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Gedenkstätten-Chef schwer unter Beschuss

Dresden - Bei der Stiftung Sächsische Gedenkstätten brodelt es gewaltig! Auslöser: Geschäftsführer Siegfried Reiprich (60).
Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Bautzen ist seit 1989 eine Gedenkstätte. Zwischen Mitarbeitern und dem Chef der Stiftung ist die Stimmung eisig.
Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Bautzen ist seit 1989 eine Gedenkstätte. Zwischen Mitarbeitern und dem Chef der Stiftung ist die Stimmung eisig.

Von Torsten Hilscher

Dresden - Nationalsozialismus, Stalinismus, DDR - kein anderes Bundesland weist so viele Originalschauplätze jüngerer deutscher Geschichte auf. Auch wenn die Auswüchse der Systeme nicht vergleichbar sind, haben sie doch gemeinsame Orte der Repression hinterlassen.

Um deren Bewahrung kümmert sich die Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Doch dort brodelt es gewaltig. Auslöser: Geschäftsführer Siegfried Reiprich (60).

„Autoritär, diktatorisch - ein kleiner Napoleon. Der Mann ist nicht mehr tragbar“, sagt Manfred Wilke. Der Professor ist Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte Bautzen; jenem Komplex, der nach seinen Worten die symbolträchtigste Erinnerungsort Sachsens ist. Begriffe wie Gelbes Elend, Bautzen II, Stasi-Knast sprechen für sich. Im Bautzen von heute spielen Geschichten, die, glaubt man den Beteiligten, zeigen, was ganz oben bei der Dresdner Stiftungs-Zentrale im Argen ist.

Der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich (60), steht bei vielen in schwerer Kritik.
Der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich (60), steht bei vielen in schwerer Kritik.

Am 2. Februar wird zum Beispiel die Kündigungsschutzklage einer Mitarbeiterin aus Bautzen vor dem Arbeitsgericht Dresden verhandelt (Az 4Ca2207/15).

Sie musste nach mehr als 20 Jahren Dienst gehen - „verhaltensbedingt“, wie die fristlose und zusätzliche eine fristgerechte Kündigung überschrieben ist.

Dazu ihr Anwalt: „Wir weisen alle Vorwürfe zurück.“

„Empörend“ findet den Rauswurf Veteran Karl Wilhelm Fricke (86). Der Publizist und spätere Redakteur beim Deutschlandfunk gehörte 1956 zu den ersten politischen Bautzen II-Gefangenen.

Fricke: „Ich bin in großer Sorge um die Gedenkstätte!“ Er spricht von „kleinlichen“ und „schikanösen“ Entscheidungen, die Reiprich in Personaldingen durch „unkollegiale Führung“ treffe. Er habe persönlich nichts gegen Reiprich, halte ihn aber - auch fachlich - für eine Fehlbesetzung an der Spitze der Stiftung, der auch Bautzen untersteht.

Karl Wilhelm Fricke wurde selbst 1956 im Stasi-Gefängnis eingesperrt. Heute sorgt er sich um die Zukunft der Gedenkstätte.
Karl Wilhelm Fricke wurde selbst 1956 im Stasi-Gefängnis eingesperrt. Heute sorgt er sich um die Zukunft der Gedenkstätte.

Mit Bautzen abgeschlossen hat Cornelia Liebold (47). Nach 19 Jahren.

„Das ist mir nicht leicht gefallen. Aber die innerbetrieblichen Arbeitsbedingungen und das Betriebsklima im Gesamtverbund Sächsische Gedenkstätten ließ mir keine andere Wahl.“

Ihre Kündigung vom 25.3.2015 zum 30. September liest sich wie eine Ohrfeige für Reiprich. Das Arbeitszeugnis bekam sie erst kürzlich und, nach eigener Einschätzung, erst nach Intervention des Wissenschaftsministeriums.

Dort ist man gar nicht glücklich über all das. Unumwunden spricht das Ministerium von „verstärkt zu verzeichnenden Konflikte innerhalb und im Umfeld der Stiftung“.

In der Stiftungsratssitzung Ende 2015 distanzierte sich Ministerin Eva-Maria Stange (58, SPD) als Stiftungsratsvorsitzende von Reiprich, so ein Teilnehmer. Zugleich habe sie fehlende Handhabe gegen ihn eingeräumt: Die Stiftungssatzung bindet ihr die Hände.

In diesen isolierten Höfen hatten die Häftlinge Freigang.
In diesen isolierten Höfen hatten die Häftlinge Freigang.

Das Papier war sogar noch vor nicht allzu langer Zeit zugunsten einer starken Geschäftsführer-Stellung präzisiert worden … Die Satzung und Reiprich erbte Stange nur.

