Das sind die schlimmsten Atom-Pannen der Welt

Von Katrin Richter

Fukushima - Am 11. März 2011 blickte die Welt entsetzt nach Japan: Nach einem schweren Seebeben mit Tsunami gab es im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, nur 250 Kilometer von Tokio entfernt, einen schweren Störfall.

In gleich drei Reaktoren kam es zur Kernschmelze. Radioaktive Stoffe wurden in großen Mengen freigesetzt, weite Gebiete mussten evakuiert werden.

Vor fünf Jahren ereignete sich in Japan eine Naturkatastrophe von bisher dort unbekanntem Ausmaß. 300.000 Menschen wurden in andere Teile des Landes evakuiert.

Bis heute gibt es Unklarheiten hinsichtlich der radioaktiven Belastung und Gesundheits- wie Umweltschäden, ganz abgesehen von den immensen Zerstörungen durch den Tsunami.

Bilder wie dieses von der Explosion gingen um die Welt.
Bilder wie dieses von der Explosion gingen um die Welt.

Um 14.46 Uhr Ortszeit, 6.46 Uhr unserer Zeit, erschüttert ein schweres Seebeben die Ostküste Japans. Mit einer Stärke von 9,0 ist das Tohoku-Erdbeben das stärkste in der japanischen Geschichte. Im unmittelbaren Einwirkungsbereich dieser Naturkatastrophe liegen die Standorte von vier Kernkraftwerken. Am schwersten betroffen ist der Standort Fukushima-Daiichi.

Aufgrund der Erdstöße brechen die Reaktoren 1, 2 und 3 automatisch die Kettenreaktion ab. Die Blöcke 4 bis 6 waren ohnehin zu Revisionsarbeiten abgeschaltet. Trotzdem produzieren die Reaktoren noch extrem viel Wärme.

Kurz danach bricht, zum Teil auch durch umgestürzte Strommasten, die allgemeine Stromversorgung in vielen Regionen zusammen. In diesem Moment übernehmen planmäßig die Notstromdieselgeneratoren die Stromversorgung der Kühlsysteme.

Nach dem Unglück: Das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima.
Nach dem Unglück: Das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima.

Verheerend ist allerdings die nachfolgende Flutwelle: Ein Tsunami zerstört diese Notstromaggregate, dadurch können die Reaktoren nicht mehr gekühlt werden - und heizen sich zunehmend auf.

Als die Dichtungen nachgeben, strömen die radioaktiven Substanzen und hochexplosiver Wasserstoff in das Reaktorgebäude von Block 1. Der Druck im Reaktor steigt jetzt so stark an, dass die Arbeiter ein Ventil öffnen, damit der Druck entweichen kann. Dadurch strömen jetzt noch mehr Radioaktivität und noch mehr Wasserstoff in die Umgebung.

Plötzlich zerreißt eine Wasserstoffexplosion das Reaktorgebäude von Block 1. Damit verbreitet sich viel radioaktives Material in die Umwelt. In der Folge kam es zu weiteren Explosionen mit Zerstörungen der Blöcke 3 und 4. Das Kraftwerk ist außer Kontrolle.

Medizinisches Personal überprüft die Strahlenbelastung von Bewohnern in einem Dorf nahe Fukushima.
Medizinisches Personal überprüft die Strahlenbelastung von Bewohnern in einem Dorf nahe Fukushima.

Nach und nach schmelzen die Kerne der Reaktorblöcke 1, 2 und 3. Das flüssige radioaktive Material frisst sich bis in die Fundamente der Reaktorgebäude. Aufgrund der Gesamtradioaktivität der freigesetzten Stoffe hat die japanische Atomaufsichtsbehörde die Ereignisse auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse den Vorfall in die höchste Kategorie 7 („katastrophaler Unfall“) eingestuft.

Insgesamt wurde rund ein Zehntel der Menge an radioaktiven Stoffen der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 freigesetzt. Weil in den ersten Wochen der Atomkatastrophe der Wind meistens aus dem Westen blies, landeten vier Fünftel (79 Prozent) der Emissionen über dem Pazifik, nur ein knappes Fünftel (19 Prozent) über Japan, die restlichen 2 Prozent verteilen sich auf andere Länder.

