. Mehrere Wochen lang hielten sich auffallend viele Reisende von Gedränge und Bahnsteigkante so fern wie möglich.

Mittlerweile herrscht dort wieder Normalität - und das übliche Gewusel eiliger, drängelnder Menschen

Titelfoto: Andreas Arnold/dpa

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