Nun sucht eine Arbeitsgruppe des Stiftungsrats bis Mai Lösungen, bestätigt das Ministerium. Dann tagt wieder der Stiftungsrat. Selbst Ministerin Stange zeigt sich über die Situation „besorgt“, lässt das Ministerium ausrichten.

„Die Lage könnte schlimmer nicht sein“, toppt ein Mitglied des Rates die Ministerin.

Es würden nicht nur Mitarbeiter verprellt, sondern auch Ehrenamtliche, die die Gedenkstätten nach der Revolution von 1989 erst zugänglich machten, darunter den Chemnitzer Kaßberg mit dem ehemaligen größten Abschiebeknast der DDR.

Sogar die Vositzende des Stiftungsrates, Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (58, SPD) hat sich schon von Reiprich distanziert.
Sogar die Vositzende des Stiftungsrates, Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (58, SPD) hat sich schon von Reiprich distanziert.

Auch in Torgau soll es gewaltig grummeln.

Inzwischen hat gar der Personalrat der Stiftung Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Reiprich an die Ministerin gerichtet, was Reiprich selbst dementiert, das Ministerium aber bestätigt.

Den schwersten Vorwurf gegen Reiprich erhebt sein früherer Vize Klaus-Dieter Müller: „Er ist ein Sonnenkönig. 80 Prozent in der Stiftung sind gegen ihn. Vor allem ist er zu konzentriertem wissenschaftlichen Arbeiten nicht fähig.“

Durch Reiprich spiele die Stiftung bundesweit keine Rolle mehr. „Wir sind die Outlaws der Szene“, so Müller. An vielen Tagungen würden Gedenkstättenleiter nicht mehr teilnehmen können.

Probleme hat auch der Förderverein Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain. Dem e.V. wurde durch Reiprich zu Ende 2015 die Kooperation gekündigt. Zuvor hatte er laut Vereinschef Eberhard Paul versucht, sich in die inneren Angelegenheiten des Vereins einzumischen.

Das kann so nicht weiter gehen, sagt daher Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, der zugleich ebenfalls im Stiftungsrat sitz: „Ich wünsche mir dringend im Sinne der politischen Bildung für die Gedenkstätten wieder ein größeres Maß an Selbständigkeit.“

Das sagt Reiprich zu den Vorwürfen:

Zu Zeithain: Der Verein habe die mit der Stiftung abgeschlossene Kooperationsvereinbarung ein Jahr lang (November 2014 bis Dezember 2015) „missachtet“, in dem er die gegenseitigen zeitnahen Informationspflichten „in den Wind schlug“, so Reiprich.

„Schwere Vorwürfe, zumal sie sich als völlig unbegründet herausstellten, gegen den Geschäftsführer hätten an diesen gerichtet werden und/oder zumindest zur Kenntnis gegeben müssen. Meine von März bis Ende September ´15 vorgetragene Bitte, mitzuteilen, was Herr Paul mir vorwirft, war keine Einmischung in innere Angelegenheiten, sondern im Vollzug der Kooperationsvereinbarung zwingend geboten.“

Auch habe nicht der ganze Zeithainer Verein sich beschwert: „Womöglich war die Beschwerde das Werk meines Mitarbeiters Jens Nagel als Ghost-Writer und von Herrn Paul, und dann sind sie zurückgerudert und sprachen nach 10 Monaten plötzlich nicht von einer Beschwerde, sondern von einen Brief an die Abgeordnete (Anm. d. Red.: die heutige Wissenschaftsministerin Eva-Maria) Stange, was eine Schutzbehauptung wäre.

Erst als der Versuch gescheitert war, mich unter einem Diktat des Termins, der Teilnehmer und der Agenda, ins Ministerium zu einem Gespräch zu zitieren und politisch „von oben“ unter Druck zu setzen, bekam ich eine Antwort.“

Zum Verhältnis zum Zeithainer Vorsitzenden Eberhard Paul: „Ich bin am 26.1.16 in Riesa (Ausstellungseröffnung Polizei im NS) auf Herrn Paul zugegangen. Seine Aussagen sind widersprüchlich, aber ich will jetzt darin nicht herumstochern, sondern mit ihm unter vier Augen die Angelegenheit klären.