Bei Ostwind hingegen wäre das Land vermutlich durch einen radioaktiv verseuchten Streifen in der Mitte zweigeteilt worden. Außerdem verhinderte das Containment, das heißt der schützende Mantel um den Reaktorkern, der in Tschernobyl nicht existierte, den „Super-GAU“.

Die Aufräumarbeiten werden voraussichtlich 30 bis 40 Jahre dauern, die Kosten der Katastrophe werden auf über 150 Milliarden Euro geschätzt.

Ein auf das Dach einer Herberge gespülte Schiff zeigt die Wucht der Tsunamiwelle.
Ein auf das Dach einer Herberge gespülte Schiff zeigt die Wucht der Tsunamiwelle.

Pannen und Unfälle gab es schon früher

Eine Untersuchungskommission besichtigt in Schutzkleidung den Reaktor von Harrisburg. Block 2 des AKW schrammt 1979 nur knapp an einem Super- GAU vorbei.
Eine Untersuchungskommission besichtigt in Schutzkleidung den Reaktor von Harrisburg. Block 2 des AKW schrammt 1979 nur knapp an einem Super- GAU vorbei.

Harrisburg und Tschernobyl - diese beiden Ortsnamen sind als Schauplätze von schweren Unfällen und Katastrophen im Zusammenhang mit Atomenergie bekannt.

Im Kernkraftwerk „Three Mile Island“ im US-Bundesstaat Pennsylvania fiel 1979 die Reaktorkühlung aus und es kam zu einer partiellen Kernschmelze. Dadurch traten große Mengen radioaktiver Gase und verseuchten Wassers aus und gelangten ungefiltert in die Luft.

Dieser Unfall ist bis heute der schwerste in einem kommerziellen Reaktor in den USA.

Tschernobyl steht für den bisher schlimmsten Reaktorunfall in der Geschichte. Eine Kernschmelze am 26. April 1986 löste mehrere Explosionen aus. Dabei wurde Radioaktivität in einem Umfang freigesetzt, der dem 200-fachen der Hiroshima-Bombe entspricht.

Die Anzahl der Opfer schwankt bis heute erheblich.

Manche Quellen gehen von mehr als 10.000 Todesopfern allein unter den Aufräumarbeitern vor Ort aus.

Das Kraftwerk nach der Explosion. Radioaktiver Staub verbreitete sich in ganz Europa. Mensch und Natur kämpfen mit den Spätfolgen.
Das Kraftwerk nach der Explosion. Radioaktiver Staub verbreitete sich in ganz Europa. Mensch und Natur kämpfen mit den Spätfolgen.

Acht AKW sind bei uns noch am Netz

Mit Spruchbändern wird in Deutschland gegen Atomenergie demonstriert
Mit Spruchbändern wird in Deutschland gegen Atomenergie demonstriert

Kurz nach der Fukushima-Katastrophe beschloss Deutschland den Atomausstieg. Acht Reaktoren wurden sofort stillgelegt. Nach der Abschaltung von Grafenrheinfeld Ende Juni 2015 sind in Deutschland noch acht Atommeiler in Betrieb.

Bis 2022 sollen alle diese AKW nach aktueller Planung abgeschaltet werden.

Der Anteil der Kernenergie an der Bruttostromerzeugung 2014 betrug 15,8 Prozent. Bei der sogenannten Grundlast, also der Stromversorgung rund um die Uhr, lag der Kernenergieanteil 2014 bei 35,6 Prozent.

In Deutschland wurden zwischen 1957 und 2004 etwa 110 kerntechnische Anlagen in Betrieb genommen. Dabei muss zwischen Kernreaktoren zur Energiegewinnung und Forschungsreaktoren unterschieden werden.

Der Ausbildungskernreaktor Dresden in Rossendorf erhielt 2004 als bislang letzter Forschungsreaktor seine Betriebsgenehmigung.

Fotos: dpa/Zuma Press, dpa/UPI, imago, dpa/EPA, dpa, dpa/Marius Becker, dpa/ABC TV


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