Dreist! Baum vom Nachbargrab aus Ärger abgesägt

Mannheim - Efeu überwuchert Grabsteine, Inschriften sind nicht mehr zu lesen und einst aufgestellte Blumen längst verwelkt. Die Zahl verwahrloster Grabstätten steigt im Südwesten. Dafür gibt es viele Gründe.

Immer mehr Gräber verwahrlosen. (Archiv)
Immer mehr Gräber verwahrlosen. (Archiv)  © DPA

Dichter Nebel zieht an diesem Novembermorgen über den Mannheimer Hauptfriedhof. Als Sascha Ziegler die Heckenschere über einer Grabstätte anwirft, steigen Krähen von umliegenden Grabsteinen auf. Ein Eichhörnchen huscht eine Ulme hinauf.

"Das Grab wirkt ungepflegt. Besucher haben sich beschwert", sagt der 29 Jahre alte Friedhofsgärtner und schneidet das üppig gewachsenes Grünzeug zurück. Normalerweise ist das Sache der Angehörigen oder eines Gärtners, den sie beauftragt haben. Doch immer mehr Grabstätten auf den Friedhöfen des Südwestens verwildern.

Dass die Grabpflege ins Hintertreffen gerät, ist auch Thema beim Bund deutscher Friedhofsgärtner im Zentralverband Gartenbau. Wie Sprecherin Julia Baum sagt, will die Branche auf die Entwicklung beispielsweise mit der Veränderung von Grabfeldern reagieren. Etwa durch Areale, die sich durch natürliche Gestaltung auszeichnen und wie Wiesen mit Wildblumen anmuten.

Auf diese Weise werde deutlich, dass Friedhöfe auch ökologisch wertvolle Orte sind, erklärt Baum. Hinterbliebene könnten sich mit ruhigem Gewissen aus der Grabpflege zurückziehen. Doch das ist noch längst nicht die Regel auf den Friedhöfen. Und noch hält das Thema ungepflegter Grabstätten die Friedhofsverwaltungen im Land auf Trab.

Sascha Ziegler führt an einem ungepflegten Grab einen Rückschnitt des Lorbeerbaumes durch.
Sascha Ziegler führt an einem ungepflegten Grab einen Rückschnitt des Lorbeerbaumes durch.  © DPA

In solchen Fällen wenden sich die Mitarbeiter in Mannheim etwa an die Angehörigen, nach denen manchmal mühevoll gesucht werden muss.

Führt das zu nichts, dann müssen die Gärtner des Eigenbetriebs selbst ran. Schließlich will man nicht, dass sich Besucher anderer Gräber über ungepflegte Ruhestätten ärgern und ihrerseits die Pflegearbeiten einstellen. "Das Risiko besteht, dass bei Vernachlässigung eines einzelnen Grabes später auch andere Ruhestätten weniger gepflegt werden", sagt Ziegler. Sein Chef ist Andreas Adam.

Der Betriebsleiter für die Friedhöfe in Mannheim erzählt, die Zahl verwahrloster Gräber nehme zu. Im Jahr gebe es mittlerweile etwa 220 Beschwerden von Hinterbliebenen, weil Gräber überwuchert sind. Noch vor 25 Jahren waren es vielleicht nur ein paar Dutzend, wie Adam sagt.

Dafür gebe es mehrere Gründe. Einer davon sei, dass es immer mehr Freiflächen auf den Bestattungsplätzen des Landes gebe.

Auf dem Hauptfriedhof in Mannheim steht ein Grablicht auf einem ungepflegten Grab.
Auf dem Hauptfriedhof in Mannheim steht ein Grablicht auf einem ungepflegten Grab.  © DPA

Er zeigt auf ein Grabfeld, das Lücken aufweist. Gräber wurden nach der Ruhezeit abgeräumt und blieben leer. Solche freien Stellen sorgen in entlegenen Bereichen des 34 Hektar großen Mannheimer Hauptfriedhofs für Wildwuchs. Der muss stetig von den zwei Dutzend Mitarbeitern zurückgedrängt werden, denn er soll sich nicht auf Gräbern ausbreiten.

Das Problem sei durch die veränderte Bestattungskultur entstanden, so der Betriebsleiter in Mannheim. Die Konkurrenz für Friedhöfe werde größer: Seebestatten sei heute in Mode, viele Menschen wählten als letzte Ruhestätte einen dafür vorgesehenen Wald. "Es gibt vor allem immer mehr Urnenbestattungen. Dafür benötigt man weniger Platz als für Erdbestattungen", sagt Adam.

Auch die Trauerkultur ändere sich. "Ich kenne nicht alle Hintergründe. Aber wir beobachten, dass Menschen weniger nach den Gräbern ihrer Angehörigen schauen", sagt der Chef der Friedhofsverwaltung. Das bringe es mit sich, dass manche Gräber weniger gepflegt werden. Es sei nicht selten der Fall, dass Verwandte in anderen Gegenden lebten. Manche Hinterbliebene sind zu alt oder zu krank um das Grab eines Verstorbenen zu pflegen. Auch habe nicht jeder Angehörige genug Geld, um einen Gärtner zu beauftragen.

Aber ohne Pflege wuchern Gräser in Ecken und auf Pfaden - und auf Nachbargräbern. Das sorge für Streit zwischen Grabreihen. "Da kommt es auch vor, dass ein verärgerter Hinterbliebener den Baum auf dem Nachbargrab absägt", erzählt Adam. Nicht selten ende ein solcher Streit beim Anwalt.

Titelfoto: DPA


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