Für einen Neuanfang wäre ich offen, muß aber wegen jahrelanger negativer Erfahrungen skeptisch bleiben.“

Zu Arbeitsgerichtsprozess: „Gegen Frau X mußten wir eine Strafanzeige wegen Unterschlagung und Veruntreuung von Spendengeldern von Besuchern, die in Spendenboxen in der Gedenkstätte gesammelt worden waren, erstatten. Gekündigt worden war sie wegen des Verdachts der Untreue und der veruntreuenden Unterschlagung von Spenden und Einnahmen aus Buchverkäufen. Das Vertrauensverhältnis war zerrüttet, die Weiterbeschäftigung nicht zumutbar. Sie hatte als Geldstellenverwalterin versagt und mich/uns auch mehrfach belogen.“

Zur internen Arbeitsgruppe im Stiftungsrat, die das Dilemma um Reiprich lösen soll: „Eine AG dieses Namens gibt es nicht. Es gibt eine AG zur Vorbereitung einer Entscheidung zum Umgang mit diversen Beschwerden, Skandalisierungen, anonymen Denunziationen und Anzeigen und so weiter. Insofern ist es eine AG zu einer Vielzahl von Personen, ihrem Tun und Lassen.

Ursprünglich war ich mal für die Einsetzung eines Beschwerdeausschusses des Stiftungsrates, gerade in Bezug auf den Personalrat, da er mir Arbeit im ,Klein-Klein‘ abnehmen zu können schien und ich loyal gegenüber dem Stiftungsrat denke und fühle.“

Zu Chemnitz: „Das ist völlig falsch. Ich bin Gründungsmitglied des Chemnitzer Vereins, habe mit Roland Jahn und Hanka Kliese und anderen viel mit bewegt, und das wurde auch anerkannt. Die Dinge liegen ganz anders in Chemnitz.“ In den Sitzungen des Stiftungsrates sei er wegen seines Engagements für Chemnitz-Kaßberg „nie irgend kritisiert“ worden.

Zur Stiftung generell: „Diese Stiftung besteht, quasi in konzentrischen Kreisen, aus vier Gremien und Organen (46 Menschen), sechs unselbständige Arbeitsstellen plus Geschäftsstelle, acht Gedenkstätten/Dok-Zentren/Aufarbeitungsinitiativen in Freier Trägerschaft und vier plus eine Gedenkstätte im Aufbau. Dazu kommen noch Förder- und Trägervereine und Bürgermeister der Sitzgemeinden, Stadträte, Landräte, Landes- und Bundesabgeordnete und Antragssteller für kleine Projekte.

Feste Mitarbeiter haben wir über 23, dazu noch Honorarkräfte, Freiwilligendienst, Praktikanten und so weiter. Also weit, weit über 100 Menschen, denen nach bestem Wissen und Gewissen gerecht werden, Interessengegensätze moderieren, schwierige Entscheidungen usw. fällen muß, und mit ihnen kommunizieren muß, kann und darf.“

Zum verschleppten Arbeitszeugnis von C. Liebold: „Nein, das Gegenteil ist der Fall. Das Zeugnis war schon in Arbeit, als ich noch im Hamburger Modell in der Wiedereingliederung in die Stiftung war (Ende September).

Ausgestellt werden durfte es erst nach dem 30.9., dann aber zeitnah, also nach Ausscheiden von Frau Liebold, da die gesamte Dienstzeit zu beurteilen war.

Sie verabschiedete sich zuvor mit einem provokanten Bruch der Satzung/Geschäftsordnung, indem sie - noch als Stiftungsmitarbeiterin - vom Dienstcomputer eine Rundmail mit unsubstantiierten Vorwürfen unter Mißachtung des Dienstweges an Gremienmitglieder sandte, die mir nicht zur Kenntnis gegeben wurde. Dafür wurde sie an Dritte außerhalb der Stiftung durchgestochen.

Dies kann als Ablenkungsmanöver gesehen werden, da Frau Liebold stellvertretende Geldstellenverwalterin, und damit mitverantwortlich für das Verschwinden tausender Euro an Spendengeldern war und sie tief verstrickt in das System jahrelang geführter schwarzer Kassen in der Gedenkstätte Bautzen war!“.

„Mein Zeugnis war gleichwohl wohlwollend. Sie hatte sich in der Mitte des Arbeitslebens noch einmal neu orientiert, und ich wollte dem nicht entgegen stehen.“

Redaktionelle Ergänzung vom 8. Februar 2016: Frau Liebold hat gegen Siegfried Reiprich eine Unterlassungs- und Widerrufsaufforderung erwirkt. Dieser gab Reiprich statt: Mit Schreiben vom 4. Februar 2016, das MOPO24 vorliegt, erklärt er "namens und in Vollmacht der Stiftung", dass er nicht weiter verbreiten und nicht wiederholen wird:

1. Liebold sei mitverantwortlich für das Verschwinden Tausender Euro an Spendengeldern und

2. Liebold sei "verstrickt" in ein System jahrelang geführter schwarzer Kassen in der Gedenkstätte Bautzen.

Fotos: PR/Stiftung Sächsische Gedenkstätten, imago, Felix Zahn, Holm Helis

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