Gewalt gegen Kinder okay? Grimme-Nominierung für umstrittene Erziehungs-Doku "Elternschule"

Gelsenkirchen - Das Thema ist noch immer aufgeladen: Wie erziehen Eltern heute ihre Kinder und wie geht die Gesellschaft damit um? Die Regisseure Ralf Buecheler (45) und Jörg Adolph (52) wollten mit ihrer Doku "Elternschule" verschiedene Erziehungsmethoden zeigen. Doch damit provozierten sie jede Menge Ärger und kassierten neben Lob vor allem einen Shitstorm für ihr Werk, das angeblich Gewalt an Kindern legitimiere, heißt es von Kritikern. Nun sind sie damit für den Grimme-Preis nominiert.

Szene aus dem Film "Elternschule" von Jörg Adolph und Ralf Buecheler.
Szene aus dem Film "Elternschule" von Jörg Adolph und Ralf Buecheler.  © Jörg Adolph/SWR/dpa

Als der umstrittene Dokumentarfilm im Oktober 2018 in die Kinos kam, reagierten viele Eltern, Kinderärzte und -psychologen entsetzt auf die darin beworbenen Erziehungsmethoden.

Mit einer Petition wurde sogar die Absetzung gefordert und selbst der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) erhob schwere Vorwürfe.

Darum geht's: Für den Film begleiteten die Regisseure mehrere Familien, die sich für eine stationäre Therapie mehrere Wochen in einer psychosomatischen Klinik in Gelsenkirchen aufhielten.

Therapiert werden dort junge Menschen, die unter chronischem Stress leiden. Manche von ihnen wollen nichts essen, andere schreien stundenlang. Ärzte und Pfleger sollen den Betroffenen mit entsprechenden Methoden helfen.

Doch die gezeigten Einzelschicksale sind mitunter dramatisch: Eine Mutter will ihr Kind ins Heim geben, weil sie die (körperlichen) Attacken gegen sich nicht mehr aushält. Eine andere erträgt das Durchschreien ihres Kindes nicht mehr und ist völlig fertig. Später folgt ein Einblick in den Elternschulunterricht.

In der Doku sollen die Bilder für sich sprechen, auf einen neutral kommentierenden Sprecher wird verzichtet. Stattdessen werden die Mediziner und Therapeuten selbst um eine Stellungnahme gebeten. Nach und nach bekommt der Zuschauer so einen Eindruck davon, wie in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen gearbeitet wird.

Ihr Anspruch: Die Kinder-Erziehung soll mit liebevoller Konsequenz erfolgen. Doch das hat Kritiker auf den Plan gerufen!

Hilfe ja, aber nicht in Form von Gewalt

Psychologe und Abteilungsleiter Dietmar Langer erforscht die Zusammenhänge zwischen Stress, Erziehung und chronischer Krankheit.
Psychologe und Abteilungsleiter Dietmar Langer erforscht die Zusammenhänge zwischen Stress, Erziehung und chronischer Krankheit.  © Jörg Adolph/SWR/ARD/dpa

"Der Film 'Elternschule' dokumentiert die Behandlung psychosomatisch erkrankter Kinder und Kleinstkinder. Nach Einschätzung des DKSB zeigt er einige verzweifelte Mütter, die in der Klinik lernen, dass eine Eltern-Kind-Beziehung eine Kampfbeziehung ist und dass sie möglichst hart zu ihren Kindern sein sollen", erklärte der DKSB bereits zum Kinostart.

Die gezeigten Kinder und ihre Familien seien in großer Not und brauchen intensive Unterstützung. Aber: "Über den gewaltvollen Charakter vieler Szenen kann der Verband aber nicht hinwegsehen."

Doch diesen Vorwurf bestreitet Ralf Buecheler in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Dort heißt es: "Wir zeigen keine Gewalt gegen Kinder!"

