Dieser Ex-Dynamo fährt jetzt Leichenwagen

1998/99 stürmte Nico Patschinski (l., gegen den Jenaer Matthias Wentzel) für Dynamo Dresden.
1998/99 stürmte Nico Patschinski (l., gegen den Jenaer Matthias Wentzel) für Dynamo Dresden.

Von Thomas Grillmeister

Hamburg/dresden - Es ist die wohl wundersamste Wandlung eines ehemaligen Bundesliga-Spielers. Nico Patschinski (39) - ein Stürmer zwischen Genie und Wahnsinn.

Auf dem Rasen und im Privatleben. Doch seit einem Jahr hat der einst ruhelose und verschuldete Spieler seinen inneren Frieden gefunden. Er ist als Bestatter am Ball.

Patschinski macht eine gute Figur. Schwarzer Anzug, Krawatte, ein meist offener Mantel. 1,83 Meter geballte Seriosität. Ausgeglichen und freundlich kommt er daher. Einer, dem man sofort seinen Kummer anvertrauen möchte. Und das taten dann auch viele Trauernde in den letzten Monaten.

Der Ex-Profi tröstet, ohne in salbungsvolle Sprach-Schablonen zu verfallen. Er kennt das Leben zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Auch deshalb findet er nun auf dem Friedhof stets die richtigen Worte. Manchmal wird er erkannt. Und es kommt vor, dass er nach der Trauerfeier aus seiner Sturm-und-Drangzeit erzählen soll.

Nico Patschinski macht mit schwarzem Anzug und Krawatte eine gute Figur.
Nico Patschinski macht mit schwarzem Anzug und Krawatte eine gute Figur.

Die begann einst bei Union Berlin, führte ihn 1998 auch zu Dynamo Dresden, wo er in 32 Regionalliga-Spielen zwölf Tore schoss.

Den Aufstieg in die Bundesliga schaffte er mit St. Pauli. „Patsche“, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Drei Jahre dauerte der Freudentaumel.

Patschinski nahm kein Blatt vor den Mund, fiel auf, polarisierte. Er wechselte ständig die Fußballklubs und lebte privat auf der Überholspur des Lebens.

„Patsche im Glück“ - das Märchen wollte er selbst schreiben. Aber der Spieler verlor immer öfter - im Casino, an der Börse, auf dem Immobilienmarkt. Nun steckt der dreifache Vater mitten in der Privatinsolvenz, in der Wohlverhaltensphase.

Im Leichenwagen ist Nico Patschinski in seinem neuen Job unterwegs.
Im Leichenwagen ist Nico Patschinski in seinem neuen Job unterwegs.

Zunächst fuhr er Pakete aus, um sich über Wasser zu halten. Dabei wurde ein Bestattungsunternehmer auf ihn aufmerksam und fragte, ob er sich vorstellen könnte, bei ihm zu arbeiten.

48 Stunden später sagte Nico Patschinski zu. „Heute bin ich traurig, dass ich den Beruf nicht schon ein paar Jahre eher für mich gefunden habe“, bedauert er. „Er ist genau richtig für mich. Durch ihn bekomme ich einen ganz anderen Blick auf die wirklich wichtigen Dinge.“

Nach den vielen Höhen und Tiefen wirkt Patschinski gereift. Der einstige Lebemann lebt nun bescheiden mit Frau und Kindern. Über den Tod hat er in den letzten Monaten viel nachgedacht.

Er weiß auch schon, wie seine Beerdigung einmal aussehen soll: „Alle sind in weiß gekleidet, es soll Musik von den Rolling Stones gespielt werden und jemand eine witzige Rede halten“, schwebt dem Wahl-Hamburger vor. Doch er hofft, dass ihm bis dahin noch viel Zeit bleibt.

Übrigens ist Nico Patschinski am Freitag ab 22 Uhr zu Gast in der MDR-Talk-Show „Unter uns - Geschichten aus dem Leben“.

Fotos: picture alliance/Thomas Grillmeister


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