Sportdirektor Minge zum Dynamo-Blackout: "Es stehen Menschen auf dem Platz"

Dresden - "Wir haben einen Traum!", heißt der Leitspruch der SG Dynamo Dresden. Nach dem 1:8-Debakel von Köln haben die Schwarz-Gelben derzeit aber vor allem mit einem Albtraum zu kämpfen. Zumindest Sportdirektor Ralf Minge ist aus dem schon wieder erwacht und blickt vorsichtig optimistisch in die kommenden Wochen.

Ralf Minge streckt sich beim legendären Europacup-Spiel 1986 in Uerdingen nach dem Ball. Minge musste seinerzeit nach einem Zehenbruch fitgespritzt werden. Trotzdem gelang ihm bereits in der 1. Minute der Führungstreffer.
Ralf Minge streckt sich beim legendären Europacup-Spiel 1986 in Uerdingen nach dem Ball. Minge musste seinerzeit nach einem Zehenbruch fitgespritzt werden. Trotzdem gelang ihm bereits in der 1. Minute der Führungstreffer.  © picture alliance/Franz-Peter Tschauner

Immerhin hilft dem 58-Jährigen der Alltag, um nicht ständig an die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte erinnert zu werden.

"Wenn man ab Montagfrüh im Hamsterrad wieder drin ist, muss man das zwangsläufig zumindest temporär beiseite schieben. Verarbeiten kommt später. Irgendwann müssen wir einen Haken dranmachen. Siege helfen da immer, überhaupt keine Frage. Aber das ist noch nicht der Schritt, der jetzt ansteht. Wir müssen schon noch über zwei, drei Sachen ganz einfach sprechen. Die wesentlichen Sachen sollten dabei eine Rolle spielen."

Eine genaue Erklärung, was da in Köln passiert ist, hat Minge nur ansatzweise: "Es klingt zwar hart, aber es war schon so ein bisschen kollektives Versagen. Das beziehe ich nicht auf die 14 eingesetzten Spieler, sondern es gibt auch andere Sachen. Wir haben uns überraschen lassen von den Kölnern. Wir hatten keinen guten Tag. Köln hat ohnehin für die Liga eine Topmannschaft, also eher eine Bundesligamannschaft.

Mit anderen Worten: Wenn die eine Topleistung bringen und wir unter unseren Möglichkeiten bleiben, das führt dann dazu, dass so ein Ergebnis zustande kommt."

Ein gutes Beispiel für dermaßen außergewöhnliche Ereignisse ist wohl das sensationelle 7:1 der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014 im Halbfinale gegen Brasilien, als bei der Löw-Elf alles, bei den Gastgebern gar nichts ging.

"Die Tage gibt's ja nicht oft, wo beide Extreme so aufeinandertreffen und dann das Drehbuch noch passt, was den Zeitpunkt der Tore anbelangt. Das passiert ja nicht oft. Bis zum 3:0, 4:0 haben wir schlecht gespielt und danach hatten wir einen Blackout. Ganz einfach. Das sind Prozesse, die bewusst schwer zu steuern sind. Es darf nicht passieren, sagt man. Aber es stehen Menschen auf dem Platz. Das muss man immer noch sehen. Insofern ist jede Erklärung makaber. Wir müssen uns dem stellen, ganz einfach. Es war eine Enttäuschung."

Dynamos Sportdirektor Ralf Minge musste in Köln den Untergang seiner Mannschaft hilflos mit ansehen. Umwerfen soll dieser Ausrutscher die Schwarz-Gelben aber nicht.
Dynamos Sportdirektor Ralf Minge musste in Köln den Untergang seiner Mannschaft hilflos mit ansehen. Umwerfen soll dieser Ausrutscher die Schwarz-Gelben aber nicht.  © Worbser/Mike Worbs

Als Spieler hat Minge auf dem Platz Ähnliches erlebt - das 3:7-Trauma von Uerdingen gehört mittlerweile fest zur Dynamo-Historie.

Der ehemalige Torjäger erinnert sich noch ganz genau an diesen 19. März im Jahre 1986.

"Es waren damals natürlich andere Umstände, andere Vorzeichen. Aber wenn man diesen einen neuralgischen Punkt betrachtet, wo man das Spiel total aus den Händen gibt, wo dann so ein Blackout einsetzt - dieser neuralgische Punkt war sicherlich in Uerdingen da, und der war in Köln spätestens nach dem 4:0 gegeben. Das war auch so ein Spiel, wo so viel zusammenkommen muss, was im Normalfall nicht zusammenkommt. Aber diesen einen Tag, den gibt's halt mal."

Dazu kam damals auch noch die "Republikflucht" von Frank Lippmann, die den Verein erschütterte. Minge: "Es waren andere, politische Dimensionen, weil es der Kampf der Weltsysteme war. Mir ging es damals nach dem Spiel hundeelend. Dann noch dieser Beigeschmack wegen Lippe. Das war ein Feuerwerk auf Physis und Psyche, das war schon der Hammer. Aber jetzt ist ja keiner drüben geblieben, ist ja keiner abgehauen..."

Dynamo war 1986 nach dem Uerdingen-Spiel für den Rest der Saison von der Rolle. Das soll sich jetzt natürlich nicht wiederholen. Dennoch könnte die Truppe einen psychologischen Knacks wegbekommen haben. Was Minge nicht hofft: "Angst ist der schlechteste aller Begleiter, definitiv. Wir haben auch schon bessere Leistungen abgerufen in diesem Jahr. Wir müssen wieder das Selbstvertrauen haben, die Überzeugung, und so die nächsten Spiele annehmen."

Wie das Trainerteam die Mannschaft zurück in die Spur bringt, überlässt Minge Maik Walpurgis: "Das ist ganz klar Trainersache. Er ist tagtäglich mit der Mannschaft zusammen. Er sieht die Trainingsleistungen, das Verhalten. Von meiner, von unserer Seite ist das vollste Vertrauen vorhanden, dass da die richtigen Entscheidungen getroffen werden."

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