Der DKSB hält an seinen Vorwürfen fest. Als bekannt wurde, dass der heftig polarisierende Film nun für den Grimme-Preis nominiert ist, folgte promt eine Stellungnahme des Kinderschutzbundes Niedersachsen, nachzulesen auf der Webseite des Landesverbands. Darin heißt es:

"Der Dokumentarfilm 'Elternschule' zeigt Eltern und ihre Kinder, die eine Therapie in der Kinder- und Jugendklinik für psychosomatische Erkrankungen in Gelsenkirchen durchlaufen – und wurde jetzt für den Grimme-Preis nominiert.

Der Kinderschutzbund Niedersachsen wünscht sich eine ausgewogene Auseinandersetzung der Jury mit der Wirkung einer Auszeichnung der Dokumentation. Psychische und physische Gewalt gegen Kinder ist nicht preiswürdig.

Eine vermeintliche 'neutrale Beobachtung' unterstützt die Legitimierung von gewaltvollen Behandlungsmethoden und untergräbt Bemühungen für Kinderrechte und Kinderschutz in Deutschland."

Veraltete Erziehungsmethoden

Die Verleihung des Grimme-Preises 2020 soll am 27. März im Theater der Stadt Marl stattfinden.
Die Verleihung des Grimme-Preises 2020 soll am 27. März im Theater der Stadt Marl stattfinden.  © Roland Weihrauch/dpa

Die DKSB bewertet die Doku auch "keineswegs als journalistisch-neutrale Beobachtung". So würden "kritische Stimmen von Fachleuten, Verbänden, Kinderschutzorganisationen und langfristig geschädigten Eltern und Kindern (...) konsequent ausgeblendet."

Dadurch habe das Publikum nicht die Möglichkeit, sich umfassend über die Behandlungsmethoden und ihre Wirkungen zu informieren.

Auch vermittle der Titel, dass die gezeigten Methoden für die Kindererziehung völlig legitim seien. Das führe jedoch dazu, "dass Eltern gewaltvollen Umgang mit ihren Kindern als förderlich für die Erziehung verstehen können."

Die Auszeichnung mit dem Grimme-Preis würde somit auch "Gewalt an Kindern auszeichnen und somit legitimieren".

Dabei ist von psychischer und physischer Gewalt die Rede.

Schon 2018 erklärte der Kinderschutzbund: "Das Recht auf gewaltfreie Erziehung ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) und in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben. Verhalten sich Eltern gegenüber ihren Kindern so wie das Klinikpersonal in dem Film, dann ist das rechtswidrig", so Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers.

Unter dem Hashtag #KeinPreisfürGewalt schließen sich dem immer mehr Menschen in den sozialen Netzwerken an.

Stellungnahme vom Grimme-Institut

Zu seiner Nominierungs-Entscheidung twitterte das Grimme-Institut: "Zur Diskussion der #Elternschule Nominierung erläutert die Kommission: 'Bei diesem rein beobachtenden Dokumentarfilm sind die Zuschauer*innen völlig auf sich allein gestellt, sie müssen selbst eine Haltung zu den dargestellten Erziehungsmethoden und deren Verfechtern finden."

Und weiter: "Das kann für die Zuschauer*innen ein anstrengender, ambivalenter und auch schmerzhafter Prozess sein, aber es ist eben auch eine bemerkenswerte Leistung der Filmemacher, genauso einen Prozess auszulösen. Auch wenn die Therapieform teilweise brachial und vorgestrig sein mag - die öffentliche Diskussion über die Würde des Kindes im Anschluss an diesen Film wäre sonst so nicht möglich gewesen."

Das kommentierte der User "Juno" bei Twitter so: "Na ja, 'Therapie' 'teilweise' 'brachial', aber hey, was soll’s, gab tolle Diskussion danach! Film kriegt nen Preis, wird schon keiner nachmachen. Ernsthaft? Wie empathielos, ahnungslos, verantwortungslos kann man sein, gerade nach der Diskussion?"

Titelfoto: Roland Weihrauch/dpa, Jörg Adolph/SWR/dpa

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